In Tunis geht die Polizei hart gegen die Demonstranten vor. Zehntausende sind in der Hauptstadt versammelt, um für den Rücktritt des Präsidenten Sein al-Abidin Ben Ali zu demonstrieren. Mehr als 5000 Demonstranten hatten sich am Innenministerium versammelt. Dort hatten sich die Sicherheitskräfte zunächst zurückgezogen, nun schlägt die Polizei zu.

Wie ZEIT-Korrespondent Gero von Randow berichtet, setzt die Polizei Tränengas und Holzknüppel ein, die Demonstranten wehren sich mit Steinwürfen. Eine "Menschenjagd" sei im Gange. Das Militär habe Schützenpanzerwagen vor dem Ministerium aufgefahren. Demonstranten würden massenhaft verhaftet. Einige Villen der Präsidentenfamilie sei in Brand gesetzt worden, die Menge habe "Schmarotzer" skandiert. In den Außenbezirken seien nach Aussagen deutscher Anwohner Schüsse zu hören.

Zuvor hatten Regierungsgegner ungehindert vor dem Ministerium den Rücktritt des Präsidenten fordern können. Sie riefen "Nein zu Ben Ali", "Ben Ali hau ab" und "Free at last". Andere skandierten, er solle vor Gericht. Ein Demonstrant trug ein Plakat mit dem Hashtag "#sidibouzid". Unter dieser Kennung tauschen Nutzer des Microblogging-Dienstes Twitter seit Beginn der Proteste Informationen zu den Demonstrationen aus. Sidi Bouzid ist die Region, in der die Unruhen begannen.

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In Tunis hatten sich zudem Unterstützer des tunesischen Präsidenten Ben Ali versammelt. Geplant war eine Gegendemonstration, die von den regierungskritischen Protesten ablenken sollte. Ben Alis Getreue waren in Bussen nach Tunis gebracht worden. Bereits Donnerstagabend seien Getreue des Präsidenten in das Stadtviertel von Tunis gefahren worden, in dem sich die Hotels der meisten ausländischen Korrespondenten befinden. Ziel war vermutlich, eine Gegenstimmung zu erzeugen und die Reporter zu beeinflussen. Auch die Jubelszenen nach einer Rede des Präsidenten waren überwiegend inszeniert.


In Tunesien gibt es seit Wochen Proteste gegen die hohe Arbeitslosigkeit, die Korruption und die Unterdrückung im Land. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mindestens 66 Menschen getötet. Bis Donnerstag noch waren kleinste Versammlungen im ganzen Land unterbunden und zum Teil gewaltsam aufgelöst worden.

Ben Ali hatte sich am Donnerstagabend erstmals dem Druck der Bevölkerung insofern gebeugt, als er ankündigte, bei der kommenden Präsidentenwahl im Jahr 2014 nicht mehr anzutreten. Ursprünglich wollte er dies tun, obwohl er dafür die Verfassung hätte ändern lassen müssen. Denn derzeit darf sich niemand, der älter als 75 Jahre ist, um die Präsidentschaft bewerben. Ben Ali ist bereits 74 und seit 1987 im Amt.