Kunstraub in Ägypten"Das waren unsere eigenen Leute"

Das Ägyptische Museum in Kairo wurde geplündert - von den eigenen Wachleuten. Das liegt auch an den geringen Löhnen, sagt die ehemalige Museumsdirektorin Wafaa el-Saddik.

Panzer vor dem Ägyptischen Museum in Kairo am 29. Januar. Daneben brennt das Hauptgebäude der herrschenden Nationaldemokratischen Partei (NDP) von Präsident Mubarak.

Panzer vor dem Ägyptischen Museum in Kairo am 29. Januar. Daneben brennt das Hauptgebäude der herrschenden Nationaldemokratischen Partei (NDP) von Präsident Mubarak.

Frage:  Plünderer haben am Freitagabend das Ägyptische Museum in Kairo angegriffen. Was genau ist passiert?

Wafaa el-Saddik: Die Lage ist noch sehr unübersichtlich. Es sind sehr viele Figuren auf den Boden geworfen und zerstört worden, darunter auch Götterfiguren aus dem Schatz des Tutanchamun. Insgesamt wurden 13 Vitrinen zertrümmert. Inzwischen wissen wir, dass die Plünderer keine pharaonischen Schmuckstücke gestohlen haben. Der neue Anbau aber mit dem großen Andenkengeschäft, was erst im November eröffnet worden ist, wurde total ausgeraubt.

Anzeige

Frage: Wer waren die Täter?

Wafaa el-Saddik
Wafaa el-Saddik

Wafaa el-Saddik (60) war von 2004 bis Ende 2010 Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo. Dort lagert eine der berühmtesten Antikensammlungen der Welt. Ihren Doktor in Archäologie hat sie in Wien gemacht. Bevor sie den Chefposten in Kairo annahm, lebte sie 15 Jahre lang in Köln.

El-Saddik: Das waren die Wächter des Museums. Einige von den Polizisten haben offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, um nicht als Polizisten erkennbar zu sein. Eine zweite Gruppe der Täter ist dann von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen sind alle im ersten Stockwerk, wo sich auch der Schatz des Tutanchamun befindet.

Frage: Sind noch andere Museen in Ägypten betroffen?

El-Saddik: Das Museum in Memphis und seine Magazine wurden am Samstag früh komplett ausgeraubt. Die Verantwortlichen dort haben mich in ihrer Verzweiflung angerufen und gefleht: "Rette uns, mach etwas." Ich habe zunächst die Polizei angerufen, aber die hat nicht reagiert. Dann habe ich einen Armeegeneral alarmiert, den ich kenne. Aber es war bereits zu spät. Mit den Museen in Luxor und Assuan habe ich telefoniert, dort ist nichts passiert. Das größte Problem ist der mangelhafte Schutz unserer Museen überhaupt. Das Ägyptische Museum in Kairo und alle Museen in Ägypten sind überhaupt nicht versichert. Ich habe viele Jahre lang verlangt, dass das geschieht – ohne jeden Erfolg.

Frage: In Kairo haben die Demonstranten das Ägyptische Museum dann sofort mit einer Menschenkette geschützt?

El-Saddik: Als die Menschen auf dem Tahrir-Platz gemerkt haben, was vorgeht, haben sie das gesamte Gelände sofort umgestellt. Die Täter aber waren im Inneren des Gebäudes. Die Demonstranten haben einige festnehmen können, andere sind entkommen. Zum Glück war dann schnell das Militär zur Stelle, das am Freitagabend bereits auf dem Tahrir-Platz aufmarschiert war. Seitdem wird das Museum gut geschützt.

Frage: Ist die Gefahr durch das Feuer in dem Gebäude der benachbarten Zentrale von Mubaraks Regierungspartei gebannt?

El-Saddik: Ja, die Gefahr ist zum Glück gebannt. Das Hochhaus brennt seit fast zwei Tagen, durch Windböen hätte das Feuer leicht auf das Ägyptische Museum übergreifen können.

Frage: Warum begehen die eigenen Wachleute eine solche Barbarei?

El-Saddik: Sie werden extrem schlecht bezahlt. Ich habe mir die Finger krumm geschrieben und mehr Geld für diese Menschen verlangt. Alles umsonst. Ein Wachmann verdient etwa 250 ägyptische Pfund, das sind 35 Euro im Monat. Wir haben rund 160 Wachleute plus mehrere Dutzend Polizisten, die im Grunde Wehrpflichtige in Polizeiuniformen sind. Diese Polizisten verdienen noch weniger. Immer wieder waren diese jungen Väter bei mir. Sie haben nichts. Einer hat alles, was er zuhause hatte, verkauft, um Medizin für sein krankes Kind besorgen zu können. Andere hungern sogar daheim. Aber das ägyptische Kulturministerium – das feiert sich mit teuren Projekten und Empfängen.

