Pressefreiheit EU-Parlamentarier protestieren gegen Orbáns Mediengesetz

Eisiger Empfang für Ungarns Premier in Straßburg: Bei seiner Antrittsrede vor dem EU-Parlament wurde er wegen seines umstrittenen Mediengesetzes mit Protest empfangen.

Protest der Grünenfraktion im Europaparlament gegen Orbán

Protest der Grünenfraktion im Europaparlament gegen Orbán

Es würde kein leichter Auftritt für Viktor Orbán werden. Das war spätestens seit dem 1. Januar klar, als in Ungarn das umstrittene neue Pressegesetz in Kraft trat und der ungarische Ministerpräsident für sein Land zugleich die EU-Ratspräsidentschaft übernahm. Jeder, der dieses Amt turnusmäßig innehat, muss vor dem Europaparlament sein Programm für die kommenden sechs Monate vorstellen. Dies gilt auch für Orbán – dem dabei allerdings alles andere als ein freundlicher Empfang geboten wurde.

Aus Protest gegen das Mediengesetz hielten die Grünen bei Orbáns Eintreffen im Straßburger Plenarsaal weiße Blätter mit der Aufschrift "zensiert" in die Höhe. Einige trugen Pflaster auf dem Mund. Der Premier spielte den Vorfall herunter: "Ich sehe, dass das Europaparlament, was Performance betrifft, den Sitzungen im ungarischen Parlament um nichts zurücksteht. Ich fühle mich ganz zu Hause."

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Sanktionsmöglichkeiten

Die EU hat verschiedene Möglichkeiten, auf vermeintliche oder tatsächliche Verstöße gegen EU-Recht zu reagieren. So kann die Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) einleiten. Sollte der zu dem Urteil kommen, dass EU-Recht verletzt wird, muss der betreffende Mitgliedsstaat diese Rechtsverstöße beenden. Tut das Land dies nicht, kann der EuGH auf Antrag der Kommission ein Zwangsgeld verhängen.

Entzug bestimmter Rechte

Einem Mitgliedsstaat können auch bestimmte Rechte vorübergehend entzogen werden, beispielsweise das Stimmrecht. Dies käme im Grunde einer Aussetzung der EU-Mitgliedschaft gleich. Die Hürden für ein derartiges Verfahren, das in Artikel 7 des EU-Vertrages festgelegt ist, sind allerdings hoch: Auf Vorschlag eines Drittels der Mitgliedstaaten, der Kommission oder des EU-Parlaments kann der Rat, also die Staats- und Regierungschefs, einstimmig (ohne die Stimme des betroffenen Landes) feststellen, dass ein Staat schwerwiegend und anhaltend gegen die europäischen Grundwerte verstößt. Anschließend kann der Rat mit qualifizierter Mehrheit die Aussetzung bestimmter Rechte beschließen.

Grundlage

Die europäischen Grundwerte finden sich in Artikel 2 des Lissabon-Vertrages: "Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte, einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören." Nach bisherigem EU-Verständnis zählt auch die Pressefreiheit zu den Grundrechten. Dass Artikel 7 des EU-Vertrages Sanktionen bis hin zum Entzug des Stimmrechts vorsieht, war eine Reaktion der EU-Staaten auf die missglückte Reaktion auf die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich Anfang 2000.

Zugleich zeigte er sich kämpferisch und verwahrte sich dagegen, Fragen der "ungarischen Innenpolitik" mit denen des sechs Monate dauernden EU-Vorsitz seines Landes zu "verwechseln und zu vermengen". "Wenn Sie das tun, bin ich zum Kampf bereit", sagte Orbán. Dies werde dann aber nicht Ungarn schaden, sondern der EU. Orbán bekräftigte seine Bereitschaft, Korrekturen an dem umstrittenen Gesetz vorzunehmen, sollte die EU-Kommission "nachweisliche Mängel" feststellen. Für Ungarn sei dies keine "Prestigefrage", versicherte er. "Wir sind nicht eitel."

Genau dies wird offenbar notwendig, denn EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso mahnte Änderungen des Mediengesetzes an. Noch in dieser Woche werde die Brüsseler Behörde  von Ungarn "Klarstellungen" verlangen. Dabei werde auf "einige Punkte" hingewiesen, die "problematisch" seien. Das Prinzip der Pressefreiheit sei in der EU heilig, sagte Barroso. Er vertraue darauf, dass Orbán zu den erforderlichen Anpassungen bereit sei. "Ich zweifle nicht an einer erfolgreichen Präsidentschaft Ungarns."

Vor allem Vertreter der Linken, Liberalen und Grünen übten massive Kritik an dem Mediengesetz. Der Kovorsitzende der Grünen-Fraktion, Daniel Cohn-Bendit, etwa kritisierte die in dem Gesetz verankerte Verpflichtung der Medien, "ausgewogen" zu berichten. Es gebe keine "ausgewogene Berichterstattung", sagte er. Weder die Berichte über den Watergate-Skandal in Washington noch die über die Affären des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi seien "ausgewogen" gewesen. Wenn die EU das ungarische Mediengesetz akzeptiere, könne sie nicht mehr glaubwürdig die Politik Chinas oder Weißrusslands kritisieren. Auch die dortigen Machthaber verlangten "ausgewogene Informationen".

