PakistanDer Atomstaat versinkt im Fundamentalismus

Eine Christin wird zum Tode verurteilt, ihr Unterstützer grausam ermordet, der Mörder gefeiert. In Pakistan geben muslimische Hardliner immer mehr den Ton an. von Christine Möllhoff

Die südpakistanische Stadt Karatschi

Die südpakistanische Stadt Karatschi am Sonntag: Mehr als 50.000 Islamisten demonstrieren für das Blasphemiegesetz  |  © ASIF HASSAN/AFP/Getty Images

Wie ein Dieb huscht Ashiq Masih ins Zimmer, das alte Wolltuch, das er über den Kopf geworfen hat, tief ins Gesicht gezogen. "Es ist sicherer nach Einbruch der Dunkelheit", hat der 50-Jährige mit den grauen Bartstoppeln gesagt. Wir treffen uns in einem christlichen Slumviertel, am Rande einer Provinzstadt in Pakistan. Von der dunklen Gasse stolpert man direkt in den einzigen Raum, der zugleich als Wohn-, Ess- und Schlafzimmer dient. Auf dem Fernseher steht ein Holzkreuz, an den Wänden hängen Bilder von Christus und der Jungfrau Maria. In der Ferne hört man den Ruf des Muezzins.

Unruhig blickt Ashiq um sich. Die Angst hat sich in sein Gesicht gegraben.

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Seit Monaten hält er sich mit seinen drei Töchtern und seinem Sohn versteckt. Alle paar Tage wechseln sie den Unterschlupf. Ashiq ist der Mann von Asia Bibi – jener Christin, die Anfang November zum Tode am Galgen verurteilt wurde. Nicht weil sie gestohlen hat, nicht weil sie gemordet hat, sondern weil sie anstößige Sätze über den Propheten Mohammed gesagt haben soll. Blasphemie lautet die Anklage. Ein Mullah hat ein Kopfgeld ausgesetzt. "Die Situation ist sehr, sehr kritisch", sagt ihr Anwalt besorgt. Die ganze Familie sei in Lebensgefahr – und alle, die ihr helfen.

Begonnen hatte alles mit einem banalen Zwist zwischen Nachbarinnen. Die Familie stammt aus Ittanwali, einem Dorf in der Provinz Punjab. Fast alle hier sind Muslime, nur zwei christliche Familien leben am Ort. Im Juni 2009 war Asias Ziege ausgebüxt und hatte den Futtertrog einer Nachbarin zerstört, die einer höheren Kaste angehört. Die Frauen zanken sich. 20 Tage später pflückt Asia Früchte auf dem Feld, als der Landherr sie zum Wasserholen schickt. Als sie selbst Wasser aus dem Eimer schöpft, weigern sich die Nachbarin und andere Frauen, zu trinken. Das Wasser sei verseucht, weil es eine Nichtmuslimin angerührt habe.

Es kommt zum Streit. Dabei soll Asia die verhängnisvollen Sätze gesagt haben: Der Prophet Mohammed habe seine erste Frau Chadidscha nur wegen ihres Geldes geheiratet. Und der Koran sei kein heiliges Buch, sondern eine menschengemachte Idee. So steht es in der Anklageschrift. Vielleicht hat sie aber auch nur referiert, was als geschichtlich gesichert gilt: dass Mohammed arm (wie sie selbst) gewesen sei, bevor er seine Arbeitgeberin, die reiche Witwe Chadidscha, heiratete.

Vielleicht hat sie auch gar nichts von alledem gesagt, wie sie nun beschwört. Fünf Tage später klagt Dorfmullah Qari Salim sie über Lautsprecher der Blasphemie an. Ein Mob rottet sich zusammen und verprügelt Asia vor den Augen ihrer Kinder. Die Polizei nimmt sie fest, der Mullah erstattet Anzeige. Ihre Familie flieht aus dem Dorf. Nur ein paar Kleider, ein paar Trinkbecher und zwei Bibeln besitzen Ashiq und die Kinder nun noch.

