Protestierende Briten "Das Fest ist vorbei"

Harter Sparkurs in Großbritannien: Die Jugend hat das Gefühl, die Folgen der Finanzkrise allein tragen zu müssen. Ihre Proteste treffen nun auch Unternehmen.

Studentenprotest in London

Studentenprotest in London

Von ihren Schülern und Studenten können die Briten lernen. So jedenfalls sehen es die jungen Demonstranten, die neuerdings gegen die Regierungspolitik in Großbritannien zu Felde ziehen. "Wir lassen uns unsere Träume nicht zerstören", ist der Refrain fast all ihrer Proteste. Dafür, dass sie Träumer sind, haben die Nachwuchs-Rebellen schon ganz schön viel Staub aufgewirbelt. Binnen weniger Wochen haben sie der Regierung ein Problem beschert, das sich weder mit besänftigenden Erklärungen noch mit dem groben Zugriff Scotland Yards aus der Welt räumen lässt.

In einer Serie von Aktionen, die immer weitere Kreise zieht, haben sie Politiker aller Parteien, Polizei, Konzerne und Banken zur panischen Suche nach wirksamen Abwehrstrategien gezwungen. Vor allem haben sie, als Träger der Proteste, die Gegenseite völlig überrascht. Widerstand gegen seine drakonische Sparpolitik hatte Premierminister David Cameron, wenn überhaupt, aus der traditionellen Ecke, von den Gewerkschaften oder vielleicht noch von linken Veteranen erwartet.

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Stattdessen kam die Opposition von weitgehend unorganisierten Jugendlichen, die sich über die Verdreifachung der Studiengebühren in England auf 9.000 Pfund (10.600 Euro) im Jahr erregten. Teenager, auch aus "gutbürgerlichen" Kreisen, zogen aus der Erhöhung den Schluss, dass ihnen hier eine Zukunft ewiger Schuldenabzahlung zugemutet werden sollte – und dass die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten den Bildungsbereich zu privatisieren suche. Liberalenchef Nick Clegg, der vor den Wahlen im Mai statt einer Erhöhung noch die Abschaffung der Gebühren versprochen hatte, wurde über Nacht zum "Verräter" an der Jugend Englands. Seine Begründungen für die Kehrtwende halfen ihm nichts. Der rabiate Kurs der Regierung bestärkte nur viele Kritiker im Gefühl, niemandem im "Kabinett der Millionäre" trauen zu können.

Seither haben sich Studenten aus dem ganzen Königreich, Dozenten, Schüler und Tausende von Sympathisanten in die Front gegen die Hochschulpolitik der Regierung eingereiht. Jugendliche aus den ärmsten Schichten, denen demnächst die staatliche Beihilfe für längeren Verbleib an der Schule gestrichen wird, drängen ebenfalls auf die Straße, um sich Gehör zu verschaffen. "Da ist einfach eins zum andern gekommen", erklärt Studentenbundpräsident Aaron Porter die Motivation der Rebellen. "Es sind nicht nur diese Beihilfe und die Studiengebühren. Es geht auch um die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Darum, dass junge Leute sich keine Wohnungen leisten können. Und generell um die miserablen Aussichten für die Zukunft. Das alles zusammen hat diese Protestwelle ausgelöst."

Ressentiments gegen die Älteren, die ihnen eine schuldenbelastete Zukunft eingebrockt haben, sind unschwer zu finden. Die nachwachsende Generation hat das Gefühl, die Folgen der Finanzkrise allein schultern zu müssen. Schon jetzt verschieben Hunderttausende junger Briten das Heiraten und das Kinderkriegen, weil sie sich keine existenzielle Basis schaffen können. Ohne Startkapital, und mit weit mehr finanziellen Verpflichtungen als ihre Väter und Mütter, sehen sie einem "nicht sehr schönen" Jahrzehnt entgegen, wie es Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, kürzlich formuliert hat.