Der Chef der sozialistischen Fraktion, Martin Schulz (SPD) bemängelte die Konstruktion des "Medienrats". Dort seien allein Mitglieder oder Sympathisanten der ungarischen Regierungspartei vertreten. Dies widerspreche den Grundwerten der EU, zu denen die Pressefreiheit gehöre. "In einer Demokratie kontrollieren die Medien die Macht und nicht die Macht die Medien", sagte Schulz. Er forderte Orbán auf, das Gesetz zurückzunehmen.

Dies sagte Orbán nicht zu. Stattdessen erläuterte er – wie geplant – das Programm des bis Ende Juni dauernden ungarischen EU-Vorsitzes. Schwerpunkt werde die Bewältigung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sein. Dazu müsse rasch der vereinbarte ständige Stabilitätsmechanismus im EU-Reformvertrag verankert werden. An die EU-Staaten appellierte er, rasch ihre Schuldenberge abzubauen. Die Schulden seien das "größte Hindernis" bei der Wirtschaftsentwicklung.

 
Leser-Kommentare
  1. wie man gegen die Medien vorgeht und gegen Wikilakes, dann müssen wir aufpassen! Es wird zur Normalität, Menschen mundtod zu machen, die nicht ins System passen.

    • chamsi
    • 19.01.2011 um 16:01 Uhr

    und "Danke" fürs "Flaggezeigen" an die EU-Grünen...!!!

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    • joG
    • 19.01.2011 um 16:39 Uhr

    ....dass die Regelung der Macht zwischen Staat und der Vierten Gewalt im ungarischen Mediengesetz innerhalb unseres Wertgefüges eine schlechte Lösung ist. Cohn Bendit hat absolut recht, wenn er "Ausgewogenheit" der Berichterstattung als falschen Ansatz ansieht. Es ist auch verständlich, dass man den aktuellen Anlass nimmt, um das Recht der Pressefreiheit zu schützen.

    Ein vernünftiger Weg wäre aber der Vorschlag Orbans, die Gesetze der übrigen Länder zu überprüfen. Dabei wäre man gezwungen auch hier unnötige und dem demokratischen Verlangen schädliche Bestimmungen aufzugreifen und die Wirkung der gesamten Einbettung der Medien und Berichterstattung im Rechtsgefüge zu prüfen. Es ist eben zweifelhaft, ob ein Ansatz der Beschränkung an Hand einer aktuell empfundenen Sittenwidrigkeit die richtige Elle ist und ob man nicht auch überdenken muss, dass Dinge manchmal gesagt sein müssen, die im weitesten Sinne die "öffentliche Ordnung" stören können. Solche Kriterien sind zu sehr auslegungsbedürftig und öffnen den Weg in willkürliche Richtungen, wenn die politischen Machtstrukturen dies wollen.

    • joG
    • 19.01.2011 um 16:39 Uhr

    ....dass die Regelung der Macht zwischen Staat und der Vierten Gewalt im ungarischen Mediengesetz innerhalb unseres Wertgefüges eine schlechte Lösung ist. Cohn Bendit hat absolut recht, wenn er "Ausgewogenheit" der Berichterstattung als falschen Ansatz ansieht. Es ist auch verständlich, dass man den aktuellen Anlass nimmt, um das Recht der Pressefreiheit zu schützen.

    Ein vernünftiger Weg wäre aber der Vorschlag Orbans, die Gesetze der übrigen Länder zu überprüfen. Dabei wäre man gezwungen auch hier unnötige und dem demokratischen Verlangen schädliche Bestimmungen aufzugreifen und die Wirkung der gesamten Einbettung der Medien und Berichterstattung im Rechtsgefüge zu prüfen. Es ist eben zweifelhaft, ob ein Ansatz der Beschränkung an Hand einer aktuell empfundenen Sittenwidrigkeit die richtige Elle ist und ob man nicht auch überdenken muss, dass Dinge manchmal gesagt sein müssen, die im weitesten Sinne die "öffentliche Ordnung" stören können. Solche Kriterien sind zu sehr auslegungsbedürftig und öffnen den Weg in willkürliche Richtungen, wenn die politischen Machtstrukturen dies wollen.

  2. sollten sich aus solchen Aktionen heraus halten! In der Mediathek des ZDF ist Zensur ebenfalls gängige Methode, vermutlich haben Merkel, Koch und Co. Nicolaus Brender deshalb abgesägt.
    Sie glauben ich spinne? Schauen Sie selbst: ->
    http://www.youtube.com/wa...

  3. des Ausschnittes finden Sie unter:
    http://www.youtube.com/wa...

    Nur, damit Sie nicht glauben, ich würde üble Späße machen!

  4. 5. lustig

    3 länder haben nein gesagt zu die EU...ihre meinung war einfach ignorriert..

    heuchler..

