Ein US-Gericht hat die Betreiber der Microblogging-Seite Twitter offenbar angewiesen, umfassende Nutzerdaten mehrerer Sympathisanten der Enthüllungsplattform Wikileaks herauszugeben. Betroffen seien die Twitter-Konten von dem Wikileaks-Gründer Julian Assange sowie der isländischen Abgeordneten Birgitta Jónsdóttir, berichteten die britische Zeitung The Guardian und der Fernsehsender BBC. Spiegel Online meldete, von der Anordnung seien weiterhin der niederländische Hacker Rop Gonggrijp sowie der amerikanische Programmierer Jacob Appelbaum betroffen.

Der Beschluss des Bezirksgerichts von Virginia geht den Berichten zufolge auf eine Initiative des Justizministeriums in Washington zurück. In dem vom Magazin Salon veröffentlichten Dokument heißt es, der Antragssteller habe "spezifisch und nachvollziehbar" begründet, dass die angeforderten Daten für laufende Ermittlungen relevant seien. Dies beziehe sich auf alle Nutzerkonten, die mit Wikileaks, Julian Assange, Rop Gonggrijp, Jacob Appelbaum, Birgitta Jónsdóttir sowie dem Wikileaks-Informanten Bradley Manning in Verbindung stünden.

In dem Beschluss findet sich zudem eine Auflistung der gewünschten Informationen: Konkret gehe es für den Zeitraum seit dem 9. November 2009 um Benutzer- und Klarnamen, Privat- und Geschäftsadressen, E-Mail-Adressen, Details über die Twitter-Nutzung wie Verbindungsdaten und Verweildauer sowie IP-Adressen, Telefon- und Kreditkartennummern.

Die betroffene Isländerin Birgitta Jónsdóttir reagierte empört auf die Anordnung. "Das Justizministerium ist komplett über das Ziel hinausgeschossen", sagte sie dem Guardian. In einer Twitter-Mitteilung schrieb Jónsdóttir: "Haben sie (die US-Regierung) mitbekommen, dass ich Mitglied des isländischen Parlaments bin?" Sie werde gegen den Gerichtsbeschluss juristisch vorgehen.

Viel Zeit hat die Abgeordnete dafür offenbar nicht. Den Berichten zufolge gibt Twitter den betroffenen Personen nur zehn Tage Zeit, um gegen den Beschluss Rechtsmittel einzulegen. Anderenfalls werde man der Gerichtsentscheidung am 17. Januar Folge leisten, zitierte Spiegel Online aus einer entsprechenden Mitteilung an den Hacker Gonggrijp.

Dass die betroffenen Personen überhaupt von der Anordnung der Bezirksrichter aus Virginia erfuhren, ist zudem nur einer Intervention Twitters zu verdanken. Der Beschluss datiert auf den 14. Dezember und endet mit der Anweisung, Twitter habe zu schweigen, sofern das Gericht  nicht erlaube, die Nutzer entsprechend zu informieren. Der Microblogging-Dienst habe dagegen wahrscheinlich erfolgreich geklagt, da das Sprechverbot am 5. Januar aufgehoben worden sei, schrieb Spiegel Online.

Twitter verweigerte einen Kommentar zu den Berichten. In einer Stellungnahme, aus der der Guardian zitiert, hieß es lediglich, es gehöre zur Firmenpolitik, Nutzer über jegliche juristischen Anordnungen sowie Regierungsanfragen zu informieren, wenn es das Gesetz erlaube.

Gonggrijp, Jónsdóttir und Appelbaum hatten in der vergangenen Zeit immer wieder mit Wikileaks zu tun. Appelbaum vertrat laut Spiegel Online Julian Assange auf einer Hackerkonferenz. Gonggrijp und Jónsdóttir wiederum halfen der Enthüllungsplattform, ein Militärvideo aus dem Irakkrieg zu veröffentlichen. Es zeigt die Erschießung mehrerer Zivilisten und machte Wikileaks erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Jónsdóttir hatte sich Ende des vergangenen Jahres allerdings von Assange distanziert. Ihren Angaben zufolge sei der Wikileaks-Gründer nicht auf ihre Empfehlung eingegangen, sich nach den gegen ihn laufenden Ermittlungen in Schweden wegen Vergewaltigung vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Wikileaks hatte sich den Unmut der Regierung in Washington zugezogen, nachdem die Enthüllungsplattform in den vergangenen Monaten Dokumente zu den Einsätzen in Afghanistan und im Irak sowie Depeschen aus US-Botschaften in aller Welt öffentlich gemacht.