 

 
Leserkommentare
    • Sufi
    • 30.01.2011 um 15:59 Uhr

    Unschätzbare persische Kunstschätze in den USA zur Auktion freigegeben , natürlich hört man in den Medien nie ein Wort darüber :

    www.chnpress.com/news/?se...

    ""Tehran, 4 July 2006 (CHN Foreign Desk) -- Recently, an American federal judge confirmed the previous verdict to confiscate the invaluable collection of Persian artifacts lent to Oriental Institute of Chicago University and put them on auction to compensate Israeli families who lost members at a bombing which took place in 1997. The decision shocked many people and roused feelings of anger not only among the Iranians who are seeing their ancient heritage at a real risk, but also among many other people worrying that by placing these ancient relics on auction, they will be lost forever. ""

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Moin,

    danke für den Link. Das ist echt heftig.
    Wenn ich das Recht verstanden habe hat also ein US-amerikanischer Richter Artefakte die einer US-amerikanischen Universität zu treuen Händen anvertraut wurden zur Versteigerung beschlagnahmen lassen um Israelis zu entschädigen weil diese durch (angeblich) vom Iran subventionierte Terroristen getötet wurden. Korrekt?
    Um aus "Dogma" zu zitieren: "Krasse Scheisse!"

    CU

    Moin,

    danke für den Link. Das ist echt heftig.
    Wenn ich das Recht verstanden habe hat also ein US-amerikanischer Richter Artefakte die einer US-amerikanischen Universität zu treuen Händen anvertraut wurden zur Versteigerung beschlagnahmen lassen um Israelis zu entschädigen weil diese durch (angeblich) vom Iran subventionierte Terroristen getötet wurden. Korrekt?
    Um aus "Dogma" zu zitieren: "Krasse Scheisse!"

    CU

    • Sufi
    • 30.01.2011 um 16:04 Uhr

    Was kann man dazu noch sagen und es gibt hunderte mehr Beispiele :

    http://persicus-maximus.b...

    ""The British Museum has finally lived up to its promise to lend the Cyrus Cylinder to Iran for display. An artifact documenting the conquest of Babylon by the Persian king Cyrus the Great in 539 BCE, the cylinder has been in the possession of the British Museum since its discovery in 1879.
    Presumably because they feared another Elgin Marbles scenario, the museum board last year renegade on your promise of a loan, even though Iran made no demands for permanent ownership of the piece. It seems those worries have now been laid to rest...

  1. Sie sind der Meinung:
    "Während des zweiten Weltkrieg jedenfalls wären diese wunderbaren Schätze in Ägypten besser aufgehoben gewesen, anstelle hier in Berlin von einer Bombe zertrümmert zu werden."
    Wie kommen Sie darauf, was hat"Tell Halaf" mit Ägypten zu tun?

    Im Nordosten des heutigen Syrien, an einer Quelle des Habur, erfuhr Max v.Oppenheim durch Einheimische von Monumentalfiguren, die am Tell Halaf, einem Hügel, vergraben sein sollten. Nur einen halben Meter unter der Erdoberfläche fand er die großen Bildwerke der aramäischen Residenzstadt Guzana.
    Seit 28.1.2011 ist nun auf der Museumsinsel im Nordflügel des Pergamon-Museums eine große Tell Halaf-Ausstellung zum 100. Jahrestag der Ausgrabung zu besichtigen.
    Aus 80 Kubikmetern Trümmerschutt-Schutt und 27 000 Bruchstücken wurde die Herkules-Aufgabe gestemmt, möglichst viele Skulpturen und Bildwerken wieder herzustellen.
    Der Ansturm am Eröffnungstag war überwältigend.
    Bedenken Sie bitte, was an diesem Tag und darauf folgend in Kairo los war!

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mir ging es darum, dass Kulturgüter, egal von wo stammend, immer in Orten mit augenblicklichen Unruhen oder Krieg schlecht aufgehoben sind.

    Und dass es keinen Anlass zu Deutscher Hybris gibt.

    Höchstens die Notwendigkeit einer gemeinsamen Anstrengung alle Kulturgüter vor Zerstörungen zu bewahren (wie schon ein Kommentator schrieb) - und welche z.B. zuletzt im Bezug auf Irak kläglich scheiterten.

