Unruhen in Ägypten"Wir Ägypter haben keine Angst mehr"

Der Schriftsteller Alaa al-Aswani spricht über die Ziele der Demonstranten und die Fehler Mubaraks. Dem Westen wirft er vor, lieber Diktatoren als Demokraten zu stützen. von 

Romanautor und Demonstrant gegen Mubarak: Alaa Al-Aswani

Romanautor und Demonstrant gegen Mubarak: Alaa Al-Aswani  |  © Bryan Bedder/Getty Images

Alaa al-Aswani (53) ist von Beruf Zahnarzt und einer der bekanntesten Kritiker des Regimes von Hosni Mubarak. Bekannt wurde er 2002 durch seinen Roman "Der Jakoubijan-Bau". Das Werk zeichnet einen Mikrokosmos von der ägyptischen Gesellschaft, die von Unterdrückung, Korruption und Machtmissbrauch zerfressen ist. Das Buch wurde in der arabischen Welt zu einem Bestseller und ist auch ins Deutsche übersetzt.

Frage : Sie waren am Dienstag dabei auf dem Tahrir-Platz in Kairo am ersten "Tag des Zorns"? Was geht vor in Ägypten?

Alaa al-Aswani : Das sind historische Tage für unser Land. Wir erleben einen Wendepunkt in der Geschichte Ägyptens. Die Leute haben keine Angst mehr. Vor allem die jungen Menschen sind sehr beeindruckend. Sie haben klare Vorstellungen und klare Forderungen. Sie wollen demokratische Reformen und eine offene Gesellschaft. Viele haben studiert, sind arbeitslos oder in miserablen Jobs beschäftigt. Sie sehen für sich keine Zukunft – sie können nicht heiraten, keine Familien gründen, nicht anständig leben. Und sie verstehen, dass ihre schlechte Lage kein Schicksal ist, sondern Ergebnis von Korruption und Diktatur.

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Frage : Wird das Regime von Hosni Mubarak stürzen?

Al-Aswani : In einer so aufgeheizten Lage kann niemand sagen, was noch alles passieren wird. Klar ist nur, es sind ganz einzigartige Zeiten. Die jungen Organisatoren haben über Facebook Hunderttausende für diese Proteste mobilisiert. Das zeigt, es hat sich etwas fundamental geändert im Land.

Frage : Wird die Botschaft der Menschen ankommen bei Hosni Mubarak?

Al-Aswani : Vielleicht hat er noch eine letzte Chance zu reagieren und auf die Forderungen seines Volkes einzugehen. Wenn er das nicht tut, wird sein Regime stürzen.

Frage : Was sind die wichtigsten Forderungen der Demonstranten?

Al-Aswani : Sie wollen tief greifende Reformen für mehr Demokratie. Sie wollen, dass die letzten, total gefälschten Parlamentswahlen annulliert werden. Sie wollen, dass der seit dreißig Jahren herrschende Ausnahmezustand beendet wird. Sie wollen, dass Mubarak in den Ruhestand geht. Und sie wollen einen neuen Präsidenten bestimmen durch faire und freie Wahlen.

Frage : Könnte Mohammed ElBaradei der nächste Präsident Ägyptens werden? Er will am Freitag zum ersten Mal an den Demonstrationen teilnehmen.

Al-Aswani : Baradei ist ein sehr guter politischer Führer, aber längst nicht der einzige. In Ägypten gibt es tausende exzellenter Leute, die das Land gut lenken könnten. Doch wir Ägypter konnten in den letzten dreißig Jahren niemals unsere Menschenrechte praktizieren und unsere Regierung und Parlamentarier frei wählen. Die Protestierer gehen nicht für Baradei auf die Straße. Sie wollen künftig einfach nur eine freie Wahl haben.

Leserkommentare
  1. Warum erweckt ein solches Interview kein Interesse?
    Alle kommentieren lieber Artikel in denen von Chaos und Plünderungen die Rede ist.
    Dabei ist es doch gerade vor dem Hintergrund, was aus dieser Bewegung wird, interessant, wie man in Ägypten die Lage und die Aussichten einschätzt. Und dazu tut das Gespräch einiges.

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