Deng Xiaoping ist der Begründer des modernen China. Ende der 1970er Jahre begann er damit, Maos sozialistisches System in Richtung Marktwirtschaft gründlich umzukrempeln. Dazu gab er die Devise aus, China solle sich – sinngemäß – nach außen hin bedeckt geben und dabei gleichzeitig dezent seine eigenen Stärken entfalten.

Deng starb 1997, und dreizehn Jahre später scheint von seiner Devise vorerst nicht viel übrig zu sein: 2010 begann Peking damit, seinen unmittelbaren Nachbarn offen zu drohen. Die Asean-Staaten bekamen das im Sommer zu spüren, als US-Außenministerin Hillary Clinton auf einer Konferenz in Hanoi die USA als Vermittler für Territorialkonflikte um mehrere Inselgruppen im Südchinesischen Meer anbot. Dies liege im "nationalen Interesse" der Vereinigten Staaten, so Clinton. Zuvor hatten hochrangige chinesische Außenpolitiker wie der Staatsrat Dai Bingguo und Cui Tiankai, ein Vize-Außenminister, das Ost- und Südchinesische Meer als "Kerninteresse" bezeichnet. Diese Bezeichnung wurde bis dahin ausschließlich für die Konflikte um Tibet, Xinjiang und Taiwan verwendet.

Ein so artikulierter Hegemonie-Anspruch verstärkte unter den Staaten Südostasiens den Wunsch, Territorialprobleme multilateral zu lösen, um nicht allein dem mächtigen China gegenüber zu sitzen. Die USA stießen in Hanoi bei den Asean-Ländern also auf offene Ohren – was zu einer verärgerten Ansprache des chinesischen Außenministers Yang Jiechi führte, der sich amerikanische Vermittlung für das Südchinesische Meer verbat und – auf seinen Amtskollegen aus Singapur schauend – sagte: "China ist ein großes Land und andere Länder sind kleine Länder. Und das ist eben eine Tatsache."

Offene Drohungen

Wenig später bekam Japan zu spüren, wie sich das neue Selbstbewusstsein Chinas artikulieren kann, als es einen chinesischen Fischer vor den von Tokyo seit 1895 kontrollierten Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer verhaftete . Peking drohte Tokyo offen. Auch Exportrestriktionen für Seltene Erden, Rohstoffe für die Hightech-Industrie, waren als indirekte Drohung gegen Japan zu verstehen.

Glaubt man japanischen Diplomaten war das chinesische Militär Ursache des aggressiven Tonfalls. Anders als früher habe das Außenministerium in Peking dieses Mal offenbar auf seinen mäßigenden Einfluss verzichtet.

Misstrauen schürte in Ostasien auch, dass neuerdings hochrangige Militärs mit außenpolitischen Statements in die Öffentlichkeit gehen, so wie die Generäle Ma Xiaotian und Luo Yuan, die im Sommer dieses Jahres die militärische Präsenz der USA im Chinesischen Meer kritisierten. Das alles vor dem Hintergrund, dass China seinen Militärhaushalt in der vergangenen Dekade bis 2008 auf 63 Milliarden Dollar verdreifacht hat. Das Pentagon geht davon aus, dass der Etat inoffiziell wesentlich höher ist. In China weiß man, wie wichtig Seestreitkräfte für die zukünftige Sicherung von Handelswegen und Rohstoffquellen sind, und modernisiert vor allem seine Kriegsmarine, die U-Boot-Flotte wird dabei massiv ausgebaut.

Doch das inzwischen deutlich sichtbare Hegemonialdenken in Peking löst Angst bei den Nachbarn aus. Und es stellt Chinas friedlichen Aufstieg als Weltwirtschaftsnation seit Ende der siebziger Jahre in Frage. Sein Selbstbewusstsein ist in den vergangenen dreißig Jahren vor allem durch sein gigantisches Wirtschaftswachstum erwacht. Es hat nicht nur viele reiche Chinesen, glitzernde Innenstädte und moderne Industrieanlagen hervorgebracht. Es hat auch Hunderte Millionen Menschen aus der allerschlimmsten Armut herausgeholt, ein gigantisches Sozialprogramm also.