Wer demonstriere, werde sofort den Ermittlungsbehörden überstellt, erklärte das Innenministerium laut der staatlichen Nachrichtenagentur Mena. "Weder provozierende Umzüge und Protestversammlungen noch die Organisationen von Märschen oder Demonstrationen sind erlaubt."

Trotz dieser Drohung versammelten sich in Kairo vor dem Justizgebäude und im Industrieviertel Mahallah el-Kubra erneut Demonstranten. Sofort ging die Polizei gegen sie mit Tränengas vor und löste die Kundgebungen auf. Wenig später versammelten sich Tausende erneut vor dem Gebäude. "Das Volk will den Sturz des Regimes", skandierten sie vor einem Justizgebäude.

Noch in der Nacht zu Mittwoch hatten die Sicherheitskräfte Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten eingesetzt, die den zentralen Tahrir-Platz besetzt hatten. Ein großes Polizeiaufgebot wurde rings um den Platz aufgezogen. Die Demonstranten verlangen den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak und von Ministerpräsident Ahmed Nasif, die Auflösung des Parlamentes und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit.

Bei den zum Teil gewaltsamen Kundgebungen am Dienstag waren drei Demonstranten und ein Polizist getötet worden. Die Proteste gegen die Regierung waren die heftigsten seit Mubaraks Amtsantritt im Jahr 1981. Viele Ägypter beklagen Armut, Arbeitslosigkeit und steigende Preise. Ähnliche Gründe hatten in Tunesien Massenproteste ausgelöst und vor knapp zwei Wochen zum Sturz von Präsident Sein al-Abidin Ben Ali geführt.

In Deutschland und Frankreich stieß das Demonstrationsverbot der ägyptischen Regierung auf Kritik. "Das Recht der Menschen, friedlich zu protestieren, sollte in allen Ländern gewahrt und geachtet sein, und das gilt auch für Ägypten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) mahnte alle Seiten zu Zurückhaltung und Gewaltverzicht. Die Stabilität eines Landes sei nicht durch die Gewährung von Bürger- und Menschenrechten gefährdet, sondern durch deren Verweigerung.

Auch die französische Außenministerin Michele Alliot-Marie sagte, die Menschen hätten ein Recht auf Demonstrationen ohne Gewalt. Die USA, ein enger Verbündeter und Geldgeber Ägyptens, riefen ebenfalls zur Zurückhaltung auf. US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte, Mubaraks Regierung sei stabil und suche nach Wegen, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen.

Nach Ansicht der EU-Kommission spiegeln die regierungskritischen Proteste in Ägypten den Wunsch der Bevölkerung nach einem "politischen Wechsel" in dem nordafrikanischen Land wider. Die Ereignisse in Ägypten seien ein "Zeichen" für die Hoffnungen vieler Menschen in dem Land, erklärte die Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton in Brüssel.