Die alte Frau tobt. Sie reißt die Arme hoch und schreit einen Mann an: "Schäm dich! Schäm dich!" Ihr Gegner hält eine kleine Kamera in der Hand. Er versucht, Fotos von der bekanntesten Baustelle Jerusalems zu machen. Doch die Frau tritt ihm in den Weg. Nichts soll er fotografieren können, keine freie Sicht haben. Erneut erhebt sie ihre Stimme: "Hör auf! Sofort! Hör sofort auf, sie auch noch zu demütigen!" Der Mann bleibt ruhig. Und knipst. "Dies ist ein großer Tag", sagt er. "Der war ein Freund von Hitler!"

Wen er meint, ist jedem in Jerusalem klar. Es ist der frühere Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini. Er hatte sich eine prächtige Residenz in Ost-Jerusalem errichten lassen, aus der später das Shepherd Hotel wurde. Der Großmufti sympathisierte mit den Nationalsozialisten und propagierte die Vernichtung aller Juden. Als vor wenigen Tagen die Bagger anrückten, um das alte Hotel abzureißen, da ging es um viel mehr als um das Ende eines historischen Gebäudes. Und noch Tage nach dem Teilabriss sind die Gemüter erhitzt.

Am Tag, an dem der Abriss begann, kehrte erst am Abend Ruhe ein. Ein zwei Meter hoher Bauzaun schirmt die Hotelruine im Stadtteil Sheikh Jarrah ab. Rechts neben dem Tor hängt ein Schild: "Privat! Betreten verboten!" Die Bauarbeiter haben Feierabend. Ihre Bagger stehen still hinter dem Zaun, die Luft ist wieder frei von Staub. Abgezogen sind auch die zahlreichen Kamerateams, die über den Abriss berichteten. Einige Nachbarn des Hotels stehen noch vor dem Zaun. Sie sind blass und wirken verstört.

Scheinwerfer tauchen die Stahl-Arme der Maschinen hinter dem Zaun in helles Licht. Kurz bremsen Autos vor der Zufahrt, die Fahrer schauen durch ihre Fenster, rauschen dann nach einem kurzen Stopp weiter. In fahlem Licht steht das Shepherd Hotel – zumindest die Hälfte davon. Der Rest liegt in Trümmern. Denkmalschützer hatten vorgegeben, dass der historische Teil des Hauses erhalten bleiben muss. Nur ein Hotelanbau durfte abgerissen werden. Ärger gab es dennoch, sogar die internationale Politik nahm sich des Themas an. Schließlich steht das Gebäude nicht irgendwo.

Ost-Jerusalem ist der Teil der Heiligen Stadt, den die Palästinenser einmal zur Hauptstadt ihres eigenen Staates machen wollen. Der Teil der Stadt, der seit dem Sechstagekrieg 1967 einen Status als besetztes Gebiet hat, bis heute. Hier leben überwiegend Palästinenser. Wenn die israelische Regierung hier Siedlungen für jüdische Siedler bauen lässt, dann sind diese nach internationalem Recht illegal. Doch nach dem Abriss soll das Gelände mit 20 Luxus-Apartments für Siedler wieder bebaut werden. Dahinter steckt der in den USA lebende jüdische Investor Irving Moskowitz. Er hat bereits mehrere andere Bauvorhaben für jüdische Siedler in arabischen Gegenden von Jerusalem unterstützt und finanziert.

Sein jüngstes Projekt war von Anfang an umstritten. Die Ankündigung des Abrisses vor einem Jahr hatte sogar US-Präsident Barack Obama düpiert. Die Stadtverwaltung von Jerusalem genehmigte die Pläne im März 2010, nur wenige Stunden bevor sich Obama in Washington mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu treffen wollte.

Die Amerikaner reagierten verärgert, die Palästinenser in Jerusalem erzürnt. Die israelische Regierung bemühte sich demonstrativ nicht, ein Anrollen der Bagger zu verhindern. Vor drei Tagen dann, am frühen Morgen, fuhren die Maschinen auf das alte Hotel zu und rissen den ersten Flügel ein.

Die Reaktion von US-Außenministerin Hillary Clinton auf den Teil-Abbruch fiel deutlich aus: "Diese beunruhigende Entwicklung untergräbt unsere Friedensbemühungen. Dass wir zu keiner Lösung des Konflikts kommen, schadet den Israelis, den Palästinensern, den USA und der Internationalen Gemeinschaft." Catherine Ashton, die Außenbeauftragte der EU, verurteilte das Vorhaben als "illegalen Siedlungsgbau", UN-Generalsekretär Ban Ki Moon beklagte, dass der Abbruch des Hauses die Spannungen zwischen den Parteien verschärfe. Vertreter der Palästinenser erklärten, dieser Abriss ruiniere die Chancen für eine Friedenslösung.