Ist er ein Lügner und ein Fall für den Staatsanwalt? Oder ist Jan Tomasz Gross ein Aufklärer, der seine Landsleute mit historischen Wahrheiten konfrontiert? Unstrittig ist, dass der in den USA lebende Soziologe polnisch-jüdischer Herkunft mit seinem neuen Buch Goldene Ernte in seinem Heimatland für einen gigantischen Medienrummel sorgt. Gross beschreibt darin die Profitgier, mit der viele Polen aus dem Holocaust persönlichen Nutzen gezogen hätten.

Schon Wochen vor dem Erscheinungstermin erhitzen sich in TV-Debatten und Leserbrief-Schlachten die Gemüter. Im Internet ruft eine Aktion gegen die Verleumdung Polens zum Boykott des Krakauer Verlages Znak auf. Er will das Gross-Buch Anfang März herausgeben. Keine Frage: Das kaum mehr als 100 Seiten starke Bändchen spaltet die Nation.

Dabei schreibt Gross nichts wirklich Neues. Historiker haben bereits früher dokumentiert, wie sich manche Polen während der Nazi-Besatzung, vor allem aber nach dem Abzug der Deutschen und der Befreiung der Konzentrationslager an dem Hab und Gut ermordeter Juden bereicherten. Einige eigneten sich verlassene Häuser, Höfe und Geschäfte ihrer verschleppten Nachbarn an, die sie im schlimmsten Fall zuvor an die SS verraten hatten. Andere durchkämmten nach Kriegsende systematisch die verlassenen KZ. Auf der Suche nach von den Nazis zurückgelassenen Kostbarkeiten, nach Eheringen und Zahngold, schreckten sie nicht einmal vor Leichenfledderei und Grabschändung zurück.

Als Fakten sind diese Auswüchse der Gewissenlosigkeit in einer zutiefst demoralisierten Zeit längst bekannt. Gross aber geht weiter. Er beschreibt in seinem provokativen Essay die "Goldgräberstimmung in Treblinka" und andernorts als Massenphänomen. Die Irish Times zitierte den 63-jährigen Autor mit den Worten: "Es waren nicht nur einzelne Kriminelle, die mitmachten. Ehrenwerte polnische Bürger, die nach dem Krieg hohe Posten bekleideten, waren an diesen Plünderungen beteiligt."

Schon der Titel des Buches verrät, worauf Gross hinaus will. Denn wer "Gold erntet", hat zuvor gesät und gedüngt. Anders formuliert: Es geht Gross um den Nachweis eines in Polen tief verwurzelten Antisemitismus, der in einer breit angelegten Kollaboration mit den Nazis gipfelte. Das Buch ist ein Frontalangriff auf das polnische Selbstverständnis als Opfernation.

Nur so sind auch die drastischen Reaktionen im Land zu verstehen. Als "jüdischen Lügner" und "Zuträger der Holocaust-Industrie” verunglimpfen Leser und Internetnutzer den Soziologen. 40 Prozent der Polen glauben, es gehe Gross allein um Skandal, Verleumdung und hohe Buchtantiemen. Vielen Kritikern ist es vor allem ein Dorn im Auge, dass der 63-Jährige, der in Warschau geboren ist und in Princeton (New Jersey) lebt und lehrt, den Polen nicht zum ersten Mal einen Zerrspiegel vorhält, in dem sich ganz automatisch ein hässliches Gesicht zeige. "Das ist eine Masche", sagt der Historiker Tomasz Nalecz, der den polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski berät.

Tatsächlich hat Gross mit seinem Buch Nachbarn über das Massaker von Jedwabne bereits vor zehn Jahren in Polen ein gesellschaftliches Erdbeben ausgelöst. Darin beschrieb er, wie seine Landsleute in dem nordostpolnischen Städtchen – von den Nazis angestachelt, aber nicht gezwungen – Hunderte ihrer jüdischen Nachbarn in eine Scheune trieben und bei lebendigem Leibe verbrannten. Der Historikerstreit um das Buch machte deutlich, dass Jedwabne kein Einzelfall war. An Dutzenden Juden-Pogromen hatten sich Polen während der Nazi-Besatzung beteiligt. Das Erschrecken war so groß, dass Präsident Alexander Kwasniewski nach Jedwabne fuhr, um sich beim jüdischen Volk zu entschuldigen.