Wahlen Tunesien – Staat ohne Opposition

Weil Tunesien 50 Jahre lang eine Diktatur war, gibt es keine Opposition und kaum politische Strukturen. Für freie Wahlen muss das im Schnellverfahren nachgeholt werden.

Endlich ist der Diktator weg: Am Montag in der Kasbah von Tunis

Endlich ist der Diktator weg: Am Montag in der Kasbah von Tunis

Zwei Präsidenten in 50 Jahren: Tunesien hat eine typische Diktaturen-Bilanz. Gewählt wurde nicht, der Präsident herrschte in der Regel so lang, bis ihn ein Scherge stürzte. Das ist nun vorbei. Am Freitag wurde Tunesiens Diktator Sein al-Abidin Ben Ali vom Volk vertrieben.

Doch 50 Jahre Oppositionsverbot und die strikte Kontrolle von Politik, Wirtschaft und Geheimdiensten haben in Tunesien eine politische Leerstelle hinterlassen, die nun im Schnellverfahren gefüllt werden muss. Dies ist umso wichtiger, als ein sicherer Übergang in ein repräsentatives System auch ein Modell für andere arabische Staaten werden kann. Das Gros dieser Staaten wird nämlich von autokratischen Clans regiert, manche mehr, andere weniger kleptokratisch.

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Aus europäischer Perspektive ist Tunesien zudem ein Nachbarstaat, dessen positive Entwicklung allein deshalb mit Geld und Beratung gefördert werden muss. Frankreich hat dies aber bisher genauso wenig getan wie die EU, jahrzehntelang hat man die beiden Diktatoren Habib Bourguiba und Ben Ali gewähren lassen. Seit dem 11. September 2001 und im konkreten Fall Tunesiens seit dem islamistischen Anschlag von Djerba 2002 betrachtete man in den Hauptstädten der westlichen Demokratien die muslimischen Geheimdienst- und Clanstaaten – unausgesprochen – als Bollwerke gegen die Terroristen al-Qaidas.

Karte Tunesien
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Im Zuge dessen wurden in diesen Staaten meist auch die Parteien religiös-volksnaher Islamisten verboten, deren Popularität im Volk zunimmt, je korrupter sich das Regime verhält. Dabei sind eben nicht alle Religiösen derart undemokratisch wie die Hamas in Gaza. Diese Ausgangslage hat in der vergangenen Dekade zudem verhindert, dass vonseiten westlicher Regierungen zivilgesellschaftliche Organisationen gefördert und soziopolitische Reformen angestoßen wurden.

Am Ende war es die tunesische Jugend, die den Diktator vertrieben hat; und zwar die hochgebildeten Jugendlichen als auch die vielen Armen aus den Vorstädten gemeinsam. Ihre wichtigsten Werkzeuge waren elektronische Kommunikationsmittel: Jeder zehnte Tunesier hat eine Facebook-Seite und es gibt im Land mehr Handys als Einwohner.

Der neue tunesische Interimspräsident Fouad Mebazaa will jetzt Neuwahlen vorbereiten. Für die Zeit bis dahin will der bisherige Premier Mohamed Ghannouchi eine Übergangsregierung leiten. Doch wer soll das Land zukünftig überhaupt führen?

Eine echte Opposition gab es im Unterdrückungsstaat nicht, entsprechend hat sie auch keinen Anführer. Und Politiker aus der bisherigen Nomenklatura werden keine Chance haben. Auch Mebazaa und Ghannouchi – er ist seit 1999 Premier – sind Leute aus dem Umfeld Ben Alis und gelten deshalb als Personen von gestern.

Die Opposition fordert vor allem Zusicherungen, dass die anstehende Präsidentenwahl frei sein wird. Außerdem verlangen die Parteien genug Zeit für ihren Wahlkampf, demokratische Reformen und weniger Macht für die noch herrschende RCD-Partei von Ben Ali. Die in der Verfassung vorgesehene Zwei-Monats-Frist für die Präsidentenwahl ist kurz, Oppositionsvertreter fordern daher eine Frist von sechs Monaten, um die Wahlen wirklich demokratisch zu gestalten.

