Entwicklungspolitik Sozialstaaten in Afrika sind möglich

Soziale Sicherungssysteme sind auch in armen Ländern machbar und zahlen sich für die wirtschaftliche Entwicklung aus. Beispielsweise in Subsahara-Afrika. Ein Gastbeitrag

Markt in Maseru in Lesotho: Das Land im Süden Afrikas hat ein rudimentäres Grundsicherungssystem geschaffen

Markt in Maseru in Lesotho: Das Land im Süden Afrikas hat ein rudimentäres Grundsicherungssystem geschaffen

Die Ansage der Entwicklungsexperten ist eindeutig: Auch in den ärmeren Ländern Subsahara-Afrikas sind die Staaten in der Lage, bescheidene soziale Grundsicherungssysteme aufzubauen, zu finanzieren und zu verwalten. Sie könnten dadurch zu Wachstum, Armutsbekämpfung und der Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele beitragen.

Dr. Markus Loewe

ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung  "Wettbewerbsfähigkeit und soziale Entwicklung" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

Diese Empfehlungen stehen im zweite Band der Europäischen Entwicklungsberichte (European Report on Development/ ERD), die von der Europäischen Kommission und einigen Mitgliedsstaaten – darunter Deutschland – finanziert werden. Nachdem der erste Band der Überwindung des Phänomens der zunehmenden Zahl von politisch schwachen Staaten in Afrika gewidmet war – der Fragilität–, beschäftigt sich das Autorenteam der diesjährige Ausgabe, mehrheitlich Ökonomen, mit sozialer Sicherung in Subsahara-Afrika.

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Damit greift der Bericht Forschungsergebnisse der letzten Jahre auf, die zeigen, welche zentrale Rolle soziale Sicherung für die ökonomische und politische Entwicklung in Entwicklungsländern spielt. Menschen, die keinen Zugang zu sozialen Sicherungssystemen haben, sind der Gefahr ausgesetzt (noch stärker) in Armut abzurutschen, wenn sie von einem Schicksalsschlag wie Krankheit, Missernte oder Erwerbsunfähigkeit getroffen werden. Möglicherweise müssen sie dann Ersparnisse auflösen, Vieh und andere Produktionsmittel veräußern und ihre Kinder zur Arbeit statt zur Schule schicken, um tägliche Ausgaben finanzieren zu können. Dadurch entledigen sie sich der Lebensgrundlage, die ihnen anderweitig helfen könnte, eine zumindest bescheidene Existenz aus eigener Kraft aufzubauen.

Noch gravierender ist, dass Haushalte ohne soziale Sicherheit von vornherein davor zurückschrecken, Ersparnisse zu investieren: Sie horten diese, um im Falle eines Schicksalsschlages flüssig zu sein und mögliche Einkommensausfälle überbrücken oder auch unerwartete Ausgaben finanzieren zu können. Menschen, die eine soziale Grundsicherung genießen, sind hingegen eher zu Investitionen in Bildung und Sachkapital bereit, die zusätzliche Risiken, aber auch die Aussicht auf Einkommensverbesserungen bergen. Empirische Untersuchungen legen nahe, dass die Existenz von sozialen Sicherungssystemen vor allem im informellen Sektor die Investitionsneigung stärkt und damit genau dort Wirtschaftswachstum fördert, wo dieses am besten zur Armutsbekämpfung beiträgt.

Und schließlich schaffen soziale Sicherungssysteme auch Stabilität. Indem sie Armut und wirtschaftliche Unsicherheit mindern, senken sie auch die Neigung einer Gesellschaft zu gewalttätigen Formen der Auseinandersetzung über politische Ziele.

Vor allem aber zeigen sie den Bürgern, dass der Staat seine Verantwortung wahrnimmt. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sich die Bürger durch die Existenz und den Aufbau von sozialen Sicherungssystemen auch (wieder) stärker mit dem Staat identifizieren und ihrerseits Bereitschaft zeigen, ihren Pflichten gegenüber der Gemeinschaft nachzukommen. Soziale Grundsicherung ist somit nicht nur präventive Armutsbekämpfung, sondern auch eine Rückversicherung für unternehmerisches Handeln sowie die materielle Basis eines von allen Staatsbürgern akzeptierten Sozialvertrags.

