Umfrage Deutsche in Afghanistan – so unbeliebt wie nie

Neun Jahre nach dem Einmarsch der westlichen Armeen am Hindukusch ist ihr Ansehen dort auf dem Tiefpunkt. Noch nie waren so viele Afghanen für Anschläge auf Nato-Truppen.

Mit immer neuen Konzepten versucht die Nato den Krieg gegen die Aufständischen in Afghanistan zu gewinnen – und die Bevölkerung dort auf ihre Seite zu ziehen. Seit dem Einmarsch der westlichen Soldaten im Oktober 2001 aber ist die internationale Gemeinschaft von diesem Ziel noch nie so weit entfernt gewesen . Dies zeigt nicht zuletzt eine neue Umfrage vom WDR, von ABC, BBC und der Washington Post , die Afghanen in allen 34 Provinzen nach ihrer gegenwärtigen Stimmung gefragt hat.

Demnach ist das Ansehen des Westens in der Bevölkerung auf dem Tiefpunkt. Zwei Drittel der repräsentativ befragten Afghanen stellen den USA und ihren Verbündeten ein negatives Zeugnis aus . So schreiben erstmals mehr Afghanen den USA eine negative (43 Prozent) als eine positive Rolle (36 Prozent) zu. Nur 20 Prozent beurteilen die USA "neutral".

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Auch das Ansehen Deutschlands hat stark gelitten. Im Einsatzgebiet der Bundeswehr im Nordosten des Landes haben demnach nur noch 46 Prozent ein positives Bild von den deutschen Truppen, bei der Sympathiefrage im Sommer 2007 waren es noch 75 Prozent gewesen.

Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat sich die Zahl der Bewohner im Nordosten mit einem positiven Urteil zur deutschen Einsatzleistung von 45 Prozent auf 21 Prozent mehr als halbiert und die Zahl der Kritiker von 8 auf 27 Prozent mehr als verdreifacht. Knapp die Hälfte der Befragten sieht Deutschlands Rolle "neutral". Zudem sind vier von zehn Befragten im Nordosten der Ansicht, die Nato nehme immer weniger Rücksicht auf zivile Opfer.

Erschreckend hoch ist auch die Zahl derer, die die Anschläge auf Nato-Einheiten befürworten: Im Einsatzgebiet der Bundeswehr sind dies 39 Prozent – so viele wie nie zuvor. Sie liegt deutlich über dem ebenfalls gestiegenen landesweiten Wert (plus 19 auf 27 Prozent). Landesweit lag der Wert 2005 mit 30 Prozent schon einmal höher. Fast zwei Drittel der Afghanen halten Anschläge nicht für gerechtfertigt, im vergangenen Jahr waren das noch gut drei Viertel.

"Deutschland wird kaum noch als Verbündeter der Bevölkerung, sondern fast nur noch als ausländische Kriegspartei wahrgenommen", sagte der stellvertretende Auslandschef des WDR, Arnd Henze, der die Umfrage betreute. "Punktuelle Erfolge im Kampf gegen die Taliban und beim Aufbau der afghanischen Armee werden pragmatisch registriert, aber die Köpfe und Herzen der Menschen erreicht das deutsche Engagement nicht mehr."

Trotz aller Schwierigkeiten glauben 59 Prozent der Afghanen, ihr Land sei auf dem richtigen Weg, wobei die Erfolge vor allem den afghanischen Akteuren zugerechnet werden. Da wundert auch kaum, dass nach neun Jahren Krieg fast drei Viertel der Afghanen nicht auf eine militärische, sondern auf eine Verhandlungslösung unter Regierungsbeteiligung der Taliban setzen. Eine große Mehrheit unterstützt einen schnellen Abzug der ausländischen Truppen .

Sorgen machen den Afghanen die anhaltende Gewalt und der Drogenhandel sowie der Mangel an Jobs und die fehlende Möglichkeit, sich eine eigene wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Über allem schwebt aber die allgegenwärtige Korruption : Rund 90 Prozent sehen in ihr ein erhebliches Problem.

Die sechste Umfrage von ARD, ABC, BBC und Washington Post basiert auf der Befragung von 1691 repräsentativ ausgewählten Afghaninnen und Afghanen in allen 34 Provinzen. Ihnen wurden im November von 98 weiblichen und 111 männlichen Interviewern des Afghan Center for Socio-Economic and Opinion Research (ACSOR) rund 150 Fragen gestellt. Die Umfrage hat nach WDR-Angaben eine statistische Unschärfe von 3,5 Prozent.

