WikileaksWenig Anlass für Entrüstung

Sicheres Urteilsvermögen, gesunder Realitätssinn: Nach allem was bekannt ist, müssen sich Amerikas Diplomaten nur für wenige Aussagen entschuldigen, kommentiert A. Böhm. von 

US-Außenministerin Hillary Clinton

US-Außenministerin Hillary Clinton  |  © Alex Wong/Getty Images

Was sagt uns die jüngste Wikileaks-Schwemme über Amerikas Diplomaten und Außenpolitiker? Dass sie verlogen sind? Voller Hybris einer Supermacht? Eine, die nicht begreift, dass ihre besten Zeiten vorbei sind?

Man liest in den Depeschen und liest und liest – und ertappt sich bei dem Gedanken: Gar nicht so schlecht! Ja, US-Diplomaten vertreten – welch ein Schock! – amerikanische Interessen und werden dabei manchmal ziemlich unangenehm. Aber sie liefern auch Lagebilder, die von Transparency International oder Human Rights Watch verfasst sein könnten. Und manche von ihnen schreiben verdammt gut.

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Wer zum Beispiel wissen will, warum der Kaukasus im Allgemeinen und Dagestan im Besonderen so schwer zu befrieden sind, dem sei dringend die Lektüre einer exzellent geschriebenen Depesche der Moskauer US-Botschaft vom 31. August 2006 empfohlen. Deren Autor konnte einer dagestanischen Hochzeit beiwohnen, auf der ihm der sturzbesoffene Rektor der juristischen Fakultät der Universität Dagestan den Revolver vor die Nase hielt.

Es ist auch nicht empörend, sondern eher beruhigend, zu erfahren, dass US-Diplomaten – völlig zutreffend – die politische Elite in Kenia für korrupt, Zimbabwes Staatschef Robert Mugabe für einen Megalomanen und die Verflechtung zwischen Politikern und Mafiosi in Russland für bedenklich halten. Und es spricht für einen gesunden Realitätssinn, dass US-Diplomaten Recherchen über die bizarren Verhaltensweisen des libyschen Diktators Muammar al-Gadhafi (ausgeprägte Abneigung gegen das Fliegen, ausgeprägte Vorliebe für ukrainische Krankenschwestern und spanischen Flamenco-Tanz) mit der Warnung verbinden, den Mann nicht als greisen Exzentriker, sondern als raffinierten Machtpolitiker zu sehen.

Andere Depeschen enthalten zweifellos mehr politische Sprengkraft. Das liegt weniger an ihrem Inhalt, als an dem Umstand, dass sie öffentlich geworden sind. Im Falle Irans und Saudi Arabiens ist man irgendwie ganz froh, dass sich die USA einem amerikanischen Militärschlag verweigern. Und Uran aus Pakistan zu entfernen , ist eigentlich keine schlechte Idee. Schlecht ist, dass sie öffentlich wurde. Gut ist, dass chinesische Diplomaten offenbar ein sehr offenes Gesprächsklima mit ihren amerikanischen Kollegen pflegen – unter anderem, wenn es um Nordkorea geht . Schlecht ist – auch für die betroffenen Diplomaten –, dass die Welt das jetzt weiß.

In diesem Sinne kann man den Damen und Herren des State Department eigentlich nur zurufen Hey, not bad. Not bad at all . Steht eigentlich gar nicht so viel drin, wofür man sich entschuldigen müsste.

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Leserkommentare
  1. Dem Kommentar kann man nur zustimmen. An der Bewertung der deutschen Politiker ist auch wenig zu bemäkeln. Ich vertraue den amerikanischen Diplomaten jetzt wesentlich mehr wie früher.

    2 Leserempfehlungen
  2. weshalb dann die ganze US-Aufregung?

    7 Leserempfehlungen
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    keine Ahnung

    Ja richtig! Das ganze Theater, die Verfolgung und diese wirklich verzweifelten Versuche WL zu verhinden und wenn es gegen die eigene Verfassung ginge...
    Es wäre ziemlich irrational, WENN das jetzt alles gewesen wäre. So vermute ich mal, das da irgendwo noch ein ganz dicker Hund begraben liegt. Geht es vielleicht um diese ominöse Bank?
    Es bleibt jedenfalls spannend.
    W.

  3. Sehe ich ähnlich. Die einzige größere Überraschung in diesen Dokumenten ist, dass der diplomatische Dienst der USA erheblich kompetenter ist, man allgemein angenommen hatte.

    Ob es diese Erkenntnis wert war, die internationale Diplomatie auf Jahre zu schädigen, wage ich allerdings zu bezweifeln.

    2 Leserempfehlungen
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    Die internationale Diplomatie ist nicht geschädigt sondern das diplomatische Vertrauen in die USA.Das ist ein Unterschied.Und spätestens nach 2-3 Jahren wird kein Hahn mehr danach krähen.

    • GhG
    • 02. Dezember 2010 17:23 Uhr

    Interessant sind jedoch die Berichte über "extraordinary rendition"

    http://www.guardian.co.uk...

    oder über die "cluster bombs"

    http://www.guardian.co.uk...

    oder über die evetnuelle Bewaffnung georgischer Seperatisten durch Russland

    http://www.guardian.co.uk...

    Schade, dass darüber in deutschen Medien fast nicht berichtet wird...

    4 Leserempfehlungen
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    die Zeitungsleute glauben immer noch das die Leser scharf auf Klatsch und Tratsch sind.Sie vergessen dabei,das viele sich nicht dafür interessieren.Also sollte sich auch die Zeit einmal Zeit nehmen wirklich wichtiges aufzugreifen und den Klatsch denen überlassen die nichts anderes können.

  4. keine Ahnung

    Antwort auf "Na prima,"
  5. Zitat :
    "Gut ist, dass chinesische Diplomaten offenbar ein sehr offenes Gesprächsklima mit ihren amerikanischen Kollegen pflegen – unter anderem, wenn es um Nordkorea geht. Schlecht ist – auch für die betroffenen Diplomaten –, dass die Welt das jetzt weiß"

    Nein, es ist gut wenn der Öffentlichkeit verstärkt klar wird, das miteinander geredet wird und nicht nur zwischen offiziellen Freunden.
    Das Reden bringt uns alle weiter, nicht das Schießen.
    Theatralik also lieber gleich bleiben lassen und sachlich die Probleme gemeinsam abarbeiten.

    Eine Leserempfehlung
  6. die Zeitungsleute glauben immer noch das die Leser scharf auf Klatsch und Tratsch sind.Sie vergessen dabei,das viele sich nicht dafür interessieren.Also sollte sich auch die Zeit einmal Zeit nehmen wirklich wichtiges aufzugreifen und den Klatsch denen überlassen die nichts anderes können.

    5 Leserempfehlungen
  7. Botschaften haben die Aufgabe, zu informieren über andere, nicht sich selbst und ihr eigenes Land zu "beschmutzen".
    Die Kabel waren für die eigenen Leute bestimmt, wurden ins Intranat gestellt.

    Vielleicht gibt es ja mal Kabel aus den Botschaften anderer Länder.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Diplomat | Exzentriker | Hochzeit | Uran | Kenia | Nordkorea
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