Leser-Kommentare
  1. Frau Ashton und Herr Barroso sind jetzt gefragt und sollten so schnell wie möglich in Tunis Gespräche mit den sichtbaren Oppositionspolitikern beginnen. Außerdem sollten die EU-Regierungchefs ein Rahmenprogramm zur engeren wirtschaftlichen Kooperation mit Tunesien beschließen.
    Das jetzige Machtvakuum ist instabil und gefährlich.

  2. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen! Wer das Land zumindest äußerlich regieren soll, ist doch schon festgelegt. Karzai, die ehemalige Marionette, Allawi, Mubarak ... alles von der gleichen Sorte.

    Wenn Ghannouchi doch so ein "Islamist" sei, wieso war er dann so ganz nett eingerichtet, in London?

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  3. Die EU hat doch ein Rahmenprogramm für Tunesien und die arabische Welt:

    Diktatoren die scheinbar zweckdienlich sind werden unterstützt

    Deutschland hat mit Tunesien eine priviligierte Partnerschaft, mit einem Regime das sich bis zu seinem Fall einen Dreck um Menschenrechte gekümmert hat, wenn man es kritisierte.
    Und jetzt fordert man die Tunesier auf Demokratie aufzubauen, wobei man kein Problem hatte vorher Ben Ali zu akzeptieren.
    Achja in Sachen Doppelmoral ist der Westen nach wie vor Meister.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. ... dann wäre Ben Ali noch immer unangefochten an der Macht.

    Es gibt nur noch keine strukturell gefestigten Oppositionsparteien in Tunesien.

    Die längst vorhandenen Parteinströmungen sind jedoch schon vor etlichen Jahren im tunesischen Untergrund und im europäischen Exil entstanden und über das Internet vernetzt, immer in enger Anbindung an den demokratischen (meist linken) Untergrund, der vor allem an den tunesischen Unis und innerhalb der Gewerkschaft vorhanden ist.

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    @titanic
    sie haben recht. Selbstverstaendlich gibt es eine opposition, die sich natuerlich jetzt erst formieren muss. Das ist nicht das problem. Das problem ist, das niemand, aus verstaendlichen gruenden, regierungserfahrung hat und der alte staatsapparat nicht so einfach verschwinden kann nach 50 jahren. Man wird wohl, wie momentan, mit alten wendehaelsen die den apparat kennen weitermachen muessen. Wie die sich dabei verhalten werden, wird man sehen. Ueber nacht alle schluesselpositionen neu zu besetzen ist illusorisch. Das war nach dem fall der hitlerdiktatur ja auch so. Nur sind in tunesien die positionen ueber einen viel laengeren zeitraum gefestigt worden. Ich befuerchte reiches blutvergiessen, sollten sich die alten kader laenger als unbedingt noetig an ihre alten posten klammern. Laut meinem schwager [tunesier] weis die bevoelkerung auch nicht wie es weitergehen soll\kann. Nur eins ist sicher: sie wollen die ben ali leute loswerden. Wenn die jetzt wieder oeffentlichkeit suchen und druck , wie auch immer, ausueben sollten. Dann brennt das land. Momentan eine sehr, sehr heisse phase.

    @titanic
    sie haben recht. Selbstverstaendlich gibt es eine opposition, die sich natuerlich jetzt erst formieren muss. Das ist nicht das problem. Das problem ist, das niemand, aus verstaendlichen gruenden, regierungserfahrung hat und der alte staatsapparat nicht so einfach verschwinden kann nach 50 jahren. Man wird wohl, wie momentan, mit alten wendehaelsen die den apparat kennen weitermachen muessen. Wie die sich dabei verhalten werden, wird man sehen. Ueber nacht alle schluesselpositionen neu zu besetzen ist illusorisch. Das war nach dem fall der hitlerdiktatur ja auch so. Nur sind in tunesien die positionen ueber einen viel laengeren zeitraum gefestigt worden. Ich befuerchte reiches blutvergiessen, sollten sich die alten kader laenger als unbedingt noetig an ihre alten posten klammern. Laut meinem schwager [tunesier] weis die bevoelkerung auch nicht wie es weitergehen soll\kann. Nur eins ist sicher: sie wollen die ben ali leute loswerden. Wenn die jetzt wieder oeffentlichkeit suchen und druck , wie auch immer, ausueben sollten. Dann brennt das land. Momentan eine sehr, sehr heisse phase.

