Ägypten Das Regime zeigt sein wahres Gesicht
Schlägertrupps jagen Journalisten, das Staatsfernsehen hetzt gegen Ausländer, das Regime frisst derweil Kreide. Wie unser Reporter M. Thumann den Tag in Kairo erlebt hat.
© Marco Longari/AFP/Getty Images

Regimegegner und Mubarak-Anhänger liefern sich Auseinandersetzungen in Kairo
Das ägyptische Regime spielt seine Karten aus. Vor einer Woche gingen die Gefängnisse auf. Verbrecher schwärmten aus und machten die Wohngebiete unsicher. Am Mittwoch prügelte ein entfesselter Mob mit Pro-Mubarak-Bannern auf die friedlichen Demonstranten in Kairo ein. Als ich heute Morgen auf den Tahrir-Platz gehen wollte, machte ich vor einer Bande mit Knüppeln und Eisenstangen mit Stahlpickeln kehrt. Die neuen "Ordnungskräfte" des Regimes.
Am Donnerstagmittag errichteten selbstermächtigte Schlägertrupps Checkpoints, kontrollierten die Bürger und pickten sich gezielt Ausländer und ausländische Journalisten heraus. Einige wurden festgehalten, andere gejagt, manche geschlagen, mit Messern bedroht. Ich beschloss, im Hotel zu bleiben. Hier versuche ich seither, gedanklich mit der Geschwindigkeit der Ereignisse Schritt zu halten:
Ägypten entwickelt sich im Zeitraffer von einem Touristenparadies und einem guten Verbündeten des Westens in einen rechtlosen Schurkenstaat, in dem Ausländer gejagt werden.
Das ist überraschend. Vor Ägypten haben uns unsere Eltern nie gewarnt. Auch nicht unsere Weisen. Für Elder Statesmen und Ex-Diplomaten, für amerikanische Großkolumnisten und europäische Regierungsberater, für israelische Politiker war Ägypten ein moderates arabisches Land. Eine moderate Diktatur, sozusagen. Ein moderater Verbündeter des Westens. Wie ist es möglich, dass aus Moderaten plötzlich Schurken werden?
Die Antwort: Unsere Weisen haben uns angelogen. Dieses Land war nicht moderat. Dieser Staat ist aus einer Militärrevolte 1952 hervorgegangen. An seiner Spitze standen seither drei Generäle, die jede Andeutung von Widerstand niederknüppeln ließen. Die einen riesigen Repressionsapparat errichteten. Die ein System von Spitzeln, Polizeiknüpplern und Folterern aufgebaut haben. Die Oppositionelle zu Tausenden in die Gefängnisse warfen, Wahlen fälschten, Medien strangulierten.
Fühlten sie sich sicher, ließen sie immer mal ein wenig Luft raus, ließen Parteien zu, ein paar freie Zeitungen, offene Diskussionen, die ihnen nicht gefährlich wurden. Deshalb nennt man Ägypten ein hybrides Regime, eine Diktatur mit pluralistischen Ventilen.
Doch nicht das erschien unseren Weisen moderat. Sondern der Friedensvertrag mit Israel 1979. Der war zweifellos eine großartige mutige Tat des damaligen Staatspräsidenten Anwar al-Sadat. Ihm gebührte zu Recht der Friedensnobelpreis. Doch war es ein Fehler, seither zu glauben, Ägypten sei ein moderates Land geworden. Sein Regime war vielmehr das, was Henry Kissinger einmal "Schurken" nannte – "unsere Schurken". Diese Schurken bekamen Militärhilfe, Panzer, Rückenstärkung aller Art. Beispielsweise das Etikett "moderat".
- Datum 03.02.2011 - 19:33 Uhr
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auch an die mutigen Journalisten wie Sie !
Ich möchte meinem Vorposter folgen und ihnen meinen Dank ausrichten und versichern das Sie meinen höchsten Respekt haben.
Ihr Artikel macht von allen die ich bis jetzt gelesen habe am meisten deutlich wie heuchlerisch und verlogen der Westen in Nah-Ost agiert.
Es ist einfach nur erschreckend, mir sitzt die Scham für dieses Verhalten in sämtlichen Knochen.