 
Leser-Kommentare
  1. Ist doch klar, dass die Afghanen langsam genug haben von den NATO-Truppen. Welches Volk lässt sich schon gern von fremdem Mächten und Soldaten kontrollieren und fast schon regieren?

    Ich kann es den Afghanen nachempfinden, dass sie die NATO-Truppen loswerden wollen.

    Leider müssen sie ja nun noch bis mindestens 2014 warten...

  2. Denn in der einstigen Unruheprovinz Helmand ist der Trend interessanterweise total gegenläufig!
    Dort ist die Gesamtzufriedenheit der Menschen im vergangenen Jahr nämlich von 44 auf 71 Prozent gestiegen.

    Warum?

    Weil dort die von US-Präsident Obama verfügte massive Aufstockung der US-Truppen deutlich mehr Sicherheit für die Afghanen erreicht hat, mit der Folge einer inzwischen weitgehend befriedeten und stabilisierten Provinz, in der es auch mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht.

    Daher werden die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die gesicherte Bewegungsfreiheit und der Schutz vor den Taliban von einer deutlichen Mehrheit der Afghanen in Helmand eindeutig positiv bewertet.

    Der gestiegene Frust der Afghanen in den meisten anderen Provinzen rührt schlicht und ergreifend daher, dass sie sich vom immer unzureichenderen Engagement der nominellen US-Verbündeten (insbesondere aus Europa und Deutschland) immer schlechter vor den Taliban geschützt fühlen, und das sie erkennen, dass nur noch die USA wirklich mit vollem Einsatz an ihrer Seite steht, während die Deutschen und andere Truppensteller sich innerlich längst aus Afghanistan verabschieden, obwohl sie ihren Job dort nicht erledigt haben, und obwohl sie einen Großteil der einst von ihnen vollmundig versprochenen Hilfen an die Afghanen nie bereitgestellt haben.

    Und weil dies anhand der Zahlen aus Helmand so offensichtlich wird, fehlt in den meisten deutschen Medien jeder Hinweis darauf.

  3. Wenn die positive Bewertung von 75% auf 46% fällt und 46% der bisher niedrigste wert ist, dann ist die Aussage "so unbeliebt wie nie" zwar formal richtig, ruft aber dennoch fälschlich den Eindruck großer Unbeliebt hervor.
    Richtiger und weniger reißerisch wäre m.E.
    "Beliebtheit so niedrig wie nie".
    So ist das mit liebem Besuch.
    Irgendwann wird er dann wirklich unbeliebt.

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    Thema verfehlt, setzen, 5. Die Überschrift ist völlig irreführend.
    In der Presse sollte man sich einmal von solchen irreführenden Überschriften trennen. Das muss eine sachliche Berichterstattung aushalten.

    Thema verfehlt, setzen, 5. Die Überschrift ist völlig irreführend.
    In der Presse sollte man sich einmal von solchen irreführenden Überschriften trennen. Das muss eine sachliche Berichterstattung aushalten.

  4. Die Erklärung für diese Phänomen ist doch recht einfach:

    Wenn ausländische Soldaten deine Brüder/Schwestern/Kinder/Eltern/Freunde/Bekannte getötet haben, wie lange wird es dauern dies wieder gut zu machen? Wie lange dauert es, dein Vertrauen wieder zu gewinnen?

    Solange eine Bevölkerung nicht um Hilfe bittet, wird sie eine fremde Macht immer als Besatzer - und nie als Befreier sehen.

    Seit Vietnam haben wir jetzt wirklich genug Beispiele dafür gesehen. Mit militärischer Besatzung schafft man sich Feinde, man wird niemals Freunde gewinnen. Das ist wie der Vesuch, ein Feuer mit Benzin zu löschen.

    Ich frage mich wirklich, wieviel Erfahrungen die USA und wir natürlich auch noch sammeln müssen, um das endlich zu verstehen.

    • helgam
    • 06.12.2010 um 16:23 Uhr

    Ulrich Ladurner sagt, wir müssen endlich fragen, warum wir in Afghanistan sind..
    Wie lange wollen uns Politik und Medien noch an der Nase herumführen mit immer neuen erlogenen Schocks, Schwinegrippen, Alkaidas und Osamabinladens?
    was macht Deutschland, wenn wir auch in anderen Ländern ( wie Serbien, Angola etc) immer unbeliebter werden?
    War Deutschland früher nicht auf gute Handelskontakte aus?
    Brauchen wir das Ausland nur noch als Absatzmarkt für Waffen?
    Wann wird der Westen die letzte Lüge in die Welt setzen?
    Wem gilt es heute noch etwas zu beweisen?

