Der vierte Protesttag in Ägypten könnte der bislang größte werden: Nach dem muslimischen Freitagsgebet sollen im Zentrum von Kairo und in anderen Städten Kundgebungen und Protestmärsche stattfinden, die Anführer der Bürgerbewegung erwarten mehrere Hunderttausend Teilnehmer. Dies will die Regierung um jeden Preis verhindern – sie greift zu verschärften Maßnahmen. Nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera haben sich Spezialeinheiten der Polizei an strategisch wichtigen Orten in und außerhalb Kairos positioniert.

Um die Kommunikation zwischen den Oppositionsgruppen zu verhindern, wurden Internetverbindungen unterbrochen. In den vergangenen Tagen hatten sich die unterschiedlichen Organisatoren vor allem mithilfe sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter verabredet und so die Proteste geschürt. Diese Art der Absprache ist nun nur noch eingeschränkt möglich.

Nach Informationen von CNN sind diese beiden Dienste sowie der E-Mail-Dienst von Google wie bereits in den vergangenen Tagen komplett blockiert. Wie der US-Nachrichtensender unter Berufung auf Webdienste, die das Funktionieren des Internets überprüfen, weiter berichtete, waren die Server des Hauptanbieters nicht erreichbar. Auch die Server für Websites der ägyptischen Regierung und der US-Botschaft in Kairo waren offenkundig unterbrochen. Auch beim Versenden von SMS gab es Schwierigkeiten.

Die Gegenattacke ließ nicht lange auf sich warten: Nach Informationen von Gulf News soll die Gruppe Anonymous die Internetseiten des ägyptischen Innen- und des Informationsministeriums lahm gelegt haben. Beide Seiten waren nicht zu erreichen. In einem Statement gab Anonymous bekannt, dass sie all jene herausfordern werden, die mit Zensur zu tun haben.   

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Trotz der Blockade des Internets wusste sich die Opposition aber offenbar zu helfen. Augenzeugen zufolge sollen Menschen in Kairo von Tür zu Tür gegangen sein, um ihre Mitbürger zur Teilnahme zu ermutigen. Offenbar versucht die Regierung von vornherein, größere Menschenansammlungen zu verhindern. Wie die Website Akher al-Akhbar berichtete, sollen Sicherheitskräfte Gebete in den meisten Moscheen im Zentrum von Kairo sowie in größeren Moscheen im Land verboten haben.

Denn unmittelbar im Anschluss an die Freitagsgebete am Mittag sollen die Massenproteste stattfinden. Den Demonstrationen will sich auch der Friedensnobelpreisträger und Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei anschließen. Der frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) war am Vorabend von Wien in seine Heimat zurückgekehrt und hatte sich dabei der Protestbewegung als Alternative zu Präsident Hosni Mubarak angeboten. "Ägypten steht an einem Scheideweg", sagte der 68-Jährige.

Das zweite Gegengewicht zum seit 1981 regierenden Staatspräsidenten und seinem Clan – Mubarak soll seinen Sohn Gamal für ein Amt an der Spitze des Staats vorgesehen haben – ist die islamistische Muslimbruderschaft, die größte und anhängerstärkste Oppositionsbewegung in Ägypten. Die Organisation, die in Ägypten verboten ist, hatte am Donnerstag erstmals erklärt, sich an den Protesten nach den Freitagsgebeten zu beteiligen. Sie fordern unter anderem die Auflösung des Parlaments, Verfassungsänderungen und die Freilassung von Demonstranten. Einen ihrer Führer, Mohhamed Mursi, zitierte der Londoner Guardian mit den Worten: "Wir wollen diese Bewegung nicht anführen, wir wollen an ihr teilhaben."

Die Regierung in Kairo reagierte sofort: Nach Angaben des Anwalts der Muslimbrüder wurden mindestens 20 Mitglieder der Gruppe festgenommen. Unter ihnen sei auch Mursi sowie fünf frühere Parlamentsabgeordnete, sagte der Anwalt der Gruppe. Der Nachrichtensender Al Jazeera spricht von acht inhaftierten Führern der Bewegung. Auch zahlreiche andere Oppositionelle wurden in Gewahrsam genommen.

Trotz des harten Vorgehens der Sicherheitskräfte weiteten sich die Proteste aus. Bei nächtlichen Ausschreitungen wurden in Kairo und auf der Halbinsel Sinai mindestens zwei Menschen getötet und Dutzende verletzt. Vor dem Außenministerium in Kairo skandierten Demonstranten Slogans gegen die Regierung. In den Städten Ismailija und Suez kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Seit Beginn der Proteste am Dienstag – den größten seit der Machtübernahme von Mubarak vor 30 Jahren – gab es mindestens sieben Tote, etwa 1000 Menschen wurden festgenommen.

Von den USA können sich die Demonstranten keine eindeutige Unterstützung erwarten. So sagte US-Präsident Barack Obama, politische und wirtschaftliche Reformen hätten eine "absolut entscheidende Bedeutung" für Ägyptens Zukunft. Zugleich wies er in einem Video-Interview aber darauf hin, dass Mubarak ein enger Verbündeter "in einer Menge von bedeutenden Fragen" und ein Partner im arabisch-israelischen Friedensprozess gewesen sei.