Was sagt uns die jüngste Wikileaks-Schwemme über Amerikas Diplomaten und Außenpolitiker? Dass sie verlogen sind? Voller Hybris einer Supermacht? Eine, die nicht begreift, dass ihre besten Zeiten vorbei sind?

Man liest in den Depeschen und liest und liest – und ertappt sich bei dem Gedanken: Gar nicht so schlecht! Ja, US-Diplomaten vertreten – welch ein Schock! – amerikanische Interessen und werden dabei manchmal ziemlich unangenehm. Aber sie liefern auch Lagebilder, die von Transparency International oder Human Rights Watch verfasst sein könnten. Und manche von ihnen schreiben verdammt gut.

Wer zum Beispiel wissen will, warum der Kaukasus im Allgemeinen und Dagestan im Besonderen so schwer zu befrieden sind, dem sei dringend die Lektüre einer exzellent geschriebenen Depesche der Moskauer US-Botschaft vom 31. August 2006 empfohlen. Deren Autor konnte einer dagestanischen Hochzeit beiwohnen, auf der ihm der sturzbesoffene Rektor der juristischen Fakultät der Universität Dagestan den Revolver vor die Nase hielt.

Es ist auch nicht empörend, sondern eher beruhigend, zu erfahren, dass US-Diplomaten – völlig zutreffend – die politische Elite in Kenia für korrupt, Zimbabwes Staatschef Robert Mugabe für einen Megalomanen und die Verflechtung zwischen Politikern und Mafiosi in Russland für bedenklich halten. Und es spricht für einen gesunden Realitätssinn, dass US-Diplomaten Recherchen über die bizarren Verhaltensweisen des libyschen Diktators Muammar al-Gadhafi (ausgeprägte Abneigung gegen das Fliegen, ausgeprägte Vorliebe für ukrainische Krankenschwestern und spanischen Flamenco-Tanz) mit der Warnung verbinden, den Mann nicht als greisen Exzentriker, sondern als raffinierten Machtpolitiker zu sehen.

Andere Depeschen enthalten zweifellos mehr politische Sprengkraft. Das liegt weniger an ihrem Inhalt, als an dem Umstand, dass sie öffentlich geworden sind. Im Falle Irans und Saudi Arabiens ist man irgendwie ganz froh, dass sich die USA einem amerikanischen Militärschlag verweigern. Und Uran aus Pakistan zu entfernen , ist eigentlich keine schlechte Idee. Schlecht ist, dass sie öffentlich wurde. Gut ist, dass chinesische Diplomaten offenbar ein sehr offenes Gesprächsklima mit ihren amerikanischen Kollegen pflegen – unter anderem, wenn es um Nordkorea geht . Schlecht ist – auch für die betroffenen Diplomaten –, dass die Welt das jetzt weiß.

In diesem Sinne kann man den Damen und Herren des State Department eigentlich nur zurufen Hey, not bad. Not bad at all . Steht eigentlich gar nicht so viel drin, wofür man sich entschuldigen müsste.