Die Entwicklung in Tunesien hat die Weltöffentlichkeit überrascht. Nun befürchten die Regierungen der Golfregion, sie könne auf ihre Länder übergreifen. Dafür spricht aber kaum etwas: Auch wenn die modernen arabischen Golfstaaten vieles gemeinsam haben, liegt doch jeder Fall anders. Es wäre ein Fehler, wollte man die Revolte in Tunesien mit den falschen Ursachen erklären. Das Regime Sein al-Abidin Ben Alis war korrupt, brutal und seit mehr als zwanzig Jahren ein Polizeistaat. Und doch ist es nicht über diese schlechten Eigenschaften gestürzt, sondern über die Tatsache, dass es schon lange den Kontakt zu seinem eigenen Volk verloren hatte.

Auslöser für den Aufstand war nicht der Zorn über die undemokratische Regierung oder die fehlenden Arbeitsplätze für Hochschulabsolventen – das trifft auch für viele andere arabische Staaten zu. Vielmehr lässt sich die tiefe Unzufriedenheit damit erklären, dass das Regime auf die von ihm im letzten Jahrzehnt selbst hervorgebrachte Chimäre von Stabilität und Sicherheit hereingefallen ist und den Kontakt zur Bevölkerung für überflüssig befand – so, als würde es nicht mehr existieren. Wegen der kompakten Mauer zwischen Staat und Volk verkannten Ben Ali und seine Genossen diese Disparität ebenso wie die Notwendigkeit, Medien und Internet aus den Klauen der staatlichen Kontrolle zu befreien.

Lange Zeit galt Tunesien als leuchtendes Vorbild für andere Länder Afrikas und des Nahen Ostens in seinen Bemühungen um Modernisierung und Wachstum. Im Juni 2003 druckte das Magazin Newsweek folgende Beschreibung: "Als einziger arabischer Staat hat Tunesien den Weg zu einer nicht nur vom Öl abhängigen wirtschaftlichen Entwicklung eingeschlagen." Der frühere US-Botschafter in Tunis, Rust Deming, sagte einmal: "Meiner Ansicht nach kann Tunesien die erste wirklich moderne arabische Republik werden."

Darüber hinaus hat der Global Competitiveness Report 2008/2009 des Weltwirtschaftsforums das Land in punkto Wettbewerbsfähigkeit auf den ersten Platz in Afrika und weltweit auf Platz 36 gesetzt, weit vor Portugal, Italien und Griechenland. Und im Geschäftsbericht der Weltbank zählte es im Jahr 2010 zu den Top 10 der arabischen Welt, wegen seiner grundlegenden Steuer- und Sozialreformen und seines grenzüberschreitenden Handels. Warum also gerade Tunesien?

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Erstaunlicherweise sind sich mehrere Kommentatoren in Saudi-Arabien darin einig, dass Ben Alis Tunesien zwar säkular, gemäßigt und wirtschaftlich gesund ist, dass es seiner Bevölkerung aber die Freiheit der Äußerung und den Dialog mit der Macht verweigert hat. Das Problem lag in der festen Überzeugung des Regimes, es wisse am besten, was für das Volk das Richtige sei – nun jedoch hat das Volk, wütend und auf der Suche nach Freiheit, zum ersten Mal seine Stimme erhoben.