Lange profitierten die Europäer davon, dass die Machthaber in Tunis und Kairo die Grenzen dicht hielten. Mit dem Ende der Despoten ist es damit vorbei. Aber anstatt sich jetzt über ein paar Tausend Flüchtlinge zu erregen , sollten unsere Regierungen sich darauf konzentrieren, wie sie den in Nordafrika gerade angestoßenen Prozess der Demokratisierung durch großzügige wirtschaftliche Hilfe ermuntern und abstützen können.

Damit der Beginn demokratischer Freiheit nicht durch wirtschaftliche Misere erstickt wird, ist eine außergewöhnliche Anstrengung nötig, ein regelrechter Marshall-Plan für das freie Arabien.

Zwar kann die Wirtschaft Ägyptens und Tunesiens auf eine längere Wachstumsphase zurückblicken. Aber für immer mehr junge Männer und Frauen gibt es angesichts hoher Jugendarbeitslosigkeit – in Ägypten 30 Prozent – keine Zukunftsperspektive. In Tunesien war die Selbstverbrennung eines arbeitslosen jungen Mannes, der zudem von der Polizei schikaniert wurde, der Auslöser für den Volksaufstand.

Die Menschen sind nicht nur aus Zorn über die Willkürherrschaft, sondern nicht weniger aus Protest gegen Teuerung und Arbeitsmangel auf die Straße gegangen. Mit der bloßen Ablösung der bisherigen Herrscher sind diese Probleme nicht gelöst, sie werden sogar noch drängender.

Wer den demokratischen Prozess stärken will, muss deshalb den wirtschaftlichen Prozess voranbringen. Dafür braucht es ein großes, glaubwürdiges Angebot des Westens.

An großen Worten hat es den Europäern zumal nicht gefehlt. Da wurde 1995 mit dem sogenannten Barcelona-Prozess die Euro-mediterrane Partnerschaft feierlich ins Leben gerufen, um das Mittelmeer zu einem Raum des Friedens, der Sicherheit und des gemeinsamen Wohlstands zu machen. 2008 wurde das Projekt auf Drängen Frankreichs zu einer Mittelmeer-Union der EU aufgeblasen. Aber so gern von Partnerschaft geredet wurde, so inhaltsleer wie lieblos blieben die dazu erfundenen Institutionen, so ineffizient die Förderung. Europäische Politiker wollten Stabilität, nicht politische Veränderungen in Nordafrika. Sie waren, zusammen mit den USA, Stützen der Mubarraks und Ben Alis.

Jetzt hat die Freiheitssehnsucht den ganzen arabischen Norden Afrikas erfasst. Ob sie sich am Ende durchsetzen wird, ist ungewiss. In jedem Fall müssen Europa und Amerika den Ehrgeiz aufbringen, sie zu unterstützen.