TerroranschlagÄgyptens Christen fühlen sich nicht mehr sicher

Noch nie gab es in Ägypten ein Attentat wie das von Alexandria. Die Christen dort spüren eine wachsende Feindseligkeit - und gehen auf die Straße. von 

Eine Frau trauert um die Opfer des Anschlags in Alexandria

Eine Frau trauert um die Opfer des Anschlags in Alexandria  |  © Martin Gehlen

"Herr erbarme dich unser", singen sie immer wieder. "Herr erbarme dich", während draußen dunkel die Glocken läuten. Durch die offenen Fenster weht die kühle Morgenluft einen fauligen Gestank herein. Tiefe Wolken hängen am Sonntagmorgen über der ägyptischen Hafenstadt Alexandria. Im Inneren der koptischen Allerheiligenkirche im Stadtteil Sidi Bechr riecht es nach Blut.

An der Fassade des weißen Gotteshauses kleben immer noch kleine Fleischfetzen. Kratzend und klirrend hört man ein halbes Dutzend Straßenfeger in beigen Overalls Scherben und Trümmer in der Khalid Hamada Straße zusammenkehren. Die sechs verkohlten Autos sind inzwischen weggeschafft, ein schwarzer Honda mit zerborstener Windschutzscheibe steht in der Garage der Pfarrei.

Anzeige

Alle Zufahrtsstraßen sind durch dichte Kordons von Sonderpolizei abgeriegelt. In Sichtweite des Gotteshauses stehen mehrere schwarze Hundertschaften in Dreierreihen stramm, während sich ihre Offiziere zusammen mit Geheimpolizisten in Grüppchen die Füße vertreten.

Nur 200 Beter haben sich zur Frühmesse vor dem Altar versammelt, um den vierten Advent zu feiern. Getragen und ruhig breiten sich die liturgischen Gesänge der vier koptischen Pfarrer aus, immer wieder unterbrochen von Schluchzen und lautem Wehklagen. Weihrauch wabert durch das kalte Kirchenschiff. Männern rinnen die Tränen über das Gesicht. Die wenigen jungen Besucher sitzen mit gesenkten Köpfen in den Holzbänken. Sie können immer noch nicht fassen, was ihnen und ihren Familien mitten in der Nacht zu Samstag zugestoßen ist.

Das Neue Jahr 2011 war gerade eine halbe Stunde alt, da verwandelte sich der Vorraum zur Straße mit dem hohen Eisenportal in ein tödliches Inferno. Gerade hatten die koptischen Seelsorger die 1000 Gottesdienstbesucher mit allen guten Wünschen entlassen. Frohgelaunt strömten die ersten Familien ins Freie, als der Attentäter seine offenbar in einem Auto versteckte Bombe zündete. Sekunden später lagen Leichen in ihrem Blut, dazwischen abgerissene Körperteile und Kleiderfetzen. Verletzte schrien vor Schmerzen. Scherben, und Trümmer überall – Bilder, wie sie die ägyptische Bevölkerung bisher nur aus Bagdad kannte.

Viele der 80 Verwundeten wurden im benachbarten Sankt Markus Hospital versorgt, einige Schwerverletzte sogar per Hubschrauber nach Kairo verlegt. Für 21 Gläubige jedoch kam jede Hilfe zu spät. Ihre Körper wurden für den Rest der Nacht im Inneren der Kirche aufgebahrt, die Hälfte von ihnen bereits am Samstagabend im 70 Kilometer entfernten Menas-Kloster beerdigt. "Nein, nein, nein" schrien die über 5000 Trauergäste, als ein Regierungsvertreter versuchte, das Beileidstelegramm von Staatspräsident Hosni Mubarak zu verlesen.

"Die Attentäter kommen nicht aus Afghanistan oder Pakistan, die sind von hier", sagt der Rentner Kamil Issa, der in der Vorhalle die koptische Kirchenzeitung Unser Land verkauft. Der 63-Jährige ist lange auf einem griechischen Frachter zur See gefahren. Seine Frau ist gestorben, jetzt arbeitet er ehrenamtlich in der Gemeinde mit und lebt fünf Minuten entfernt in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. "Wir können keine Kirchen bauen, wir können nicht frei unseren Glauben leben. Man macht uns unseren Platz in der ägyptischen Gesellschaft streitig", mischt sich ein junger Mathematiklehrer ein, der nur seinen Vornamen Michael nennen will. Er und seine Familie entkamen der Bombe nur, weil seine Frau Sekunden vor der Explosion doch noch einmal in das Kirchenschiff zurückging, um für die einjährige Tochter eine Kerze anzuzünden. "Gott hat uns das Leben gerettet", sagt der 32-Jährige, während seine Augen nervös flackern.

Auf der Intensivstation des Sankt Markus Hospitals nebenan liegt Eman Ibrahim. Ihre Augen sind geschlossen, das Gesicht der Mutter zweier Kinder entstellt von Schnittwunden. Die 45-Jährige will mit niemandem mehr sprechen, sagen die Ärzte. Bisher haben sie es nicht gewagt, ihr zu sagen, dass ihr Mann nicht mehr am Leben ist. Der Sohn liegt mit amputiertem Bein in einer anderen Klinik. Nur die Tochter blieb unverletzt.

Leserkommentare
  1. Bitte äußern Sie sich mit konkretem Artikelbezug und verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/fk.

  2. 2. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Danke, die Redaktion/fk.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    keine religion und keine waffen für niemanden.

    religionen entzweien, schaffen ein wir hier und ein die da drüben. das war schon immer so und wird immer so bleiben.

    beste grüße.
    FSonntag

  3. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Danke, die Redaktion/fk.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Kommentar auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

  4. 4. falsch

    keine religion und keine waffen für niemanden.

    religionen entzweien, schaffen ein wir hier und ein die da drüben. das war schon immer so und wird immer so bleiben.

    beste grüße.
    FSonntag

    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie bereits angemerkt: Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Danke, die Redaktion/fk.

