Der arabische Fernsehsender Al Jazeera hat zusammen mit der britischen Tageszeitung Guardian geheime Verhandlungsdokumente zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde veröffentlicht. Sind sie authentisch, bergen die insgesamt 1600 Akten politischen Sprengstoff – für die Palästinenser ebenso wie für Israel.

Aus den bislang bekannt gewordenen Akten geht hervor, dass die Palästinenserführung in den Friedensverhandlungen wesentlich weitreichendere Zugeständnisse an Israel gemacht hat als bislang bekannt. Im Kern geht es dabei vor allem um die für Muslime wie Juden emotional wie symbolisch aufgeladene Bedeutung Jerusalems sowie um den Status palästinensischer Flüchtlinge.

Ahmed Kureia, der palästinensische Chefunterhändler im Jahr 2008, wird in den Dokumenten mit dem Vorschlag zitiert, dass Israel alle Siedlungen im Osten der Stadt mit einer Ausnahme – Har Homa – annektieren könne. Ein Vorschlag, der bislang nicht öffentlich bekannt war. Der Tempelberg, eine der heiligsten Stätten des Islam, sollte nach Kureias Vorschlag unter internationale Kontrolle kommen.

Später soll der palästinensische Unterhändler Saeb Erekat eine geografische Teilung der Altstadt Jerusalems vorgeschlagen haben, bei der Israel die Kontrolle über das jüdische Viertel und einen Teil des armenischen Viertels erhalten hätte. Israel hätte das größte Jerusalem bekommen, das es jemals in der jüdischen Geschichte gab, wird Erekat zitiert.

Neben Jerusalem und der Siedlerfrage ist das Schicksal der rund fünf Millionen palästinensischen Flüchtlinge das andere große Konfliktfeld. Das Gros der Palästinenser lebt heute in Jordanien, sowie im Gaza-Streifen und im Westjordanland. Verhandler Erekat schlug vor, sich auf eine symbolische Zahl Rückkehrer zu einigen. Danach sollten über einen Zeitraum von zehn Jahren nur insgesamt 100.000 Palästinenser in ihre Heimat zurückkehren.

Die Friedensgespräche von 2008 scheiterten, als Israels damaliger Premier Ehud Olmert über Korruptionsskandale stürzte und 2009 zurücktrat. Zum Jahreswechsel 2008 auf 2009 brachte der israelische Angriff auf Gaza die Verhandlungen endgültig zum Stillstand. Die Palästinenser boten der neuen, rechten Regierung von Premier Benjamin Netanjahu an, die Verhandlungen dort wieder aufzunehmen, wo sie 2008 abgebrochen wurden, doch Netanjahu lehnte dies ab.

Sind die Dokumente authentisch?

Zwar ist erst ein Bruchteil der Akten bekannt, doch hat bislang niemand dem Inhalt der Geheimdokumente grundlegend widersprochen. Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas, eine zentrale Figur im Verhandlungsprozess, warf Al Jazeera lediglich vor, die Positionen beider Seiten bewusst verwirrend darzustellen. Es ist sogar denkbar, dass die Dokumente von der Palästinensischen Autonomiebehörde an die Medien weitergereicht wurden.

Zumindest einen guten Grund hätte sie dafür: Im Nahost-Prozess herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem, was die palästinensische Führung verhandelt und dem, was die Bevölkerung weiß. "Es gibt eine jahrzehntelange Tradition der Hinterzimmergespräche und Intransparenz, die dem gesamten Prozess schadet", berichtet Michael Bröning, Direktor der Friedrich Ebert Stiftung (FES) in Jerusalem. Das beginnt mit den Verhandlungen von Oslo 1993 bis zu den letzten Gesprächen unter Barack Obama.

Ein Grund für die Geheimniskrämerei war immer, dass es eine Reihe von Tabus gibt, auf palästinensischer wie auf israelischer Seite. Das größte dabei ist die Teilung Jerusalems. Die Intransparenz wurde zu einem Kernproblem der Nahost-Gespräche. Sie hatte zur Folge, dass es die palästinensische Führung in Ramallah nicht geschafft hat, die Bevölkerung für die Verhandlungsergebnisse mit ins Boot zu holen, so FES-Mann Bröning. Vor diesem Hintergrund sei es nachvollziehbar, dass es keinen Mangel an Leuten gibt, die Verhandlungsakten an die Medien weitergeben.