Während der gewaltsam niedergeschlagenen Proteste in Weißrussland hat die Polizei offenbar hunderte Demonstranten festgenommen, darunter nach neuen Angaben ihrer Sprecher auch mindestens sieben der insgesamt neun Präsidentschaftskandidaten der Opposition. Demnach wurden Andrej Sannikow, Nikolai Statkewitsch, Rigor Kastusew, Witali Rimanschewski und Ales Michalewitsch festgenommen, auch Wladimir Nekliajew und Dmitri Uss wurden abgeführt. Wladimir Neklajew und Vitali Rymaschewski seien von der Polizei krankenhausreif geprügelt und dann vom Geheimdienst KGB verschleppt worden, hieß es aus deren Wahlkampfstäben. Die Regierungsgegner hatten am Sonntagabend Proteste gegen den vierten Wahlsieg von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko organisiert.

Zehntausende Menschen waren auf die Straße gegangen, obwohl die Behörden ein Demonstrationsverbot verhängt hatten. Die Demonstranten werfen Amtsinhaber Alexander Lukaschenko vor, bei der Wahl betrogen zu haben. Die Polizei hatte die Demonstranten zunächst zwei Stunden lang gewähren lassen, schritt dann aber mit Schlagstöcken ein. Einige Demonstranten warfen daraufhin Steine und Schneebälle auf die Polizisten. Augenzeugen beobachteten, wie Regierungsgegner in Polizeifahrzeuge gebracht wurden. Auch Oppositionsführer Andrej Sannikow wurde offenbar festgenommen.

Mehrere Demonstranten versuchten, den Regierungssitz zu stürmen, in dem sich auch das Parlament und die Wahlkommission befinden. Sie schlugen die Glastüren des Gebäudes und mehrere Fenster ein, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Die Polizei drängte die Demonstranten umgehend zurück, dabei setzte sie immer wieder Schlagstöcke ein.

Präsidentschaftskandidat Nekliajew wurde offenbar während eines weiteren Polizei-Einsatzes zusammengeschlagen und bewusstlos ins Krankenhaus gebracht. Die Polizei hatte eine Versammlung seiner Partei aufgelöst und dabei Blendgranaten eingesetzt und in die Luft geschossen. Während der Aktion wurden Fotografen und Kameraleute von Sicherheitskräften zu Boden gebracht, damit sie den Vorfall nicht filmen konnten. Unbestätigten Medienberichten zufolge wurde Nekliajew später aus seinem Krankenhausbett heraus abgeführt. 

Jerzy Buzek, Präsident des Europäischen Parlaments, nannte den Vorfall völlig inakzeptabel: "Dieser feige Angriff auf einen wehrlosen weißrussischen Präsidentschaftskandidaten ist empörend und skandalös." Das weißrussische Innenministerium erklärte indes, unbewaffnete Polizisten seien auf eine wütende Menge gestoßen. "Die Menge bewegte sich mit dem Ergebnis auf die Sicherheitskräfte zu, dass einige Polizisten verletzt und ins Krankenhaus gebracht werden mussten." Die staatlichen Sicherheitskräfte hatten vor der Wahl erklärt, sie würden jegliche Versuche zur Aufstachelung unterbinden.

Auch die prominente regierungskritische Reporterin Irina Chalip ist offenbar verschleppt worden. In einem Live-Interview im Radio-Sender Echo Moskwy berichtete sie gerade von dem "brutalen Vorgehen" der Polizei, als sie selbst gewaltsam abgeführt wurde. "Oh, sie zerren mich weg. Was um Himmels willen tun sie denn", schrie sie während ihres per Telefon abgesetzten Augenzeugenberichts. "Mich schlägt die Polizei", rief sie noch mit schmerzverzerrter Stimme, bevor die Verbindung abbrach. Seither fehle jeder Kontakt zu der Reporterin der oppositionellen russischen Zeitung Nowaja Gaseta , berichtete Echo Moskwy am Montag. Die mit internationalen Preisen ausgezeichnete Chalip ist die Ehefrau des oppositionellen weißrussischen Präsidentenkandidaten Andrej Sannikow.