Im aktuellen Spiegel findet sich ein schon häufiger kolportierter Satz von Bradley Manning. Das ist jener junge amerikanische Soldat, der unzählige diplomatische Dokumente der USA an Wikileaks übergeben haben könnte. Der Satz lautet: "Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit kennen." Ähnlich formuliert Wikileaks selbst seine Motive, vertrauliche Akten zu veröffentlichen. Auch hier ist die Rede von " revelation of the truth ", von Offenbarung der Wahrheit.

Als es noch um die Mitgliederliste der rechtsgerichteten British National Party , um Belege für Korruption durch die Familie des früheren kenianischen Präsidenten Daniel arap Moi oder um den Minton-Report über toxische Abfälle in der Elfenbeinküste ging, konnte man dieses Motiv für ehrbar halten.

Doch dass es mit der Wahrheit keine so einfache Sache ist, wurde offenbar, als Wikileaks ein Video veröffentlichte, das zeigt, wie bei einem Hubschrauberangriff in Bagdad unter anderem zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters getötet wurden. Das Video ist offensichtlich geschnitten und es löste sofort Spekulationen über Manipulationen aus.

Dann kamen die Feldberichte aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak . Vor allem der Militäreinsatz im Irak hatte schon zuvor viele Frage aufgeworfen, nach Folter und unbotmäßigen Gewaltakten gegen Zivilisten . Beide Kriege, Afghanistan noch mehr als Irak, waren über Jahre hinweg Objekte äußerst kritischer Berichterstattung gewesen. Die Dokumente, die Wikileaks zu beiden veröffentlichte, veränderten deshalb die Wahrnehmung des dortigen Geschehens nicht grundsätzlich. Aber sie brachten weitere Informationen über die zivilen Opfer ans Licht. Und im Krieg ist jede solche Erkenntnis ein Schritt im Kampf um die Wahrheit .

Doch gilt das auch für Abertausende wild zusammengewürfelte diplomatische Dokumente ? Welche Wahrheit soll hier ans Licht kommen? Dass Amerika ein Land mit eigenen Interessen ist und nicht will, dass Iran über Atomwaffen verfügt? Oder dass es sich ein demokratisches Korea wünscht? Dass die USA ein demokratisches System sind, in dem selbst (digitale) Geheimdokumente noch von einem ziemlich großen Personenkreis eingesehen werden dürfen?

Ja, Transparenz ist in unseren westlichen Gesellschaften ein hoher Wert. Doch der Eindruck, der sich bei der jüngsten Veröffentlichung aufdrängt, ist: Es wird getan, weil es geht. Diese Dokumente waren eben zugänglich, also raus damit. Kein Gedanke scheint dran verschwendet worden zu sein, dass Vertraulichkeit das größte Kapital der Diplomatie ist und manchmal ein wichtiges Mittel, Schlimmeres zu verhüten. Das ist nicht mehr die Suche nach Wahrheit, sondern Hybris. Man wünschte sich, stattdessen würden belastbare Daten öffentlich, wo es wirklich um Aufklärung geht. Wikileaks, wir warten auf Russland und China.