Hannoversche Allgemeine Zeitung

Die innere Sicherheit in Russland leidet auch dadurch, dass die Spitze der kaukasischen Guerilla mittlerweile von Fanatikern mitbestimmt wird, die ähnlich denken wie Al Kaida; diese Leute haben mit dem ursprünglichen Freiheitskampf der Tschetschenen nicht mehr viel im Sinn. Wenn Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen diesen Terrorismus als "gemeinsame Bedrohung" für Russland und den Westen darstellt, ist das freundlich gemeint, Rasmussen geht aber einen Schritt zu weit. Der Schlüssel zur Entschärfung des Kaukasuskonflikts liegt allein in Moskau, nirgendwo sonst.

Stuttgarter Zeitung

Mit neuen Verwaltungsstrukturen und Finanzspritzen hat Moskau in den vergangenen Monaten versucht, die [Kaukasus]Region zu entwickeln. Das hat Clankämpfe und blutige Bandenkriege nicht stoppen können. Noch nehmen die Sicherheitskräfte viel zu wenig Rücksicht auf die dort gewachsenen, meist islamischen Strukturen. Medwedews Strategie ist trotzdem nicht grundsätzlich falsch. Sein Vorgänger Wladimir Putin jedenfalls war mit seinem Versuch, die Region aus dem Kreml heraus mit harter Hand zu zähmen, komplett gescheitert.

Märkische Allgemeine

Noch ehe die ersten Ermittlungsergebnisse zum gestrigen Anschlag in Moskau vorlagen, stand für das offizielle Russland fest, dass kaukasische Attentäter hinter der Explosion stehen. Das deutet darauf hin, dass Moskau nun wohl erneut gegen Kaukasier in Russland vorgehen und kaukasische Problemregionen (...) einem harten Repressionsregime unterwerfen wird. Der Kaukasus hat sich ins Gedächtnis der Weltöffentlichkeit zurückgebombt. Die Hoffnung, die früheren Sowjetrepubliken am Südrand des Imperiums würden sich friedlich dem Moskauer Macht-Magnetismus unterwerfen, ist nicht aufgegangen. Wirtschaftliche Eigenständigkeit durch Bodenschätze, Einfluss der islamischen Welt, der USA und unvergessene Sowjet-Schikanen machen den Kaukasus virulent rebellisch.

Berliner Morgenpost

Die Toten und Verletzten von Domodjedowo sind auch als blutige Mahnung für permanente Wachsamkeit zu verstehen. Die Warnungen kurz vor dem Jahreswechsel hatte manch einer vielleicht etwas zu lässig genommen. Die Schlangen an den Sicherheitsschleusen, die jeder Silvesterparty-Besucher zu passieren hatte, erscheinen im Nachhinein ein geringer Preis für das Gefühl relativer Sicherheit. Aber eben nur relative Sicherheit. Denn Terror ist wie eine Naturkatastrophe. Er kann überall und zu jeder Zeit geschehen. Niemand vermag zu beurteilen, ob Hunderte von Sicherheitskräften, die täglich tapfer durch Berlin streifen, ein Attentat verhindert haben. Aber sie stehen sichtbar für jeden als Symbole einer wehrhaften Gesellschaft, die nicht gewillt ist, sich ihre verbliebenen Ideale eines offenen, liberalen und demokratischen Miteinanders zerbomben zu lassen.

Kölner Stadt-Anzeiger

Die Toten und Verletzten von Moskau sollten aber auch eine traurige Wahrheit ins Gedächtnis rufen: Gerade für die "asymmetrischen" Konflikte unserer Tage gibt es keine militärischen Lösungen. Weder die Taliban in Afghanistan, noch die Guerilleros im Kaukasus sind in offenen Feldschlachten nach dem Muster vergangener Tage zu besiegen. Und auch nicht dadurch, dass man ihre Heimat mit "Feuer und Schwert" überzieht, um ein noch älteres Bild zu gebrauchen.

WAZ

Mit tödlicher Regelmäßigkeit kehrt der Terror nach Moskau zurück. (...) Die Bluttat verdeutlicht zweierlei: Zum einen, dass auch die terrorerfahrenen russischen Sicherheitskräfte und Geheimdienste derartige Anschläge nicht verhindern können. Und zum zweiten, dass der Vielvölkerstaat Russland ein latenter Krisenherd bleibt. Vor allem der Kaukasus gleicht einem Pulverfass, an dem gleich mehrere Lunten brennen. (...) Politisch bedeutet der Anschlag einen Rückschlag für das Duo Putin/Medwedew. Präsident und Premier wollen mit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi weltweit glänzen. Der blutige Terror droht auch dieses Kalkül zunichte zu machen.

Rheinische Post

Es lief ab wie immer: Die Bombe war kaum explodiert, da stand für die russische Regierung schon fest, dass die Täter vom Kaukasus stammen mussten. "Kaukasus" – das ist in Russland inzwischen zur Chiffre für Gefahr geworden, ein Synonym für Terror. Und genauso reflexartig wird Moskau jetzt wohl wieder versuchen, die Bedrohung aus den Unruheprovinzen am Rand des einstigen Sowjetimperiums mit brutaler Repression unter Kontrolle zu bringen. Dabei ist die auf Gewalt setzende Kreml-Politik längst gescheitert, hat den Terror und das Vordringen des Islamismus im Kaukasus eher befeuert denn eingedämmt. Natürlich, der Kampf gegen die Terroristen muss geführt werden, auch mit der nötigen Härte. Aber nicht blindwütig, mit Vernichtungsparolen à la Putin, die den selbst ernannten Gotteskriegern neue Rekruten nur so zutreiben.