KosovoHashim Thaçi, Liebling des Westens oder Mafiaboss?

Der Westen setzt seit Langem auf Hashim Thaçi als Garanten für Stabilität im Kosovo. Doch Berichte zeigen ihn als skrupellosen Kriminellen. Schauen wir absichtlich weg? von dpa

Gerade erst haben die USA, das Europaparlament und viele andere ausländische Institutionen dem alten und neuen Kosovo-Regierungschef Hashim Thaçi zu den "fairen" Parlamentswahlen am letzten Sonntag gratuliert. Doch diese werden von fast allen Parteien im Land wegen vermeintlicher massiver Wahlfälschungen durch Thaçis PDK-Partei nicht anerkannt. Jetzt drohen dem ausgewiesenen "Liebling des Westens" durch massive Beschuldigungen aus dem Europarat noch viel größere Probleme.

Er soll als "Mafiaboss" seit Ende der neunziger Jahre an der Spitze eines kriminellen Netzwerkes stehen, das ganz Kosovo fest im Griff hält. Im Bürgerkrieg 1998/99 und in den Jahren danach soll er für den groß angelegten Kokainhandel ebenso verantwortlich gewesen sein wie für politische Morde, Korruption im riesigen Stil und für den Handel mit menschlichen Organen. Die Regierung in Pristina weist die Vorwürfe zurück und spricht von Lügen. 

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Unter der Regie von Thaçi und seinen Helfershelfern sollen vor allem Serben in Nordalbanien Organe herausoperiert worden sein, die dann international über die Flughäfen von Tirana verhökert wurden. Dabei sind diese schon früher von der serbischen Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfe am wenigsten plausibel. Wer einmal im völlig unterentwickelten Nordalbanien war und die dortigen miserablen Lebensumstände gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, wie hier zum Beispiel medizinisch aufwendige Nierenentnahmen stattgefunden haben könnten. Selbst serbische Ärzte hatten diese mangelnden technischen und hygienischen Voraussetzungen eingeräumt.

Viele andere Vorwürfe des Schweizer Europaabgeordneten Dick Marty gehören seit langem zum Allgemeingut. Es gibt zahlreiche Berichte der Geheimdienste und Medien, in denen nicht nur Thaçi, sondern auch sein Vorgänger Ramush Haradinaj als Mafiagrößen eingestuft werden. Böse Zungen behaupten, heute sei die Organisierte Kriminalität das einzig Funktionierende in dem bitterarmen Balkanstaat. Schließlich erreicht die Arbeitslosigkeit in einigen Landesteilen 80 Prozent. Und das bei einer Bevölkerung, deren eine Hälfte jünger als 25 Jahre ist.

Klarer denn je werden jedoch jetzt aus dem Europarat Vorwürfe an eine ganz andere Adresse gerichtet erhoben. Die USA, die EU und die vielen internationalen Organisationen, die sich im Kosovo seit Jahren mit großem finanziellen und personellen Einsatz engagieren, sollen sich um diese lang bekannte kriminelle Szene nicht gekümmert haben. Sie hätten weggeschaut, nur um in dieser Krisenregion Ruhe zu bewahren.

Die Bevölkerung ist besonders von der EU-Rechtsstaatsmission im Kosovo (Eulex) enttäuscht, deren Polizisten, Richter und Experten beim Aufbau eines demokratischen Staates helfen sollen. Trotz aller Ankündigungen traue sich Eulex nicht, gegen die großen Fische im kriminellen Teich vorzugehen, lautet der Vorwurf.

Und tatsächlich: Die schon im letzten April mit großem Getöse aufgenommenen Ermittlungen gegen zwei enge Thaçi-Getreue sind bis heute im Sand verlaufen. Der angeblich korrupte Transportminister Fatmir Limaj und der von einem Auftragskiller beschuldigte PDK-Spitzenmann Azem Syla sind gerade für die Thaçi-Partei ins Parlament gewählt worden – auf den Spitzenplätzen Nummer vier und fünf.
 

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Leserkommentare
    • k2
    • 15. Dezember 2010 19:23 Uhr

    Es ist wohl war, dass hohe Kosovaren den reichen Saudi eines
    mittlerweile in Verruf geratenen Bauunternehmens in Bosnien einst getroffen haben.

    So wie Nawaz Sharif in Saudi-Arabien.

    Dies besagt wenig : In Moldawien gibt es einen blühenden
    Organhandel mit Nieren.