"Distriktgefängnis von Sheikhupura" steht über dem blau-roten Stahltor. Irgendwo dahinter sitzt Asia in Einzelhaft, seit 18 Monaten. Anfang November verurteilte ein Richter sie zum Tode. Er zog nicht einmal in Betracht, dass die Nachbarin sie fälschlich beschuldigt haben könnte. Ihr Anwalt legte Berufung ein. Asia ist nun Aktenzeichen FIR NO. 326/2009, "Kaste: Christ" steht dahinter. Vielleicht ist es ein Versehen – Christ ist keine Kaste. Aber es sagt viel über den Status aus. Die Großeltern von Asia und Ashiq waren Hindus und konvertierten unter den Briten zum Christentum, um dem Kastensystem zu entfliehen.

Viele Christen waren Dalits, wie die Unberührbaren heute heißen, und gelten als unrein. Auch in Pakistan lebt das Kastensystem vielerorts fort – Christen stehen ganz unten in der Hackordnung.

Etwa 2,4 Millionen Christen leben in der Islamischen Republik Pakistan. Zur Messe dürfen die Kirchen weiter die Glocken läuten. Doch ein böser Geist macht sich breit in dem 172-Millionen-Einwohner-Land, das nach dem Wunsch seines Gründungsvaters Jinnah Angehörigen aller Religionen eine Heimat sein sollte. "Schwarze Gesetze" nennen Menschenrechtler die Blasphemieparagrafen. Sie stammen von dem Militärdiktator Zia ul-Haq, der von 1977 bis 1988 regierte und die unselige Islamisierung begann.

Ihr Bannstrahl trifft nicht nur Christen. In Pakistan werden zusehends alle religiösen Minderheiten verfolgt – auch muslimische. Moscheen der Ahmadis sind Ziel blutiger Anschläge, heilige Schreine der Sufis werden in die Luft gesprengt. Nicht nur Christen, Hindus und Sikhs leben in Angst, auch die muslimischen Shias. Laut der Zeitung Express Tribune sitzen derzeit in der Provinz Punjab 130 Menschen wegen Blasphemievorwürfen hinter Gittern – nur acht davon seien Christen. Die anderen seien Muslime. Zwar wurde noch nie jemand wegen Blasphemie tatsächlich hingerichtet, aber über 30 Menschen wurden von Fanatikern gelyncht.

Leserkommentare
  1. lernen die westliche Gesellschaft aus solchen Zuständen, welches Gefahrenpotential aus dem "friedlichen" Islam resultieren kann.

    Wenn wir unsere Freiheit in Deutschland erhalten wollen, dann sollten wir auch auf solche Zustände schauen und die richtigen Rückschlüsse ziehen. Ignoranz ist hier völlig fehl am Platz!

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    • lapidar
    • 10. Januar 2011 12:13 Uhr

    Menschen aus (angeblich) religiösen Gründen verfolgt und ermordet wurden, liegen noch nicht lange zurück. Allein im Dreißigjährigen Krieg hat man sich damals eines Drittels der Bevölkerung entledigt.

    Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!

    Auf die Gefahr hin, dass diese Antwort gelöscht wird :
    Was ist das für ein dummer Kommentar !
    Seit dem 30-jährigen Krieg haben wir unsere Zivilisation unter großen Opfern vorangebracht und besitzen seit langer Zeit einen funktionierenden Rechtsstaat. In Deutschland werden seit langer Zeit Moscheen gebaut. Wie kann man nur so etwas falsches und polemisierendes behaupten. Sind Sie blind ?
    Sie finden es wohl in Ordnung, dass hier gerade den Fanatikern Atomwaffen in die Hände fallen !

    wird mir gleich wieder speiübel.

    In Europa gab es bereits in der Vergangenheit genug Drangsalierungen Andersdenkender/Andersartiger. Wir brauchen nur in unsere eigene Geschichte der letzten 100 Jahre schauen und keine Beispiele aus anderen Kontinenten.

    Und den "friedlichen" Islamismus gleichzusetzen mit dem Terror, der gerade in Afghanistan passiert, ist als würde man jedem Christen vorwerfen, gerade mit ner MP nach Jerusalem zu marschieren.

    Der Großteil der Muslime ist genau wie bei den Christen sehr vernünftig. Freiheitsliebend, friedlich, darauf bedacht, über die Runden zu kommen und das eigene Leben erträglich zu gestalten.

