Die Schöpfung müsse bewahrt werden, predigen die Kirchen. Dabei wird die "Schöpfung" den Menschen im Zweifel überleben. Die Erde hat klimatisch schon viel stärkere Katastrophen erlebt als das, was uns in den kommenden 200 Jahren erwartet. Auch eine noch so zerstörerische Umweltpolitik wird die Erde nicht zum toten Planeten machen. Es ist deshalb weder sachlich noch ethisch angemessen, Anstrengungen gegen Klimawandel, Artenschwund, Bodenzerstörung und Ressourcenausbeutung mit der Bewahrung der Schöpfung zu begründen. Das Argument mag vorübergehend dazu taugen, ein konservativ-religiöses Milieu auf Kurskorrekturen einzustimmen, tragfähig ist es nicht.

Ressourcenschutz und Klimastabilisierung sind nicht deshalb notwendig, weil der Mensch irgendeine moralische Schuld gegenüber seiner Umwelt hätte. Wälder und Wale zu schützen und die Klimaerwärmung zu bremsen hat mit uns zu tun, nicht mit einer Schöpfung "da draußen". Das abstrakte Schlagwort der Nachhaltigkeit bringt das moralische Gebot eigentlich auf den Punkt: Du sollst nicht über deine Verhältnisse leben. Im Kollektiv: Ihr sollt so leben, dass es Euren Nachkommen nicht schlechter geht. Damit handelt es sich vor allem um eine zwischenmenschliche Angelegenheit. Doch haben wir es dann überhaupt moralisch mit einer neuen Situation zu tun? Unser ethisches Bewusstsein entspringt schließlich der Notwendigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu regeln. Und dennoch fordert der globale Wandel eine neue Grundhaltung, eben eine Geoethik.

Vergleichen wir es mit den anderen neuen Ethiken, mit denen sich moderne Gesellschaften herumschlagen. Die Diskussion um die Bioethik entstand aufgrund von Problemen, die frühere Gesellschaften nicht kannten: Wann genau beginnt menschliches Leben? Beginnt es zu einem klar definierten Zeitpunkt oder graduell? Stammzellforschung, Präimplantationsdiagnostik, transgene Pflanzen, geklonte Tiere bis hin zur Patientenverfügung – all diese Themen werfen ethische Fragen auf, weil der medizinische Fortschritt bestimmte Grenzlinien – zwischen Leben und Nicht-Leben, Eigen- und Fremdbestimmung, aber auch zwischen den biologischen Arten quasi unters Mikroskop gezerrt hat. Dort erscheinen sie plötzlich unscharf, durchlässig und vor allem: manipulierbar. Die Bioethik wurde notwendig, weil zentrale Prämissen der traditionellen Ethik – jede Form menschlichen Lebens sei immer, unbedingt und um jeden Preis zu erhalten, und nur das Schicksal entscheide über den Tod – nicht mehr weiterhalfen.

Ähnliche Überlegungen führten zur Diskussion einer Neuroethik. Ist es in Ordnung, Gehirne leistungsfähiger zu machen? Verändert eine Ritalinbehandlung bei ADHS-Patienten deren Persönlichkeit? Welche Bewusstseinszustände dürfen wir bei uns und anderen herbeiführen, welche nicht? Ein ähnliches Grundmuster wie im Fall der Bioethik: Die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung sezieren die menschliche Persönlichkeit, machen sie manipulierbar. Wieder stehen wir vor Entscheidungen, die unsere Vorfahren nie treffen mussten.

Auch auf die Probleme des globalen Wandels hat die Evolution unseren moralischen Verstand nicht vorbereitet. Dass es natürliche Grenzen des Wachstums gibt, Ressourcen endlich sind, der Mensch die globalen chemischen Stoffkreisläufe grundlegend umgestaltet – das haben frühere Generationen ebenso wenig in Erwägung gezogen, wie dass in Europa versprühtes Dosenspray, die Ozonschicht über Australien zerstören kann. Umweltveränderungen wurden zwar früher schon beobachtet, auch sie galten jedoch weitgehend als Schicksal.

Die Alltagserfahrungen verdeutlicht ebenfalls die Notwendigkeit einer neuen ethischen Grundhaltung: Wer gegen traditionelle moralische Normen verstößt – stiehlt, raubt, betrügt – gilt als böse und wird bestraft. Selbst rücksichtsloses Rauchen in Gegenwart von Nichtrauchern gilt heute als verpönt. Ökologisches Fehlverhalten dagegen wird kaum geächtet: Wer mit dem Auto spazieren fährt, sich hauptsächlich von Burgern ernährt und übers verlängerte Wochenende auf die Kanaren jettet, bleibt von seinem Umfeld unbehelligt – obwohl er künftigen Generationen einen Schaden zufügt. Wir halten uns zurück, weil wir keine Ökodiktatur wollen – warum aber wettert niemand gegen die Gefahr einer Rechtsstaats-Diktatur?

Den Rechtsstaat halten wir für bedingungslos gut; der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist o.k., solange der Urlaub nicht teurer wird. Der tiefere Grund für diese Haltung ist klar: Im globalen Wandel ist nicht die einzelne Handlung das Problem, sondern deren Summe. Einmal in ein Flugzeug zu steigen, ist geoethisch gesehen nicht wirklich böse. Die Probleme sind statistischer Natur: Die wachsenden materiellen Ansprüche einer wachsenden Weltbevölkerung. Auch dies ein Umstand, dem die traditionelle Sozialethik nicht gerecht wird.