  1. ...Schwerverbrecher, der Unterstützung
    von der "Westlich Welt" erfährt. Ganz
    nebenbei: Es ist ja auch bekannt, daß
    die UCK vom CIA aufgerüstet wurde. Und
    wenn der Geheimdienst schon mal da ist,
    wird er wohl auch sonst noch in einigen
    kriminellen Maschenschaften mitmischen.

    • Azenion
    • 15. Dezember 2010 19:40 Uhr

    "Liebling des Westens oder Mafiaboss" -- Gibt es denn Anzeichen, daß die Eliten des Westens irgendwelche moralischen Ansprüche an ihre Schützlinge stellten?

    Das wäre mir aber ganz neu.

    Also: "Liebling des Westens UND Mafiaboss"

    • BerndL
    • 15. Dezember 2010 20:14 Uhr

    doch schon lange. Ich hoffe, dass den Haag sich nun mal dafür interessiert und handelt- sonst muss sich den Haag den berechtigten Vorwurf gefallen lassen, nur in bestimmte Richtungen aktiv zu werden.

    Seltsam nur, dass die "Freunde" der USA immer ähnlich integre Leute sind und waren:
    Thaci, Karsai und Noriega (beide in Drogenhandel verwickelt), Pinochet, Somoza, Saddam Husein...

    • DvM
    • 15. Dezember 2010 20:21 Uhr

    Vorbildlich, wie in CH und A darüber berichtet wird: Anfangsverdacht für Schwerstverbrechen ! Wer hat die ZEIT beauftragt, zu verharmlosen?

  2. ...weil ihn die USA mögen.

    Das ist schließlich unsere Pflicht als 52. US-Bundesstaat!

  3. Man hat Thaci unterstützt und seine Verbrechen sowie jene der UCK unter den Teppich gekehrt, damit man den Kosovo - diese Missgeburt von einem Staat - vor der erstaunten Weltöffentlichkeit aus dem Hut zaubern konnte. Ob's das wert war? Dessen Anerkennung war von Anfang an ein Fehler - organisierte Kriminalität und Emigranten dürften die einzigen Exportgüter dieses Landes sein; und das vermutlich auf lange Zeit; dort geht nichts vorwärts, und nichts zurück, alles versinkt im kriminellen Sumpf oder Lethargie und zwar seit Jahren. Der Westen sollte die Unterstützung des Kosovos einstellen und Visas für Kosovo-Albaner nur sehr restriktiv und nach gründlicher Überprüfung erteilen - um ein weiteres Ausbreiten der mafiösen Strukturen im Kosovo, die dieses kleine Land fest im Griff haben, nach Europa zu verhindern. Further Reading: http://en.wikipedia.org/w...çi#Criminal_Activities und /wiki/Kosovo_Liberation_Army#Reported_abuses (die deutschen Seiten sind nicht ganz so informativ)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Dessen Anerkennung war von Anfang an ein Fehler - organisierte"

    Der Westen macht keine Fehler. Die USA und Angela sind unfehlbar. Alles ist alternativlos. Das Unwort des Jahres.

  4. Ich arbeitete über 18Mon. für eine NGO von 1999-2002 in Albanien und im Kosovo. Bereits damals wußten alle, von UN bis Nato, von der Gefährlichkeit dieser Person. Die Nato unter Führung der USA hielt und hält die Hand über diesen Demokraten. Wichtigster Grund der "Befreiung" war es, den Russen ihren alten Traum, den Zugang zum Mittelmeer (über Monte Negro) zu sperren. Die US-Stützpunkte sind im Gegensatz zu den Bundeswehr Feldlagern, fest Plätze für Jahrzehnte. Nach der Abwahl des 1. Kosovopräsidenten, Ibrahim Rugova, bemächtigte sich die UCK unter Führung von Thaci des Landes. Drogen, Menschenhandel, Prostitution, mit der gesamten begleitenden Gewalt zeichnen von Anfang an seine Spur. Wie Albanien entwickelt sich auch das Kosovo zu einem rechtfreien Raum. Wie leider auch in anderen südosteuropäische Staaten, die Jahrhunderte unter türkischer Herrschaft standen, wird die Annäherung an die Recht- und Wertenormen der EU-Länder noch sehr lange dauern.

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte Bevölkerung | Bürgerkrieg | Ermittlung | Europaparlament | Europarat | Fisch
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