    Und, da bezüglich dieses Berichtes über die Plünderungen im ägypt. Museum die Nofretete so prominent hervorgehoben wurde...

    Deutschland sollte diese dem ägyptischen Volk, wenn es eine Demokratie gegen die Folterdiktatur Mubaraks erkämpft hat und zu einer stabilen, menschenwürdigen Ordnung findet, schenken.
    Auch als Entschuldigung dafür die bisherigen menschenrechtswidrigen Zustände wegen eigener Interessen zu Lasten der dortigen Menschen ignoriert und sogar schöngeredet zu haben.

    Aus Scham.

    Und das Ischtar-Tor gleich mit nach Irak, wenn es dort jemals wieder Frieden für die Menschen geben sollte.

    etc.

    Und zwar so lange, bis sich die Kulturen, Religionen und Länder dieser Welt mit Respekt auf Augenhöhe begegnen. Und Menschenrechte keine Worthülse mehr sind, die bereits beim Kauf (überhaupt der erlaubten Einfuhr nach Deutschland!) von Kinderarbeitsprodukten von Aldis Aktionsangeboten sich als eben solche entlarven.

    Falls es tatsächlich den großen Seelenwäger gibt, dann ist wirklich nicht klar, wessen Seele letztlich für zu leicht befunden wird.

    Mir ging es darum, dass Kulturgüter, egal von wo stammend, immer in Orten mit augenblicklichen Unruhen oder Krieg schlecht aufgehoben sind.

    Und dass es keinen Anlass zu Deutscher Hybris gibt.

    Höchstens die Notwendigkeit einer gemeinsamen Anstrengung alle Kulturgüter vor Zerstörungen zu bewahren (wie schon ein Kommentator schrieb) - und welche z.B. zuletzt im Bezug auf Irak kläglich scheiterten.

    Und, da bezüglich dieses Berichtes über die Plünderungen im ägypt. Museum die Nofretete so prominent hervorgehoben wurde...

    Deutschland sollte diese dem ägyptischen Volk, wenn es eine Demokratie gegen die Folterdiktatur Mubaraks erkämpft hat und zu einer stabilen, menschenwürdigen Ordnung findet, schenken.
    Auch als Entschuldigung dafür die bisherigen menschenrechtswidrigen Zustände wegen eigener Interessen zu Lasten der dortigen Menschen ignoriert und sogar schöngeredet zu haben.

    Aus Scham.

    Und das Ischtar-Tor gleich mit nach Irak, wenn es dort jemals wieder Frieden für die Menschen geben sollte.

    etc.

    Und zwar so lange, bis sich die Kulturen, Religionen und Länder dieser Welt mit Respekt auf Augenhöhe begegnen. Und Menschenrechte keine Worthülse mehr sind, die bereits beim Kauf (überhaupt der erlaubten Einfuhr nach Deutschland!) von Kinderarbeitsprodukten von Aldis Aktionsangeboten sich als eben solche entlarven.

    Falls es tatsächlich den großen Seelenwäger gibt, dann ist wirklich nicht klar, wessen Seele letztlich für zu leicht befunden wird.

  2. Wenn Islamisten in Aegypten die Macht an sich reissen - demokratisch gewaehlt oder nicht - und kulturpolitisch dem Vorbild in Afghanistan folgen, dann werden bald die einzigen Sammlungen pharaonischer Kunst und Geschichtsexponate ausserhalb Aegyptens zu bestaunen sein. Im Exil sozusagen.

    Bevor nun all diese Kulturgueter von staatlicher Seite vernichtet werden, ist es vielleicht doch ganz schoen wenn einige Statuen von ihrem Wachpersonal fuer die Ewigkeit gerettet werden. So drastisch dass jetzt auch klingen mag. Wenn Islamisten versuchen die Rettung der aegyptoschen Kulturschaetze aufzuhalten, durch Menschenketten um Museen, dann sollte man nicht glauben dass dies in guter Absicht geschaehe, nur weil es sich um eine Menschenkette handelt.

    'Gut' ist allerdings immer relativ zu sehen, um hier fair zu sein und ich beziehe mich ausschliesslich auf die westeuropaeische Perspektive zu Kultur. Fuer einen echten Islamisten ist erst eine zerstoerte Statue eine gute Statue.

    2 Leserempfehlungen
  3. Mir ging es darum, dass Kulturgüter, egal von wo stammend, immer in Orten mit augenblicklichen Unruhen oder Krieg schlecht aufgehoben sind.