Zu Recht wird gefragt, wie arme Länder soziale Sicherungssysteme finanzieren können. Und die bisherigen Erfahrungen der Entwicklungsländer – insbesondere in Subsahara-Afrika – nähren auch eher die Zweifel daran, dass dies gelingen kann. So ist fast nirgendwo eine Mehrheit der Bevölkerung durch Sozialsysteme abgesichert, die von den Mitgliedern selbst durch Beiträge finanziert werden: Sozialversicherungen, private Versicherungen oder Versicherungsvereine auf kommunaler Basis.

Leser-Kommentare
  1. Das hatte früher aber einen sprechenderen und v.a. deutlich verständlicheren Namen.
    Aber man kennt es ja, die gute alte Political Correctness...

  2. dass irgendwann so was auch bei uns eingeführt wird.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Es ist schon erschütternd, was mit Steuergeldern finanziert wird. 1. Sozialsysteme ermöglichen kein Wachstum. - Wachstum ermöglicht Sozialsysteme. 2. Warum ist Lesotho arm? - Lesotho ist zwar ein unabhängiger Staat, aber zu 100 Prozent von Südafrika abhängig. Wer die Probleme Südafrikas löst, löst die Probleme Lesothos automatisch mit. 3. Finden Kinder Arbeit, wenn sie der Schule fernbleiben und können sie einen Beitrag zur Versorgung der Familie leisten? - Klare Antwort: Nein:Kinder finden auch als junge Erwachsene mit Schulabschluß keine Arbeit. Bildung ist eine wichtige Voraussetzung für qualifizierte Arbeitsplätze aber keine Arbeitsplatzgarantie für die Masse der Bevölkerung. Dieses Ideologieschema funktioniert nur in der heilen Welt höherer Töchter von Frau Schavan und Frau von der Leyen. 4. Die sozialen Probleme lassen sich nur von funktionierenden Volkswirtschaften lösen. Davon sind sie Länder Afrikas weit entfernt. Um das zu sehen, braucht man keinen teueren Bericht. Ein Blick auf die Wirtschaftsflüchtlinge reicht.

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    Wie ich bereits in einem anderen Beitrag schrieb: Sozialsysteme stärken bzw. ermöglichen Binnenkonjunktur! Die Sparquote in unteren Einkommensschichten ist quasi 0% und alles wird im Inland verkonsumiert.

    Das heisst: Sozialgelder sind indirekte Wirtschaftsbeihilfen und insbesondere in armen Ländern erwecken sie eine Wirtschaft zum Leben.

    Dadurch dass das Geld aber über die Menschen ausgegeben wird und nicht als Staatsbeihilfe an Wirtschaftsbetriebe, entwickelt sich der so vielbesungene freie Markt, z.b. bei Dienstleistungen und Lebensmittelläden in den entsprechenden Ländern.

    also kein Elfenbeinturm sondern nur Wirtschaftliche Basics :-)

    Wie ich bereits in einem anderen Beitrag schrieb: Sozialsysteme stärken bzw. ermöglichen Binnenkonjunktur! Die Sparquote in unteren Einkommensschichten ist quasi 0% und alles wird im Inland verkonsumiert.

    Das heisst: Sozialgelder sind indirekte Wirtschaftsbeihilfen und insbesondere in armen Ländern erwecken sie eine Wirtschaft zum Leben.

    Dadurch dass das Geld aber über die Menschen ausgegeben wird und nicht als Staatsbeihilfe an Wirtschaftsbetriebe, entwickelt sich der so vielbesungene freie Markt, z.b. bei Dienstleistungen und Lebensmittelläden in den entsprechenden Ländern.

    also kein Elfenbeinturm sondern nur Wirtschaftliche Basics :-)

  4. Wie ich bereits in einem anderen Beitrag schrieb: Sozialsysteme stärken bzw. ermöglichen Binnenkonjunktur! Die Sparquote in unteren Einkommensschichten ist quasi 0% und alles wird im Inland verkonsumiert.

    Das heisst: Sozialgelder sind indirekte Wirtschaftsbeihilfen und insbesondere in armen Ländern erwecken sie eine Wirtschaft zum Leben.