... can a man turn his head, and pretend, that he just doesn't see? ...
... how many deaths will it take, till he knows, that too many people have died? ...
The answer my friend ...
mir macht das alles echt Angst ...
... nun, der späte Aufbruch Nordafrikas in die Moderne ist nicht mal durch Mubarak´s Panzer, und schon gar nicht von ein paar hundert herumpeitschenden Kameltreiber und Steinewerfer aufzuhalten.
Das (!) da ist genau die Befreiung, die wir, so verrotten und verlogen wir sind, ihnen seit Jahrzehnten auf der einen Seite medial von oben herab predigen, während wir aber zugleich auf genau die Kleptokraten setzen, die sie knechten, oder gar irgendwelche Terroristen und zwielichtige Gestalten unterstützen.
Es braucht Ihnen keine Angst zu machen. Es ist nicht nur die Stunde der Freiheit in Nordafrika, sondern auch die Zeit, hierzulande und im gesamten "Westen" in den eigenen Spiegel zu schauen. Somit ist das Geschehen nicht zuletzt auch für uns selbst potentiell befreiend.
the answer my friend is blowing in the wind
vieleicht setzen sich dch noch die friedlichen Kräfte durch
Angst, frisst die Seele auf............damit ist die Situation nicht zu retten, abwarten und im Kessel kauern wie ein Hase ändert die Situation nicht. Wer zum jetzigen Zeitpunkt aufgibt wird bis zu seinem Lebensende, Ketten tragen. Nichts ist ohne Risiko, Freiheit ist immer mit Risiko behaftet, und nur wer das Risiko eingeht wird die Freiheit erleben können.
... nun, der späte Aufbruch Nordafrikas in die Moderne ist nicht mal durch Mubarak´s Panzer, und schon gar nicht von ein paar hundert herumpeitschenden Kameltreiber und Steinewerfer aufzuhalten.
Das (!) da ist genau die Befreiung, die wir, so verrotten und verlogen wir sind, ihnen seit Jahrzehnten auf der einen Seite medial von oben herab predigen, während wir aber zugleich auf genau die Kleptokraten setzen, die sie knechten, oder gar irgendwelche Terroristen und zwielichtige Gestalten unterstützen.
Es braucht Ihnen keine Angst zu machen. Es ist nicht nur die Stunde der Freiheit in Nordafrika, sondern auch die Zeit, hierzulande und im gesamten "Westen" in den eigenen Spiegel zu schauen. Somit ist das Geschehen nicht zuletzt auch für uns selbst potentiell befreiend.
the answer my friend is blowing in the wind
vieleicht setzen sich dch noch die friedlichen Kräfte durch
Angst, frisst die Seele auf............damit ist die Situation nicht zu retten, abwarten und im Kessel kauern wie ein Hase ändert die Situation nicht. Wer zum jetzigen Zeitpunkt aufgibt wird bis zu seinem Lebensende, Ketten tragen. Nichts ist ohne Risiko, Freiheit ist immer mit Risiko behaftet, und nur wer das Risiko eingeht wird die Freiheit erleben können.
...in den letzten Tagen wurden von Manchen europäische Politiker kritisiert, sie wuerden sich zu wenig auf die Seite der Demonstranten stellen. Genau deshalb war das auch sinnvoll: Ägyptische Propaganda versucht ja alles schon jetzt als eine vom Ausland gesteuerte Revolte darzustellen. Genauso war es auch neulich im Iran, es sind eben angeblich immer die Ausländer, der Westen, der CIA oder wer auch immer schuldig. Aber die Zurueckhaltung hilft leider nicht, schuldig ist der Westen in der Darstellung der Propaganda trotzdem.
Ich wuensche dem Ägyptischen Volk die Kraft dazu, die Diktatur zu stuerzen und stehe 100% hinter den Demonstranten.