    Und dass es keinen Anlass zu Deutscher Hybris gibt.

    Höchstens die Notwendigkeit einer gemeinsamen Anstrengung alle Kulturgüter vor Zerstörungen zu bewahren (wie schon ein Kommentator schrieb) - und welche z.B. zuletzt im Bezug auf Irak kläglich scheiterten.

    Und, da bezüglich dieses Berichtes über die Plünderungen im ägypt. Museum die Nofretete so prominent hervorgehoben wurde...

    Deutschland sollte diese dem ägyptischen Volk, wenn es eine Demokratie gegen die Folterdiktatur Mubaraks erkämpft hat und zu einer stabilen, menschenwürdigen Ordnung findet, schenken.
    Auch als Entschuldigung dafür die bisherigen menschenrechtswidrigen Zustände wegen eigener Interessen zu Lasten der dortigen Menschen ignoriert und sogar schöngeredet zu haben.

    Aus Scham.

    Und das Ischtar-Tor gleich mit nach Irak, wenn es dort jemals wieder Frieden für die Menschen geben sollte.

    etc.

    Und zwar so lange, bis sich die Kulturen, Religionen und Länder dieser Welt mit Respekt auf Augenhöhe begegnen. Und Menschenrechte keine Worthülse mehr sind, die bereits beim Kauf (überhaupt der erlaubten Einfuhr nach Deutschland!) von Kinderarbeitsprodukten von Aldis Aktionsangeboten sich als eben solche entlarven.

    Falls es tatsächlich den großen Seelenwäger gibt, dann ist wirklich nicht klar, wessen Seele letztlich für zu leicht befunden wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Den Ägyptern die Nofretete schenken? Und den Irakern das Ischtar-Tor? Aus Scham? Klar, Deutschland hat sich immer zu schämen. Für alles, was jemals auf dieser Erde Schlechtes passiert ist, natürlich auch für Mubarak, Saddam-Hussein und den Hunnenkönig Attila. Bis ans Ende aller Zeiten. Ein peinlicheres Gutmenschen-Statement als das Ihrige habe ich hier kaum jemals gelesen ...

    Den Ägyptern die Nofretete schenken? Und den Irakern das Ischtar-Tor? Aus Scham? Klar, Deutschland hat sich immer zu schämen. Für alles, was jemals auf dieser Erde Schlechtes passiert ist, natürlich auch für Mubarak, Saddam-Hussein und den Hunnenkönig Attila. Bis ans Ende aller Zeiten. Ein peinlicheres Gutmenschen-Statement als das Ihrige habe ich hier kaum jemals gelesen ...

  4. Den Ägyptern die Nofretete schenken? Und den Irakern das Ischtar-Tor? Aus Scham? Klar, Deutschland hat sich immer zu schämen. Für alles, was jemals auf dieser Erde Schlechtes passiert ist, natürlich auch für Mubarak, Saddam-Hussein und den Hunnenkönig Attila. Bis ans Ende aller Zeiten. Ein peinlicheres Gutmenschen-Statement als das Ihrige habe ich hier kaum jemals gelesen ...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das ist mir klar!"
    • basher
    • 30.01.2011 um 18:38 Uhr

    Bitte schauen Sie sich die Lagerungsbedingungen im Kairener Museum an, bevor Sie Rückübertragungen fordern, eine Nofretete würde unter den derzeitigen Zuständen keine 20 Jahre machen, bevor sie zerkrümelt. Schimmel und Staub und keine konstanten Bedingungen zerstören dort in wenigen Jahren, was vorher Jahrhunderte konserviert war.

    Aber was gerade viel dringender ist: Zur Zeit liest man im Netz, dass verschiedene Magazine geplündert werden. Da sämtliche neuen Funde in Ägypten verbleiben stellt das Plündern der Magazine eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes dar, für die Forschung, und auf lange Sicht auch für die Ägypter selbst. Man weiß nicht, was alles zerstört wird im Eifer des Gefechts, was nicht mehr auffindbar sein wird, nur für die uassicht auf schnelles hartes Geld
    https://www.facebook.com/...

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 30.01.2011 um 18:52 Uhr
    24. Armut

    Armut ist immer der Grund. Was auch sonst. Gemessen am Durchschnittslohn im öffentlichen Dienst, ist der deutsche Museumswäerter vermutlich auch schlecht bezahlt.

    Wenn er klaut, halt auch Armut. Wie immer, wie üblich. Was regt man sich also auf und belässt es nicht bei der Meldung, bedauert und freut sich, dass noch was übrig ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service