Auch am Samstagabend blieb die Situation in Tunesien angespannt, immer wieder kam es zu Ausschreitungen. Wie ZEIT-Reporter Gero von Randow aus Tunis berichtet, kommt es trotz der für 17 Uhr verhängten Ausgangssperre in der Innenstadt sowie im Regierungsviertel weiterhin zu Schusswechseln. In den Vororten, wo die Armee mangels ausreichender Kräfte nicht hinkommt, organisieren die Bürger ihre Verteidigung gegen die Milizen des gestürzten Diktators offenbar selbst. Aus Hubschraubern wird auf die Milizen Ben Alis geschossen. Die Armee bittet die Bevölkerung, ihre Wohnung hell zu beleuchten und sich von den Fenstern fern zu halten, berichtet von Randow.

Derweil hat der neue tunesische Interimspräsident Fouad Mbazaa nach dem Sturz von Sein al-Abidin Ben Ali eine Regierung der nationalen Einheit gefordert: "Alle Tunesier müssen ausnahmslos in den politischen Prozess eingebunden werden", sagte Mbazaa nach seiner Vereidigung als Präsident. Er versprach, für Pluralismus und Demokratie einzutreten und die Verfassung anzuerkennen.

Der Verfassungsrat hatte Parlamentspräsident Mbazaa zuvor zum Übergangspräsidenten ernannt, nachdem Ben Ali am Freitag infolge wochenlanger Unruhen nach Saudi-Arabien geflohen war. Mbazaa muss laut Verfassung binnen 60 Tagen Wahlen ansetzen.

Schon in der Nacht zu Samstag war es zu Ausschreitungen gekommen. Es gab massive Plünderungen und Gewalttaten durch die Milizen des geflohenen Diktators Ben Ali. Gebäude gingen in Flammen auf. Nach Angaben von Augenzeugen brannte der Zentralbahnhof in Tunis. In mehreren Supermärkten und Wohngebäuden sei ebenfalls Feuer gelegt worden, auch ein Krankenhaus sei angegriffen worden.

Angesichts der Eskalation verhängten die Behörden den Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre. Zahlreiche Menschen in Tunis und anderen Städten wandten sich über das Fernsehen an die Armee und baten um Schutz vor den randalierenden Banden. In Kairo schlossen sich Dutzende Ägypter einer protestierenden Gruppe von Tunesiern an und forderten, Ägypten solle dem Beispiel Tunesiens folgen.

Der tunesische Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi sprach im Staatsfernsehen von einem völligen Chaos. Er riet den Bewohnern von Tunis, sich in Gruppen zusammenzuschließen, um ihre Habe zu schützen.

Bei einem Gefängnisbrand im Küstenort Monastir sind nach Angaben von Ärzten am Samstag bis zu 50 Menschen ums Leben gekommen. Nach ersten Erkenntnissen hatten Häftlinge ihre Matratzen in Brand gesteckt. Die Flammen hätten dann schnell auf das gesamte Gebäude übergegriffen. Als die Insassen zu fliehen versuchten, eröffneten Wärter nach Augenzeugenberichten das Feuer; mehrere Häftlinge seien an Schusswunden gestorben, andere verbrannt.

Ex-Präsident Ben Ali ist nach Saudi-Arabien geflohen. Er sei dort mit seiner Familie eingetroffen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur SPA unter Berufung auf eine Mitteilung des Königspalastes. In Saudi-Arabien habe man habe Ben Ali willkommen geheißen. Ben Ali hatte nach französischen Medienberichten zuvor versucht, in Paris zu landen. Die französische Regierung habe ihn aber nicht einreisen lassen wollen, berichtete die Zeitung Le Monde.

Die Proteste, die sich ursprünglich gegen die hohe Arbeitslosigkeit richteten, hatten sich in den vergangenen Tagen immer mehr zu einem offenen Aufstand gegen das Regime Ben Alis entwickelt. Am Freitag hatte Ben Ali nach einem knappen Vierteljahrhundert die Regierung abgesetzt.