    Dadurch dass das Geld aber über die Menschen ausgegeben wird und nicht als Staatsbeihilfe an Wirtschaftsbetriebe, entwickelt sich der so vielbesungene freie Markt, z.b. bei Dienstleistungen und Lebensmittelläden in den entsprechenden Ländern.

    also kein Elfenbeinturm sondern nur Wirtschaftliche Basics :-)

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    Welche Sparquote? Armut ist in den afrikanischen Ländern eine andere Armut als in europäischen Staaten. Selbst im wirtschaftlich starken Südafrika ist Armut eine andere Kategorie. Armut heißt Hunger. Hunger heißt: Heute nicht satt werden und wissen, daß es morgen auch Nichts gibt. Aber auch im reichen Südafrika läßt sich Armut nicht mit Sozialstaatsphantasien bekämpfen. Die Menschen brauchen Arbeit. Stattdessen werden Kleidung und Textilien in China gefertigt und importiert. Nahrungsmittel werden im Agrarland Südafrika aus der EU importiert. Die Menschen brauchen kein Sozialsystem, das die Abhängigkeiten vertieft. An dem Tropf der Entwicklungshilfe des Westens hängen sie schon viel zu lange. Angola, Sambia, Zimbabwe müßten zu den reichsten Ländern der Erde gehören. Die Diskussion über ein neues Almosensystem ist angesichts der Reichtümer dieser Länder völlig absurd.

    Welche Sparquote? Armut ist in den afrikanischen Ländern eine andere Armut als in europäischen Staaten. Selbst im wirtschaftlich starken Südafrika ist Armut eine andere Kategorie. Armut heißt Hunger. Hunger heißt: Heute nicht satt werden und wissen, daß es morgen auch Nichts gibt. Aber auch im reichen Südafrika läßt sich Armut nicht mit Sozialstaatsphantasien bekämpfen. Die Menschen brauchen Arbeit. Stattdessen werden Kleidung und Textilien in China gefertigt und importiert. Nahrungsmittel werden im Agrarland Südafrika aus der EU importiert. Die Menschen brauchen kein Sozialsystem, das die Abhängigkeiten vertieft. An dem Tropf der Entwicklungshilfe des Westens hängen sie schon viel zu lange. Angola, Sambia, Zimbabwe müßten zu den reichsten Ländern der Erde gehören. Die Diskussion über ein neues Almosensystem ist angesichts der Reichtümer dieser Länder völlig absurd.

    • Cabelo
    • 08.12.2010 um 13:39 Uhr

    @korfstroem

    1.sozialsysteme können sehr wohl wachstum hervorrufen. Nicht wenn sie übermäßig sind, aber gerade auf dem niedrigen Level dieser Länder ist das schon zu erwarten. Ein großes Problem ist doch, dass es nicht genug arbeit bibt. Warum nicht? Weil die Menschen kein Geld ausgeben, nicht konsumieren sondern viel selbst herstellen. Ein Grundeinkömmen würde genau dies ändern. Menschen könnten sich auch mal etwas leisten. Herauskommen würde eine bessere Bildung und eine bessere Ernährung. Und mehr Menschen könnten sich selbstständig machen. Das klingt doch erstmal gar nicht schlecht.

    Lesotho mag zwar abhängig von Südafrika sein, deswegen seine Probleme und Lösungsansätze untern Teppich zu kehren finde ich aber nicht richtig.

    Kinder finden Arbeit. Hauptsächlich auf den Farmen von Familienangehörigen. Aber Geld gibts da meistens nicht für.
    Funktionierende Volkswirtschaften können aber nicht in einem Land entstehen, in dem die sozialen Probleme zum Himmel schreien. Wirtschaft vor wäre wieder eine sehr einseitige Sicht.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. in einem Dorf in Namibia (in der Höhe von 8€/Monat) http://www.fr-online.de/w... http://www.woek-web.de/we... hier kann man gut sehen, daß ein Sozialsystem durchaus Wachstum schafft, mindestens aber brennendes Elend lindert.

