Der Diktator Sein al-Abidin Ben Ali ist aus dem Land geflohen . Kräfte aus dem politischen Establishment haben in Tunis die Macht übernommen. Das ist das Ergebnis einer Erhebung, die als verzweifelter Sozialprotest begann und als Revolutionsbewegung endete . Und das innerhalb von nur vier Wochen.

Der bedeutendste revolutionäre Faktor war die Jugend, sowohl die hoch gebildete als auch die vielen Unterprivilegierten aus den Vorstädten. Ihr entscheidendes Werkzeug war Facebook .

Der heutige Freitag hat alles geändert . Gestern noch unterdrückte die Polizei jeden Versuch auch nur der kleinsten Demonstration mit Tränengas, Knüppeln und Gewehrkugeln. Heute versammelten sich Tausende Tunesier friedlich in der Innenstadt ihrer Hauptstadt. Dann setzte der letzte Versuch des Regimes ein, sich durchzusetzen. Die Polizei ging brutal gegen die Demonstranten vor. Doch in den Seitenstraßen des Zentrums und mehreren Stadtvierteln stieß sie auf Gegenwehr. Der Widerstand brachte die Wende.

Der Notstand ist nach wie vor ausgerufen, auf jede Versammlung von mehr als drei Personen wird scharf geschossen, die Ausgangssperre gilt. Es sieht so aus, als würde es nach wie vor Zusammenstöße geben.

Vielleicht kehrt aber schon bald Ruhe ein, und es müssen Wahlen vorbereitet werden. Die Parlamentswahlen und vielleicht auch eine Präsidentenwahl. Dafür werden die Tunesier in den kommenden Wochen und Monaten Demokratie üben müssen. Die Voraussetzung ist da, dass dies gelingen kann: die Volksbewegung.

Es gibt allerdings keine nennenswerte Opposition, auch keine echte Oppositionspartei und auch keine allgemein anerkannten Führungspersönlichkeiten; die Bewegung war zu kurzzeitig, um eigene Führer hervorzubringen. Zudem hatte die Kleptokratie den Staatsapparat infiziert. Das Erlernen der Demokratie muss deshalb einhergehen mit einem Reformprozess, der die Reste dieser Kleptokratie und der Korruption beseitigt. Deswegen ist es wichtig, dass die Bevölkerung nach wie vor politischen Druck auf das Establishment ausübt.

Ist eine Transformation hin zu einer neuen politischen Formation, zu Frieden und Stabilität also möglich? Im Prinzip ja. Tunesien hat die Chance dazu.

Zu bedenken ist auch, dass dies eine Revolution ohne jeden Einfluss von Islamismus ist. Der Islamismus war ein Popanz des Regimes. Europäische Regierungen haben daran allzu leicht geglaubt. Europa ist in diesen Tagen von den Menschen auf der Straße scharf kritisiert worden, die sich vom Westen Unterstützung erhofft hatten. Zu Recht. Nach dem Ende der tunesischen Diktatur muss Europa nun seinen Umgang mit solchen arabischen Regime dringend überdenken.