Die Fernsehbilder erinnern an die Umbrüche in Osteuropa. Was die westliche Welt immer verschwiegen oder schön geredet hat, jetzt kann es jeder sehen. Schlimm ist nur, das jene Politiker die jetzt als Diktatoren genannt werden, über Jahrzehnte von den westlichen Staaten finanziert wurden. Nach der Devise: lieber einen Diktator finanzieren, als das Land in den Sozialismus zu entlassen. Seit den 60iger Jahren wurden diese Diktaturen mit Geld und Waffen unterstützt. Plötzlich platzen diese Zeitbomben weil die jungen Generationen in diesen Ländern erkannt haben, wie Demokratie wirklich sein kann. Entäuscht bin ich von unserer Regierung. Statt von Beginn an klar Stellung zu beziehen, wird abgewartet was die USA sagen, wird auf Zeit gespielt um zu sehen wohin die Entwicklung geht. Schuld an den Toten und Verletzten tragen unsere Politiker mit ihrer Zaghaftigkeit. Statt entschieden auf die noch regierenden in Kairo einzuwirken, werden außenpolitische Planspiele veranstaltet. Die Welt wird in einigen Monaten nicht mehr so sein, wie heute. Ich hoffe nur, das Volkswille im nahen Osten stärker ist, als Korruption und Diktaturen.
"lieber einen Diktator finanzieren, als das Land in den Sozialismus zu entlassen"
An dieser vermeintlicher Devise stimmt etwas nicht:
sowohl die Partei von Ben Alis, die "Rassemblement constitutionnel démocratique" in Tunesien wie auch die Partei Nationaldemokratische Partei von Hosni Mubarak, waren bis vor kurzem Vollmitglieder des sozialistischen Internationale. Sie wurden erst am 17.1. bzw. am 31.1. 2011 aus der selben Organisation ausgeschlossen.
Grund für die Unzufriedenheit der Bevölkerung kann also nicht an der fehlender sozialistischen Gesinnung liegen - wahrscheinlich ganz im Gegenteil.
"lieber einen Diktator finanzieren, als das Land in den Sozialismus zu entlassen"
An dieser vermeintlicher Devise stimmt etwas nicht:
sowohl die Partei von Ben Alis, die "Rassemblement constitutionnel démocratique" in Tunesien wie auch die Partei Nationaldemokratische Partei von Hosni Mubarak, waren bis vor kurzem Vollmitglieder des sozialistischen Internationale. Sie wurden erst am 17.1. bzw. am 31.1. 2011 aus der selben Organisation ausgeschlossen.
Grund für die Unzufriedenheit der Bevölkerung kann also nicht an der fehlender sozialistischen Gesinnung liegen - wahrscheinlich ganz im Gegenteil.
Der Kampf gegen Regime und Unterdrücker ist wie Extremsport bei dem sich der Durchsetzt der Länger am Ball bleibt
Deswegen wünsche ich allen unterdrückten einen langen Atem
Es ist schon erschreckend, wie die ägyptische Diktatur schon jetzt die Saat des Hasses auf die Ausländer ausstreut, die eventuell erst nach der Sturz des Regimes aufgehen wird. Das erinnert mich irgendwie an die Dolchstosslegende. Der Westen muss alles tun um des Bild einer von aussen geteuerten Revolution ad absurdum zu fuehren. Noch schwerer wird alles auch deshalb, weil es den Ägyptern auch nach der Revolution nicht besser gehen wird. Demokratie kann man nicht essen, und es wird nach dem Höhenflug auch den Absturz geben. Trotzdem hat ein demokratisches Ägypten, das Potential, sich zu einem bluehenden Gemeinwesen zu entwickeln. Das ist aber kein Prozess von Tagen, Monaten oder wenigen Jahren sondern eher einer von Jahrzehnten. Es muss erst eine junge gebildete Generation aufgezogen werden, die dann wirklichen Fortschritt bringen kann. Ich wuensche dem ägyptischen Volk einen erfogreichen Aufbruch in eine bessere Zukunft.
Unsere weisen Führer belügen uns auch weiterhin und dazu sich selbst.
Es scheint, sie hoffen noch immer darauf, dass der Aufstand niedergeknüppelt und, wenn nötig, zusammengeschossen wird.
Man traut Arabern eben nicht zu, sich ohne Knute richtig zu verhalten. Das ist westliche Staatsräson.
Die Folge wird zunehmende religiöse Radikalisierung sein usw usw
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