    Die Gewalt geht nur von einer kleinen Gruppe minderwertigkeitskomplex-geplagter aus. Sie benutzen Leute ohne Perspektive/Zukunft, da diese leichter zu beeinflussen sind, für ihre Zwecke.

    Wenn Sie also vor etwas warnen wollen, dann doch bitte vor ihrer braun eingefärbten Meinung vom Islam.

    Lediglich Ihrem letzten Satz kann ich zustimmen. Ignoranz löst niemals Probleme. Kompromisfindung und Toleranz könnten helfen bei der Lösung, erfordern aber Geduld und Nachgiebigkeit von ALLEN beteiligten Parteien.

  2. ...gibt wenig Grund zum Optimismus. Typisch, wie eine radikale Minderheit wächst und schließlich die öffentliche Meinung bestimmt und den Rest einschüchtert.

    • lapidar
    • 10. Januar 2011 12:13 Uhr

    Menschen aus (angeblich) religiösen Gründen verfolgt und ermordet wurden, liegen noch nicht lange zurück. Allein im Dreißigjährigen Krieg hat man sich damals eines Drittels der Bevölkerung entledigt.

    Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!

    Antwort auf "Hoffentlich"
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    1. Wurde die Bevölkerung nicht UM ein Drittel sondern AUF ein Drittel gekürzt. Es hat 100 Jahre gedauert bis sich das Volk wieder erholt hatte.
    2. Blanker Hohn dass sie einen Krieg von Reformleuten und Konservativen mit einer Radikalisierung von Fundamentalisten vergleichen.
    3. In Pakistan darf man eine Kirche nur in einem gewissen Abstand zu einer Moschee bauen, sobald man einen Platz oder ein Gebäude hat und dies anmelden will, wird einfach eine Hütte im Umkreis zur Moschee ernannt (ohne Anmeldung möglich) und die Kirche muß dann woanders hin.
    4. Ihr Vergleich mit dem Glashaus ist entweder eine Beleidigung oder aber ein Eigentor. Denn entweder sie werfen angeblich Zurückgebliebenen eine zeitlich zurückliegende Situation vor aus der man sich mehr als 350 Jahre weit wegbewegt hat (in der Steinzeit gab es Kannibalen, macht ihnen dies jemand zum Vorwurf wenn sie mit einem Vegetarier reden?) oder aber sie bestätigen dass dieses Land 350 Jahre zurückliegt.

    Nebenbei bemerkt, man sollte sich mal die Bevölkerungsentwicklung in diesem Land anschauen, es hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht!

    • TDU
    • 10. Januar 2011 13:59 Uhr

    So gesehen sitzen wir alle im Glashaus. Möglicherweise ist die die Erde sogar eins. Aber ich werde den Muslim verteidigen wie den Christen oder sonst wen, wenn dieser lediglich wegen Zugehörigkeit zur Religion oder einer unterdrückt wird.

    Meinen Sie, Solidarität wäre beliebig teilbar?. Dann könnten sie ja auch für die Abschaffung der deutschen Verfassung plädieren, wenn jemand der mächtiger ist als Deutschland das will. Protestieren dürfen Sie dann nicht, denn Sie sitzen ja im Glashaus, sag ich mal, ganz lapidar.

    und weil man im Mittelalter Hexen verbrannt hat haben wir heute kein Recht dies bei anderen zu kritisieren?! Und ich dachte immer, dass das halbwegs friedliche Zusammenleben von Religionen in (zB.) Europa ein erhaltenswerter Fortschritt ist, deren Vorteile man durchaus propagieren kann.

    • db72
    • 10. Januar 2011 18:04 Uhr

    Ich bin mir sicher das 400 Jahre , eine Türkenbelagerung , Napoleon und 2 Weltkriege ausreichten um das Glashaus zum Einsturz zu bringen. Nach einer solchen Zeit kann man bedenkenlos in diesem ´Glashaus mit Steinen werfen.

    "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!"

    Wer sitzt denn Ihrer Meinung nach im Glashaus?

    Wollen sie damit andeuten, wir Europäer sollten uns mit Kritik zurückhalten, weil wir selber so viel angerichtet haben?

    Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir uns aus diesen Eskalationen des Hasses und der Gewalt, die sich in islamischen Länder zeigt, heraushalten können,und wenns da noch so knallt, befürchte aber das Schlimmste. Die Luft riecht schon nach Krieg, und das ist nicht die Folge von Kritik aus dem Westen.

    Wieso führen Sie den 30ig-jährigen Krieg als Beispiel an? Schauen Sie doch mal ins letzte Jahrhundert: Der Holocaust ist doch das viel näherliegende Beispiel.

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie den Inhalt des Artikels. Danke. Die Redaktion/ag

  4. und dass ist die Mehrheit in jeder Religionsgemeinschaft
    und Zivilisation. Den Islam verteufeln hilft nur der Sache
    der Fundamentalisten. Wir muessen auf die Mehrheit der
    Moderaten zugehen und sie staerken.

  5. Wie Frau Möllhoff sehr richtig schreibt, sind in Pakistan alle religiösen Minderheiten, neben Christen auch andere Minderheiten wie Ahmadis, Sufis oder Hindus bedroht.

    Es wird höchste Zeit, dass die USA, die Pakistan ja wohl immer noch finanziell unterstützen, sich Gedanken machen, wem sie da ihr Geld zukommen lassen: einem fanatischen islamistischen Staat, der bereits die Atombombe hat und sicher keine Skrupel, davon Gebrauch zu machen.

    Die wenigen noch liberalen Menschen werden mundtot gemacht.

    Pakistan erscheint momentan eine größere Bedrohung als der Iran.

    Ein Pulverfass!!

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    • Sufi
    • 10. Januar 2011 12:45 Uhr

    "Pakistan erscheint momentan eine größere Bedrohung als der Iran."

    Geehrte Happy Loser , nicht sehr geistreich , was Sie da schreiben.
    Sogar nach Einschätzung des Mossad Chefs , könnte der Iran erst in 2015 eine A-Bombe besitzen , rein theoretisch :

    "Der scheidende Leiter des israelischen Geheimdienstes geht davon aus, dass der Iran nicht vor dem Jahr 2015 eine Atombombe besitzen wird. Von einem Angriff des Westen auf den Iran rät er ab."

    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/623380/MossadChef_Iranis...

    Abgesehen davon , hat der Westen in den letzten 20 Jahren fundamentale Fehler bezgl. Pakistan gemacht , de sich heute rächen.
    Darauf einzugehen , würde den Rahmen dieser Diskussion sprengen , die Tatsachen in diesem Bericht sind sehr ' leichte Kaost ' zu dem , was sich wirklich abspielt.

    • joG
    • 10. Januar 2011 13:52 Uhr

    ....sich da in den Vordergrund begeben sollte. Warum nicht Deutschland über seinen Sitz im Sicherheitsrat?

  6. [...]

    Mal im Ernst: Das es in vielen Ländern dieser Welt eine ungerechte Behandlung von Minderheiten gibt ist leider Alltag. Das wir anfangen unsere Aggression gegen den Islam an sich zu richten wird leider immer alltäglicher.

    Auch friedliche Ideologien werden immer wieder von manipulierenden Menschen missbraucht werden um die Massen anzuheizen und Fronten zu schaffen. Das Sie, Herr Snauzbaut, mit einer Bildleser-Attitüde vom Ekelhaftesten zu mehr Repression gegenüber Muslimen aufrufen, bestätigt meine Ansicht, dass man sich in Deutschland immer wieder zurecht für seine Mitbürger und ihren Kleingeist schämen muss.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

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    hat der Autor "Diokletian". P:S: War dieser Kaiser nicht ein brutaler Christenverfolger ? Da hätten sich das Pseudonym und der Inhalt der Wortmeldung ja perfekt ergänzt.[...]

    Gekürzt. Bitte vermeiden Sie Pauschalurteile. Danke. Die Redaktion/er

  7. Wenn man sieht, wie der von der SPD und Teilen der CSU hoffierte "Iman von Penzberg" versucht Islamkritik auch bei uns zu kriminalisieren, erkennt man, dass die Talibanisierung nicht in Pakistan halt machen wird.

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