Vielen kommt es so vor, "als wäre das Fest vorbei und wir nur hier zum Aufräumen". Einige finden, dass sie, statt aufzuräumen, lieber erst mal selbst einen Scherbenhaufen anrichten sollten. Wie immer bei solchen Anlässen, hat auch bei den jüngsten Kundgebungen in London die Krawall-Brigade das Scheinwerferlicht auf sich lenken und für dramatische Bilder und blutige Polizistenköpfe sorgen müssen. Die Polizei, ohne angemessenen eigenen Plan, revanchierte sich mit der "Einkesselung" Hunderter friedfertiger Demonstranten aller Altersgruppen auf eisig kalten Straßen oder Brücken. Von ihren Sprösslingen übers Mobiltelefon alarmierte und herbeigeeilte Eltern bettelten vergebens um die Freilassung ihrer Kinder. Auch ein paar sprachlose Touristen fanden sich fünf, sechs, sieben Stunden lang ihrer Freiheit beraubt.

Zu einem heiklen Moment kam es, als Charles und Camilla in ihrem Rolls-Royce Phantom VI ausgerechnet auf der weihnachtsgeschmückten Regent Street in eine aufgebrachte Menschenmenge rollten. "Off with their heads", herunter mit ihren Köpfen, war noch studentischer Klamauk bei diesem Zusammenprall. Farbbeutel, eingeschlagene Wagenfenster und wüste Beschimpfungen als "Tory-Scum", als Tory-Abschaum, waren schon eher ernst zu nehmen. Solchen Attacken haben sich kein Thronfolger und auch sonst kein Mitglied des Königshauses bisher ausgesetzt gesehen. Der Vorfall kündigt nun wohl eine Phase physischer Abschottung der Monarchie von "ihren" Untertanen, eine weitere Vertiefung der sozialen Gräben an.

Leser-Kommentare
  1. Nur geht der Deutsche Michel nicht so gern auf die Straße, nicht zuletzt deshalb, weil man ihm einredet, das wäre staatstragend. Dass dabei er die Last trägt und die anderen den Profit, wird er so schnell nicht verstehen.

    12 Leser-Empfehlungen
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    • dp80
    • 21.12.2010 um 15:11 Uhr

    An alle, die sich darüber beschweren, dass die Deutschen nicht protestieren:

    Dafür ist es hier noch nicht schlimm genug. Die Studiengebühren beispielsweise sind mit maximal 500 Euro im Semester noch nicht über der Schmerzgrenze. Den jungen Menschen würde ich Ausschreitungen wie in England durchaus zutrauen, aber dafür sieht es noch nicht düster genug aus.

    Und die etwas älteren Semester in Deutschland, die unter Hartz4, wenig Rente usw. leiden, die haben wohl tatsächlich häufig die Mentalität, dass Protestieren etwas Böses ist. Man will ja nicht wie ein 68er wirken...

    • dp80
    • 21.12.2010 um 15:11 Uhr

    An alle, die sich darüber beschweren, dass die Deutschen nicht protestieren:

    Dafür ist es hier noch nicht schlimm genug. Die Studiengebühren beispielsweise sind mit maximal 500 Euro im Semester noch nicht über der Schmerzgrenze. Den jungen Menschen würde ich Ausschreitungen wie in England durchaus zutrauen, aber dafür sieht es noch nicht düster genug aus.

    Und die etwas älteren Semester in Deutschland, die unter Hartz4, wenig Rente usw. leiden, die haben wohl tatsächlich häufig die Mentalität, dass Protestieren etwas Böses ist. Man will ja nicht wie ein 68er wirken...

  2. Und bitte den Rest der Welt mit anstecken! Danke!

  3. hat es richtig erkannt, wie die Jugend- und Studentenproteste auf der Insel jetzt bestätigen. Nicht die Renten und eine frühe Verrentung verbrennen die Zukunft der Jugend, wie uns die neoliberalen Dummschwätzer einreden wollen, sondern eine vollkommen korrupte neoliberale Politik mit ihren Banken als unersättliche Verbrennungsöfen.

    So langsam politisiert sich die Jugend Eurpas, nun ja, die deutsche gemäß unseres jeweils auf 4 Jahre abgeschlossenen Untertanenvertrages mit den Regierenden eher weniger.

    • bob13
    • 21.12.2010 um 12:33 Uhr

    so eine protestkultur wünsche ich mir auch mal hier in deutschland. aber nein-die löhne fallen seit jahren, arm wir gegen ärmer ausgespielt("arbeitslose zum schnee schaufeln"/"keine abwrackprämie für hartz IV empfänger")usw.

    wieviel ertragt ihr eigentlich noch?

  4. Nämlich auf die Kommentare, wonach alle Demonstranten Terroristen, Kommunisten, Sozialisten und sowieso der Regierung unwürdige Verbrecher sind.