  5. Ist schon klar, aber den entscheidenden Ausschlag gab das Militär:Sonst hätten die noch so viel demonstrieren und am Schluss sogar zusammengeschossen werden können.Ist zum Glück nicht passiert.

    "Um die Einbindung zumindest gemäßigt-religiöser Islamisten kommt man auch im säkularen Tunesien nicht herum"

    Da wäre sehr klug.

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    • A-RAP
    • 18.01.2011 um 13:03 Uhr

    das ist natürlich richtig aber ich möchte hier nochmal vermerken, dass die tunesische Bevölkerung zu 2/3 unter 30 Jahren alt ist, d.h. das Militär rekrutiert sich ebenfalls zu 2/3 aus Jugendlichen.

    • A-RAP
    • 18.01.2011 um 13:03 Uhr

    das ist natürlich richtig aber ich möchte hier nochmal vermerken, dass die tunesische Bevölkerung zu 2/3 unter 30 Jahren alt ist, d.h. das Militär rekrutiert sich ebenfalls zu 2/3 aus Jugendlichen.

    • A-RAP
    • 18.01.2011 um 13:03 Uhr

    das ist natürlich richtig aber ich möchte hier nochmal vermerken, dass die tunesische Bevölkerung zu 2/3 unter 30 Jahren alt ist, d.h. das Militär rekrutiert sich ebenfalls zu 2/3 aus Jugendlichen.

  6. @titanic
    sie haben recht. Selbstverstaendlich gibt es eine opposition, die sich natuerlich jetzt erst formieren muss. Das ist nicht das problem. Das problem ist, das niemand, aus verstaendlichen gruenden, regierungserfahrung hat und der alte staatsapparat nicht so einfach verschwinden kann nach 50 jahren. Man wird wohl, wie momentan, mit alten wendehaelsen die den apparat kennen weitermachen muessen. Wie die sich dabei verhalten werden, wird man sehen. Ueber nacht alle schluesselpositionen neu zu besetzen ist illusorisch. Das war nach dem fall der hitlerdiktatur ja auch so. Nur sind in tunesien die positionen ueber einen viel laengeren zeitraum gefestigt worden. Ich befuerchte reiches blutvergiessen, sollten sich die alten kader laenger als unbedingt noetig an ihre alten posten klammern. Laut meinem schwager [tunesier] weis die bevoelkerung auch nicht wie es weitergehen soll\kann. Nur eins ist sicher: sie wollen die ben ali leute loswerden. Wenn die jetzt wieder oeffentlichkeit suchen und druck , wie auch immer, ausueben sollten. Dann brennt das land. Momentan eine sehr, sehr heisse phase.

  7. Wie sieht es den bei uns aus mit der Korruption? Wir, die wir immer mit erhobenem Finger andere Ermahnen?

    Es ist nicht eine Familie im umkreis eines Diktators, die sich am Land bedient. Bei uns ist es eine Adlesgesellschaft- die zwar nicht unbedingt adelig ist- aber manche Politiker denken in der tat, dass sie was anderes, besseres sind. Nicht mehr Volksvertreter auf Zeit gewählt. Und wer berdinet sich am Land? Die Volksvertreter- Banken und Spekulanten, Baufirmen. Jeder hat seine Lobbyvertreter in Berlin und jeder zieht die Fäden. Aufkosten von gekürzten Renten und Sozialleistungen, Bindungskürzungen- wird das Land ausgesaugt um die Fetten immer Fetter zumachen. Und unsere Merkel / Mappus Vorne dran.

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