    Das wäre eine verfolgenswerte Idee für die Ärmsten der Armen, für diejenigen, denen z.B. Mikrokredite gar nichts nützen, da sie nicht investiert, sondern aufgegessen werden.
    Verfolgenswert wäre das auch z.B. für die zahllosen 'verwaisten' Großeltern, deren Kinder an AIDS starben und die ihre Enkel irgendwie durchbringen müssen. Sprich - eine verfolgenswerte Idee für die klaffenden Lücken zwischen humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, (Mikro-)Finanzwesen und Wirtschaftsentwicklung.

    Grundsätzlich sollte man sich auch mal den Zusammenhang zwischen hohen Geburtenraten und fehlenden Sozialsystemen bewußt machen. Wo Kinder für die Altersversorgung ihrer Eltern zuständig sind und wo wegen fehlendem Zugang zu medizinischer Versorgung viele Kinder sterben, müssen sehr viele Kinder geboren werden. Vom damit verbundenen Leid hier zu schweigen.

    Nebenbei - es wäre eine schöne Geste journalistischer Sorgfalt, die besprochene Studie auch zu verlinken http://erd.eui.eu/erd-201...

  6. Viele Leute in Afrika betreiben Subsistenzwirtschaft, dabei resultiert des westliche Wohlstand überwiegend auf Arbeitsteilung (und Sklaverei voriger Jahrhunderte, deren Früchte wir heute genießen).
    Hätte Afrika diese Infrastruktur (Strassen, Telekommunikation, etc.), könnte man erzeugte Güter besser anbieten und verteilen (unabhängig der Kaufkraft).
    Afrika wurde aber von den Kolonialmächten fallen gelassen und verharrt heute noch zum Großteil in der Steinzeit.
    Afrika fehlt die Industrie welche Beschäftigung schafft und womit sich z.B. China zum Wohlstand aufzuschwingen versucht.
    Es ist seit eh und je so, dass die industrialisierten Staaten Afrika über den Tisch ziehen. Wir fischen vor deren Gewässern die Fischbestände ab, rauben Trinkwasser und Anbaufläche für Exportblumen nach Europa, verarbeiten afrikanische Rohstoffe zuhause und laden den konsumierten Elektroschrott wieder an der Elfenbeinküste ab.
    Ich sage nicht, dass die Schweizer ihre Kakoschokolade komplett in Afrika herstellen sollen. Es ist aber zynisch wenn der Westen sagt, wir erlassen Afrika die Schulden.
    Historisch ist der Westen in der Bringschuld.
    Aber wer will im unsicheren Afrika investieren?
    Wer will dort Arbeitsplätze schaffen?
    Wer will in Afrika für Rohstoffe und Beschäftigung bezahlen, welche er auch gratis haben kann (Kinderarbeit)?
    Der Westen ist so Korrupt wie die meisten afrikanische Regierungen, weil er ebenfalls profitiert.
    Tut mir leid, jetzt hab ich erst nichts über Sozialsysteme gesagt :D

  7. Die Frage ist doch nicht ob das in Afrika möglich ist (Warum auch nicht?).
    Es geht doch darum ob wir (die G8/11 Staaten) das wollen.

    In unserem Interesse kann das nicht liegen.

    Das simpelste Beispiel ist doch Essen. Warenpreise aus Afrika würden rapide steigen. Wenn hier die Leute aber für Kaffee, Bananen oder sonstwas von dort dreimal/fünfmal oder noch mehr zahlen müssten wäre Schluss mit dem Verständnis.

    Da wir aber alle Wissen das Afrika sich selbst im Weg steht (Korruption, Verschuldung, zu viele Menschen etc.) wird es in absehbarer Zeit nicht dazu kommen.

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    Kaffee und Bananen schon mal nicht, die kommen aus Mittel-
    und Suedamerika. Die Geschichte von der Ausbeutung Afrikas
    ist eine Maer - leider wie auch aus einem vorherigen Kommentar hervorgeht, finden sich keine Kapitalisten, die
    die Afrikaner ausbeuten wollen!

    Kaffee und Bananen schon mal nicht, die kommen aus Mittel-
    und Suedamerika. Die Geschichte von der Ausbeutung Afrikas
    ist eine Maer - leider wie auch aus einem vorherigen Kommentar hervorgeht, finden sich keine Kapitalisten, die
    die Afrikaner ausbeuten wollen!

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