    Eine Leser-Empfehlung
  5. die auslaendischen Truppen seien hauptsaechlich in der Er-
    mordung der Zivilbevoelkerung aktiv. Worauf warten wir noch
    um ihn und Aehnlichdenkende sich selbst zu ueberlassen. Wenn
    die Folgen ersichtlich werden, wird vielleicht das naechste
    Afghanistan anders denken, oder auch nicht. Jedenfalls sollten wir diesen Gebieten unsere Opfer an Geld und Menschenleben nicht aufdraengen oder sogar erzwingen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Herr Karsai unserm Bundespräsidenten erzählt, die ausländischen Truppen seien hauptsächlich in der "Ermordung der Zivilbevölkerung aktiv (Zitat aus ihrem Beitrag), dann sagt er genau das, was im Grunde jeder weiß, also Herr Wulf auch hätte wissen müssen.
    Ich vermute, das nur der Ausdruck "Ermordung der Zivilbevölkerung" etwas anstößig ist.

    Richtig und dipomatisch ausgedrückt müsste es heißén:
    Bei den von den verbündeten Koalitionstruppen eingesetzten Wirkstoffen zur Bekämfung der Taliban sind kollateral verursachten Schäden an der Zivilbevölkerung leider nicht vermeidbar.

    Gruß Max Stockhaus

    Wenn Herr Karsai unserm Bundespräsidenten erzählt, die ausländischen Truppen seien hauptsächlich in der "Ermordung der Zivilbevölkerung aktiv (Zitat aus ihrem Beitrag), dann sagt er genau das, was im Grunde jeder weiß, also Herr Wulf auch hätte wissen müssen.
    Ich vermute, das nur der Ausdruck "Ermordung der Zivilbevölkerung" etwas anstößig ist.

    Richtig und dipomatisch ausgedrückt müsste es heißén:
    Bei den von den verbündeten Koalitionstruppen eingesetzten Wirkstoffen zur Bekämfung der Taliban sind kollateral verursachten Schäden an der Zivilbevölkerung leider nicht vermeidbar.

    Gruß Max Stockhaus

  6. Leider hat das Parlament der BW einen Auftrag gegeben, für den sie nicht vorbereitet war und den sie auch nicht erfüllen kann.

    Es war schlichter Leichtsinn, als man sich auf eine militärische Eskalation einliess, als ein wirksamer Schutz von ziviler Aufbauarbeit durch die BW nicht ausreichend möglich war. Die BW kann weder die Taliban niederhalten noch die Zivilbevölkerung schützen. Es passiert, dass Unschuldige Schadennhemen und korrupte Drogenhändler geschützt werden. Das Gegenteil vom Gewollten geschieht.

    Die sinkende positive Bewertung des deutschen Auftritts in Afghanistan ist deshalb als ein Alarmzeichen und ernster Hinweis zu bewerten. Die BW in Afghanistan ist zunehmend in dem unüberschaubaren Bürgerkrieg verstrickt und kommt bei der Zivilbevölkerung nicht (mehr) "rüber".

    Die Bush-Politik der Eindämmung des Terrorismus durch militärische Attacken in ganzen Landstrichen und Staaten blieb ohne Erfolg und ist kaum noch zu korrigieren.

    Militärisch wirkten die NATO und insbesondere die USA heute "overstretched". Durch das Maulheldentum der Teaparty und Waffenfanatiker in den USA um Palin etc wird in den USA zusätzlich eine Paranoia angeheizt, die den Terrorismus noch befördert. Obama hat es immer schwerer die USA von der verlogenen Politik der Bushadministration, die erschreckend hohe zivile Kollateralschäden in Kauf nahm und in den Sumpf von Folterungen führte, zu befreien. Inzwischen droht das deutsche Engagement mit in den Abwärts-Strudel hineingezogen zu werden.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. Wie beschrieben, Gewalt, Drogenhandel, keine Arbeit, keine Zukunft und Korruption ohne Ende sind die Ursache der Unzufriedenheit der Bevölkerung und alles ist mehr oder weniger der Regierung anzulasten.
    Die Regierung schiebt den schwarzen Peter den ausländischen Truppen in die Schuhe, seitdem der Geldfluss aus dem Westen stoppt und unangenehme Fragen gestellt werden.
    Es ist müßig, unsere Regierung und ihre Vorgänger zu beschuldigen.
    Der Einsatz in Afghanistan ist eine Verpflichtung aus dem Bündnis.
    Sobald der letzte westliche Soldat das Land verlassen hat, wo bleibt die derzeitige Regierung?
    Geht sie mit den Taliban ein Bündnis ein, oder geht sie ins Exil?

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