    Liest man in deutschen Foren jeglicher Art, liest man immer wieder: Die Deutschen müssen immer erst mal meckern, sie sind nie zufrieden.

    Die Diffarmierungsschiene läuft so langsam auch mal aus...

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    • db72
    • 21.12.2010 um 17:54 Uhr

    Sehr lustig.
    Unsere 'Demonstranten' zeigen doch regelmässig was sie von den Grundrechten anderer halten, nämlich garnichts.
    Auf der einen Seite ein Demonstrationsrecht für sich selbst einfordern , auf der anderen Seite dieses benutzen um anderen ihr Demonstrtaionsrecht vorzuenthalten.
    Will die Polizei die Rechte der anderen durchsetzen werden sie gewalttätig. Tolles Verständnis von Demokratie , wenn eine verschwindend geringe aber äusserst gewalttätige Minderheit in bester 'Daumen hoch , Daumen runter' Nero Manier darüber entscheidet wer in diesem Land Grundrechte besitzt und wer nicht .

    Und sie wundern sich wirklich warum man diese Demonstranten als Kommunisten ,Soziallisten und ggf. auch als Terroristen bezeichnet ?

    • db72
    • 21.12.2010 um 17:54 Uhr

    Sehr lustig.
    Unsere 'Demonstranten' zeigen doch regelmässig was sie von den Grundrechten anderer halten, nämlich garnichts.
    Auf der einen Seite ein Demonstrationsrecht für sich selbst einfordern , auf der anderen Seite dieses benutzen um anderen ihr Demonstrtaionsrecht vorzuenthalten.
    Will die Polizei die Rechte der anderen durchsetzen werden sie gewalttätig. Tolles Verständnis von Demokratie , wenn eine verschwindend geringe aber äusserst gewalttätige Minderheit in bester 'Daumen hoch , Daumen runter' Nero Manier darüber entscheidet wer in diesem Land Grundrechte besitzt und wer nicht .

    Und sie wundern sich wirklich warum man diese Demonstranten als Kommunisten ,Soziallisten und ggf. auch als Terroristen bezeichnet ?

    • kael
    • 21.12.2010 um 13:22 Uhr

    ... dann stünden oder säßen sie längst auf den Straßen und blockierten Kanzleramt, Parlament und alle bedeutenden Finanz-"Dienstleister".

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    ...wo Bürger aller Altersgruppen gegen Korruption in Wirtschaft und Politik auf die Straße gehen. 68er sind da auch dabei.

    ...wo Bürger aller Altersgruppen gegen Korruption in Wirtschaft und Politik auf die Straße gehen. 68er sind da auch dabei.

    • ludna
    • 21.12.2010 um 14:04 Uhr

    Das Problem aus meiner Sicht in D ist, dass das Demokratieverständnis ein völlig anderes ist, als in UK und Frankreich. Während politische und gesellschaftliche Willenskundgebung durch Demonstation völlig legitim und anerkannt ist, und als elemtares Bürgerrecht und als Form des freedom of speaks gilt (man erinnere sich an die speakers corner) ist dies in D nicht der Fall.
    Natürlich gibt es ein Demonstationsrecht, aber man hat es geschafft, die politische Demonstration in eine Extremismus Ecke zu stellen. Man erinnere sich an den Umgang mit Thierse, als der auf einer Demonstration war. Das einzige was hier noch halbwegs anerkannt ist, ist der Streik.

  5. Dringender denn je brauchen wir eine Revolution der Intelligenz im Geiste Gandhis und Martin Luther Kings um uns von der Diktatur der Banker und Investoren (Spekulanten) zu befreien. Das Beispiel Cleggs,der vor den Wahlen noch eine Abschaffung der Studiengebühren befürwortet hatte, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand unserer dysfunktionalen Demokratien (Volksherrschaft).

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    ...oder "Wenn das Gesetz Dich zum Arm des Unrechts macht dann, sage ich, brich das Gesetz". (H.D.Thoreau, 1849, Diogenes-Verlag) Pflichtlektüre der Anhänger Gandhis, Kings - und jetzt auch unsere.

    ...oder "Wenn das Gesetz Dich zum Arm des Unrechts macht dann, sage ich, brich das Gesetz". (H.D.Thoreau, 1849, Diogenes-Verlag) Pflichtlektüre der Anhänger Gandhis, Kings - und jetzt auch unsere.

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