An dem Tag, an dem Generäle und die Elite des Landes gegen den venezolanischen Revolutionsführer Hugo Chávez putschten, ging Frank Quijada für seinen Präsidenten auf die Straße. Am 11. April 2002 protestierte der 42-Jährige auf der Brücke "Puente Llaguno", an jener Straßenkreuzung im Stadtkern von Caracas, wo sich Polizisten, bewaffnete Chavista und Unbekannte eine tödliche Schießerei lieferten. Einige Stunden später drängte die aufständische Armeeführung Chávez aus dem Amt. Der Staatsstreich scheiterte nach nur zwei Tagen. "Sollte es einen neuen Putsch geben, werde ich wieder auf die Straße gehen, um den Präsidenten zu verteidigen", versichert Quijada.

Der Fabrikarbeiter wählte Chávez seit dessen erstem Sieg 1998. In den Augen des sozialistischen Präsidenten ist er trotzdem ein Verräter. Quijada hat einen Tabubruch begangen: Er widersprach öffentlich dem Unfehlbaren.
Der Mann mit dem Schnauzbart und der tiefen Stimme ist Gewerkschafts-Chef bei der Getränkesparte des größten Lebensmittelherstellers Venezuelas, Empresas Polar. Chávez drohte in den vergangenen Monaten mehrfach mit der Enteignung des Unternehmens. Quijada, der auf Arbeit eine Bier-Abfüllmaschine bedient, und seine Kollegen gingen auf die Barrikaden. "Die meisten hier sind Chávista. Doch gibt es in der Fabrik keinen, der für eine Verstaatlichung ist", sagt Quijada in seinem Büro in der Polar-Brauerei in einem Industriegelände von Caracas. "Der Präsident kann nicht einfach im Fernsehen Enteignungen ankündigen, ohne vorher Arbeiter und Gewerkschaftler zu fragen."

Polar ist eine Ikone im industriearmen Venezuela. Der größte private Konzern des Landes produziert unter anderem das Maismehl, mit dem die Venezolaner ihre Arepas backen, die beliebten Maisfladen, die sie zum Frühstück und als Beilage zu jeder Mahlzeit verzehren. Auf einer Fiesta darf das Polar-Bier nicht fehlen. Mit einem Anteil von über 50 Prozent ist die Marke mit Abstand Spitzenreiter.

Chávez ist das kapitalistische Musterunternehmen ein Dorn im Auge. Der Armeeoberst baut sein Land immer stärker nach dem Modell Kubas um. Auf dem Weg zur Staatswirtschaft hat er etliche Schlüsselsektoren wie Öl mittels Enteignungen komplett, oder im Fall der Nahrungsmittelindustrie teilweise unter seine Kontrolle gebracht. Im April enteigneten die Behörden ein Polar-Areal im Bundesstaat Lara. Im Oktober folgten der größte Silobetreiber und der wichtigste Glashersteller Venezuelas. Einer der wichtigsten Kunden in beiden Fällen war Polar. Offiziell wirft Chávez dem 70 Jahre alten Familienunternehmen vor, Lebensmittel zurückzuhalten und damit leere Supermarktregale zu provozieren.

Ein Vorwurf, der erstaunt. Denn über verschiedene Gesetze, unter anderem zur Preisregulierung von Grundnahrungsmitteln, greift der Staat schon jetzt in die Firmenpolitik ein und kontrolliert deren Einhaltung äußerst penibel. Sein Unternehmen sei in nur zwei Wochen 46mal von Arbeitsministerium, Verbraucherschutzbehörde, Finanzamt und Nationalgarde inspiziert worden, gab der Direktor für Rechtsfragen bei Polar, Guillermo Bolinaga, Mitte des Jahres zu Protokoll.

Sachliche Argumente prallen an Chávez ab. "Er will Polar zu seinem Gegenspieler in einer ideologischen Schlacht machen", glaubt der Chef des venezolanischen Industrieverbandes, Carlos Larrázabal. "Die Regierung will die Bevölkerung davon überzeugen, dass im Sozialismus kein Platz für Privatunternehmen ist. Das passt schlecht ins Bild, dass die Verstaatlichungen bisher Fehlschläge waren, ein kapitalistisches Unternehmen hingegen so gut funktioniert."

Als meisterhafter Manipulator der öffentlichen Meinung läuft Chávez immer dann zu Hochform auf, wenn er verbal auf einen Prügelknaben dreinschlagen kann. So greift er auch, wenn es ihm nützlich erscheint, den Polar-Besitzer Lorenzo Mendoza an. Zitat: "Krieg ist Krieg, Kumpel, ihr mit eurem Geld und ich mit meiner Moral und meinem Volk. Mendoza, weil du reich bist, wirst du in die Hölle gehen." Multimilliardär Mendoza hat sich bisher erfolgreich den Versuchen Chávez` entzogen, sich zum kapitalistischen Ausbeuter stilisieren zu lassen. Der 1966 geborene Vorstand scheut öffentliche Auftritte, stattdessen stellt seine gemeinnützige Stiftung neue Hilfsprojekte vor. Auch politische Aussagen sind von ihm nicht bekannt.