    • joG
    • 19.01.2011 um 16:39 Uhr

    ....dass die Regelung der Macht zwischen Staat und der Vierten Gewalt im ungarischen Mediengesetz innerhalb unseres Wertgefüges eine schlechte Lösung ist. Cohn Bendit hat absolut recht, wenn er "Ausgewogenheit" der Berichterstattung als falschen Ansatz ansieht. Es ist auch verständlich, dass man den aktuellen Anlass nimmt, um das Recht der Pressefreiheit zu schützen.

    Ein vernünftiger Weg wäre aber der Vorschlag Orbans, die Gesetze der übrigen Länder zu überprüfen. Dabei wäre man gezwungen auch hier unnötige und dem demokratischen Verlangen schädliche Bestimmungen aufzugreifen und die Wirkung der gesamten Einbettung der Medien und Berichterstattung im Rechtsgefüge zu prüfen. Es ist eben zweifelhaft, ob ein Ansatz der Beschränkung an Hand einer aktuell empfundenen Sittenwidrigkeit die richtige Elle ist und ob man nicht auch überdenken muss, dass Dinge manchmal gesagt sein müssen, die im weitesten Sinne die "öffentliche Ordnung" stören können. Solche Kriterien sind zu sehr auslegungsbedürftig und öffnen den Weg in willkürliche Richtungen, wenn die politischen Machtstrukturen dies wollen.

    Antwort auf ""Bravo"..."
  5. Die Konservative Fraktion hat leider NICHTS gesagt. Fängt es auch da schon mit dem Fraktionszwang an ?

    Eine Leser-Empfehlung
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    • Buh
    • 19.01.2011 um 18:06 Uhr

    an dem sich Konservative Fraktionen für Bürgerrechte und Medienfreiheit stark machen, friert wohl die Hölle ein. Wer der Arbeit der Konservativen in der Eu neugierig folgt, wird sehen, dass sie treibende Feder der bisher sehr undemokratisch konstruierten Eu sind .

    • Buh
    • 19.01.2011 um 18:06 Uhr

    an dem sich Konservative Fraktionen für Bürgerrechte und Medienfreiheit stark machen, friert wohl die Hölle ein. Wer der Arbeit der Konservativen in der Eu neugierig folgt, wird sehen, dass sie treibende Feder der bisher sehr undemokratisch konstruierten Eu sind .

    • dxb
    • 19.01.2011 um 17:44 Uhr

    Boa, die Grünlich-Gelben, jetzt bin ich schwer beeindruckt. Das sind ja richtige Revoluzzer - allerdings nur als Sesselpuper, aber immerhin ...
    Hätten die bei z.B. Obama ganz bestimmt auch gemacht, oder?

    Kritische Journalisten, die in D noch in den "Leitmedien" berichten dürfen, kann man doch fast schon an einer Hand abzählen. Im Wesentlichen wird Hochberichterstattung betrieben, hier und da durchsetzt mit nicht gekennzeichnetem Produktplacement.

    Zum Beispiel das ehemalige Nachrichtenmagazin, ein Schatten seiner selbst, Kommentar überflüssig. Oder SZ, leistet sich mit Prantl gerade noch einen Journalisten, der halbwegs kritisch kommentiert. Ansonsten ein Abstieg, wie er schlimmer kaum sein kann. Über ZEIT schreibe ich lieber nichts, da sich der Zensor schon wieder die Ärmel hochkrempelt.

    Eine Pressefreiheit existiert auch in D nicht, hat vielleicht auch nie existiert, aber es ist mindestens schlimmer geworden. Sehr interessant ist immer wieder, worüber NICHT berichtet wird und welche Nichtigkeiten hochgewanzt werden ohne Ende.

    Also kann man die Aktion der Grünen doch nur als Heuchelei betrachten, sehr passend übrigens zum sonstigen Auftreten dieser gewohnheitsmäßigen Heuchler. Auch über Cohn-Bendit werde ich mich lieber nicht äußern. Der liegt so etwa auf dem Glaubwürdigkeits-Niveau von Fischer.

    Trotzdem ist die Aktion im EU-Parlament, das ja im Wesentlichen nur eine zahnlose Schwatzbude für überbezahlte Profilneurotiker und Lügner ist, besser als nichts.

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    • Buh
    • 19.01.2011 um 18:10 Uhr

    schlecht machen und keine Vorschläge zur Besserung haben, ist eine Pauschalkritik unnütz.
    Was in Ungarn passiert ist nicht vergleichbar mit dem was in Deutschland passiert. Auch wenn in Deutschland ausreichend weggelassen und zensiert wird. Der unterschied ist der, dass es nicht gesetzlich passiert (Mal abgesehen von den beiden Staatssendern und deren Ablegern)

    • Buh
    • 19.01.2011 um 18:10 Uhr

    schlecht machen und keine Vorschläge zur Besserung haben, ist eine Pauschalkritik unnütz.
    Was in Ungarn passiert ist nicht vergleichbar mit dem was in Deutschland passiert. Auch wenn in Deutschland ausreichend weggelassen und zensiert wird. Der unterschied ist der, dass es nicht gesetzlich passiert (Mal abgesehen von den beiden Staatssendern und deren Ablegern)

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