    Vom Abendland, das sich nicht mehr christlich nennt, haben die verfolgten Kopten weder Hilfe noch Mitgefühl zu erwarten, am allerwenigsten von den „Volkskirchen“, die in Deutschland zu den eifrigsten Verfechtern eines weltfremden Multikulturalismus gehören.

    • Nerrka
    • 02. Januar 2011 21:00 Uhr

    Zugegebenermaßen haben vor allem das Christentum und der Islam den Anspruch, die Religion zu sein, nach der nichts mehr kommen kann.

    Trotzdem liegt es meiner Ansicht nach nicht an den Religionen im allgemeinen und besonderen, dass ein "hier" und ein "da drüben" geschaffen wird. Hierfür gibt es viele andere Gründe, die tief in die Psychologie des Menschen hineinreichen. Es gibt aber auch noch geschichtliche und tausend weitere Gründe.

    Menschen brauchen immer Feindbilder, immer ein "da drüben", um sich selbst gut zu fühlen, und wenn Religion diesen Zweck nicht mehr erfüllt, dann werden es andere Konstrukte sein, wie Ethnizität, Geld, Gender, etc.!

  5. Es ist immer das Geldsystem das Geschichte schreiben lässt. Das Geldsystem ist in weiser Voraussicht niemals das Thema in der Geschichtsschreibung.
    Und ein Zinssystem führt nunmal unausweichlich zu einer Verrohung in der Gesellschaft. Die sozialen Ungleichgewichte sorgen für das nötige Konfliktpotential. Die Korrumpierende Bankerelite sorgt für entsprechende Ungleichbehandlung und ein Krieg wird unausweichlich.
    Wenn überhaupt etwas eine Schuld für das immer wiederkehrende Leid gegeben werden kann, dann ist es dieses Zinssystem. Wie passt übrigens die Tatsache, daß uns der Superbanker Sarrazin auf diesen Konflikt mit dem Islam vorbereitet. Wie kommt ein Banker dazu, einen Hass zu schüren. Wie kommt eine Bundeskanzlerin auf die Idee. zu sagen die Integration sei gescheitert. Wollen uns unsere Eliten in einen weltweiten Glaubenskrieg drängen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...wollen uns unsere Eliten in einen weltweiten Glaubenskrieg drängen...
    Was ein blödsinniger Kommentar zum Gedenken an die durch Moslems getöteten Christen.....

    Der Bürger, der nicht konsumiert, sondern stattdessen spart, leiht einem anderen Bürger sein Geld, der heute konsumieren und später sparen will.

    Die Muslime nehmen zwar keine Zinsen, dafür schlagen stattdessen abeer auf den Anschaffungspreis einen Bakschisch drauf und lassen sich dann das geliehene Geld in Raten erstatten.

    Also: Was soll der Quatsch, den sie uns andienen wollen?

    • 1fisch2
    • 02. Januar 2011 18:00 Uhr

    Warum nicht? Es ist eine Frage der Stärke und des politischen Willens.

    Können Sie sich vorstellen, daß in irgend einem Hinterzhimmer in einem Nobelhotel in der Schweiz bereits gerechnet wird?

    Deutschland als Waffenexportland Nr. 3 könnte sich freuen.
    Experten rechnen bereits die Kurststeigerungen bei den entsprechenden Unternehmen aus und rechnen das Wachstum hoch, das durch einen Krieg entstehen könnte.
    Was so ein Krieg an Arbeitsplätzen schaffen würde!

    Nochmal zusammengefasst: Der Euro wird stärker, das BSP steigt um mehr als 3 Prozent zusätzlich, die Arbeitslosenzahl wird tatsächlich halbiert...

    Ach ja, und wegen des Kollateralschadens: Menschen gibt es doch genug auf dieser Erde, ein paar Millionen weniger schaffen Platz für die nächsten Generationen.

    Glauben Sie wirklich, daß solche Gedanken nicht gedacht werden in unserem zivilisiserten, christlichen Abendland?

    • dacapo
    • 02. Januar 2011 18:23 Uhr

    Da hat wohl jemand nicht mehr alle Tassen im Schrank.

    Allerdings hat noch keiner den Mut das öffentlich zu bekennen.
    Zur Zeit wird er unter dem Deckmantel des Terrorismus weitergeführt und hilft so manchem absoluten Herrscher, seinen Thron zu verteidigen.

  6. 6. super

    Der Kommentar auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

  7. Wie bereits angemerkt: Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als Aufruf zur Gewalt verstanden werden. Danke, die Redaktion/fk.

    Antwort auf "falsch"
    • Furios
    • 02. Januar 2011 16:54 Uhr

    ..., dass inzwischen die Mehrheit zu den falschen Muslimen zählt – und ihre Zahl ständig steigt."

    Ein Phänomen welches leider der Wahrheit entspricht. Säkularisierung ist anti-islamisch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    können sie belegen das die Mehrheit der Muslime falsch ist, oder entspricht es einfach nur ihrem persönlichen Wunschdenken. 1,2,3 und fertig ist der Feind gebastelt.
    Und was bitte ist ein falscher Muslim, können sie evtl. Beispiele aus dem christentum nennen damit ich das dann auch verstehen kann. Denn ich bin ausschließlich mit Christen aufgewachsen.

    Selbstverständlich können sie auch belegen wie anti -islamisch Sekularität ist, nicht wahr!?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hosni Mubarak | Moschee | Terrorgefahr | Ägypten | Afghanistan | Irak
Service