Die Kanzlerin war leider nicht da, deshalb stand der unschlagbare Zwei-Meter-Hüne in dem leeren Büro von Angela Merkel. Dennoch, auch so fühlte sich Witalij Klitschko geehrt. Es war für ihn wohl der Höhepunkt einer dreitägigen Entdeckungstour durch die Einrichtungen der Berliner Demokratie. Bundestag, Bundeskanzleramt, Auswärtiges Amt, CDU-Parteizentrale. Klitschko war gekommen, "um zu lernen". Schließlich möchte der Mann in dem gut ausgefüllten Designeranzug Präsident der Ukraine werden. Dafür haben er und ein paar Funktionäre, von denen er einige mit nach Berlin gebracht hatte, im vergangenen Jahr die Partei der "Ukrainischen demokratischen Allianz für Reformen" gegründet. Kurz UDAR - ukrainisch für Schlag.

20 Jahre habe die Ukraine nun Zeit gehabt, seit der staatlichen Unabhängigkeit eine Demokratie aufzubauen, "aber leider sind Politik und Wirtschaft noch weit von Europa entfernt", sagte Klitschko vor einem Medienpulk, wie er sich im Regierungsviertel sonst nur vor mittelprächtigen Staatsbesuchern versammelt. Hier also redet der weltgewandte Athlet von seiner Vision – einer Ukraine in der Europäischen Union.

Das ist eines der Ziele, über das Klitschko sich mit dem heutigen Präsidenten Wiktor Janukowitsch entzweit: Janukowitsch stammt aus dem ostukrainischen Donezk und vertritt vor allem die Interessen der russophilen Ukrainer unter den 45 Millionen Einwohner des Landes. Ein Aufsteiger aus der Mitte des Volkes, die Klitschko nur bedingt kennengelernt hat. Als Sohn eines Offiziers der Roten Armee und einer Lehrerin, hat er in der Tschechoslowakei schon als Kind ein privilegiertes Leben geführt. Die EU und Bürgerrechte, Ziele, für die er nun wirbt, sind für die meisten Menschen abstrakte Themen in dem – nach Russland – flächenmäßig größten Land Europas.

Und so steht der Champion Witalij Klitschko im Rennen um das Präsidentenamt der Ukraine derart aussichtslos dar wie er Kubaner Odlanier Solis, der im März in Köln gegen den Schwergewichtsweltmeister boxen muss. Bislang findet sich hier niemand, der Klitschko ebenbürtig ist. Anders in der Politik. Hier ist Klitschko der Herausforderer Janukowitschs, der seit knapp einem Jahr Präsident der Ukraine ist. Vor der orangen Revolution war dieser bereits Premier und es sieht so aus, als wolle er durch Repressalien gegen Opposition und Presse die halbautoritären Zustände dieser Zeit wiederherstellen. In den kalten Dezembertagen des Jahres 2004 hatte sich Janukowitschs blaues Lager dem Druck der orangefarbenen Demokratiebewegung beugen müssen. Damals gehörten auch Witalij und sein jüngerer Bruder Wladimir zur jubelnden Masse auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew.

"Aber orange und blau, das ist Geschichte", sagte Witalij Klitschko in Berlin. Seit den Kommunalwahlen im Oktober vergangenen Jahres ist UDAR in 15 von 24 ukrainischen Regionen vertreten, mit 400 kommunalen Mandatsträgern. Doch die Wahlergebnisse lagen meist unter fünf Prozent. Einzig in der Gegend um Kiew waren es acht Prozent. In der Obersten Rada, dem ukrainischen Parlament, sitzt UDAR bislang nicht. 10.000 Mitglieder habe seine Partei inzwischen, sagte Klitschko. Das ist nicht viel für die Ukraine. Aber die Politik dort ist schnelllebig. Zuletzt stürzten die Ikonen der orangen Revolution, Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko, die sich in tiefer Abneigung verbunden waren, über Vetternwirtschaft und den Unwillen der Wähler.

"Leider sind die Menschen in der Ukraine sehr von den alten Politikern enttäuscht. Sie warten auf neue Kräfte." Damit meint er wohl sich und seine Partei. "Was könnt Ihr denn den Leuten bieten?", rief ihm eine Journalistin des russischen Programms von Funkhaus Europa aus dem Pulk zu. Daraufhin warf er die Soziale Marktwirtschaft in die Runde,  als habe er von einem Spickzettel der CDU abgelesen.

Dabei saß jemand neben ihm, der bei diesem Begriff ein sichtlich zufriedenes Gesicht machte. "Wir sind bemüht, demokratische und rechtsstaatliche Bewegungen in der Ukraine zu unterstützen. Das ist vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung dort nicht leicht", erwiderte Nico Lange, Leiter des Kiewer Büros der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Er führte Klitschko als eine Art politischer Reiseleiter durch die Hauptstadt. Vor einem halben Jahr wurde Lange auf dem Kiewer Flughafen Boryspil auf Befehl des ukrainischen Geheimdienstes SBU verhaftet. Damals hieß es, dass er nur auf persönliche Intervention von Bundeskanzlerin Angela Merkel in seine Wahlheimat einreisen konnte.