Arabische Revolten: Tunesien hat mehr Chance auf Demokratie als Ägypten
Anders als das Polizeiregime Tunesiens ist ein patrimonialer Militärstaat wie Ägypten schwer zu reformieren. Ein Misserfolg wäre für die Region fatal. Ein Gastbeitrag
© John Moore/Getty Images

Militärpolizei am Montag auf dem Tahrir-Platz in Kairo
Erst Tunesien, jetzt Ägypten, welches Land kommt als nächstes? Zumindest der Regimesturz in Tunesien wird mit Recht bereits historisch genannt – handelt es sich doch um die erste erfolgreiche Revolution auf arabischem Boden. Noch dazu wurde sie in Tunesien weder aus dem Ausland unterstützt – Frankreich hatte sogar kurz vor der Flucht von Sein al-Abidin Ben Ali noch der Lieferung von Tränengas und Knüppeln an die alte tunesische Regierung zugestimmt – noch von einer Ideologie oder einer charismatischen Führungsperson getragen.
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Wettbewerbsfähigkeit und soziale Entwicklung" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)
Die Chancen, dass sich in Tunesien tatsächlich eine Demokratie herausbildet, stehen nicht mehr ganz schlecht. Es wäre – eventuell mit Ausnahme des Libanon – die erste auf arabischem Boden. In Ägypten sieht dies anders aus. Auch dort ist der Präsident zurückgetreten, die Regierungspartei NDP entmachtet und eine Übergangsregierung im Amt. Anders als in Tunesien setzt diese sich aber nicht mehrheitlich aus ehemaligen Oppositionellen, sondern aus Generälen zusammen. Die Armee hat also das Sagen, und ob sie an einer tatsächlichen Demokratisierung Ägyptens Interesse hat, ist fraglich. Schließlich würde sie dadurch nicht nur ihre zentrale politische Stellung, sondern auch ihre ökonomischen Privilegien verlieren.
Noch besitzt die Armee einen riesigen Komplex von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen, an denen aber zumindest höhere Offiziere gut verdienen. Diese Unternehmen werden unter anderem bei der Besteuerung, der Verzollung von Importen und der Zuteilung von Land begünstigt.
Der Volksaufstand kam der Armee durchaus gelegen, da er Mubarak zwang, die wirtschaftsliberale Fraktion seines Regimes abzusetzen, die vor allem aus seinem Sohn Gamal und mehreren Geschäftsleuten mit Ministerposten bestand. Diese Fraktion war dem stärker etatistisch und auf sozialen Ausgleich ausgerichteten Teil des Regimes, dem auch Teile der Armee angehören, schon länger ein Dorn im Auge – nicht zuletzt weil sie irgendwann auch die Privilegien der Armee-Betriebe infrage gestellt hätte.
Anders als in Tunesien war die Armee in Ägypten nicht nur Bestandteil, sondern zentrale Säule des Regimes. Daher ist zu befürchten, dass sie die Reform des politischen Systems im Sande verlaufen lässt und ein neues Regime errichtet, das von ihrem Wohlwollen abhängt und auch nicht viel freier ist als das alte. Und sicher käme dies auch nicht wenigen Ägyptern entgegen. Denn das alte Regime hat seine Herrschaft – anders als das tunesische – nie nur auf Repression gestützt.
Ben Ali setzte Polizei, Geheimdienste und Pressezensur massiv ein und nutzte seine Stellung vor allem für die Selbstbereicherung der Familie seiner Frau. Mubarak dagegen teilte nicht nur sich selbst, sondern auch machtstrategisch wichtigen Personen und Sozialgruppen materielle Privilegien zu, um sie an sich zu binden. Patrimonialismus nennt man solche Methoden.
Diese Segmente der Gesellschaft sind dem Regime zum Teil noch immer loyal. So waren keineswegs alle pro-Mubarak-Demonstranten in der letzten Woche Sicherheitskräfte in Zivil. Auch private Profiteure hatten sich engagiert, weil eine Demokratisierung Ägyptens ihre Privilegien gefährden könnte. Sollte es dem Militär gelingen, das alte Regime in neuem Gewande wiedererstehen zu lassen, so könnte sich die Balance zwischen den Herrschaftsinstrumenten Repression und Patrimonialismus sogar noch ein wenig in Richtung Repression neigen.





Nach den "aufregenden" Wochen zeichnet sich für viele ein wunderliches Bild ab. Die Menschen reiben sich zwar an den Machthabern, aber ihr Ärger gilt eher ihren Lebensumständen.
Oder wie es die slowakische Ministerpräsidentin, hier in der ZEIT, formulierte: Lieber bescheidener Wohlstand unter einem Regime, als Unsicherheit und wachsende Verarmung in Freiheit.
Die Revolution(en) hat/haben sich durch die Destabilisierung der Region einen Bärendienst erwiesen. Zwar wird vielenorts noch recht kindlich und fleißig Beifall ob dem "Allheilmittel" Demokratie geklatscht, doch wird in einem demokratischen Findungsprozeß das Problemlösen eher noch schwieriger.
Finanzmittel wurden im großen Stil abgezogen, die Population wächst und wächst, da scheint die "Arche Europa" noch attraktiver als je zuvor. Somit werden die europäischen Probleme mehr, was die Transferleistungen in die nordafrikanischen Regionen schmälern dürfte, da die Ressourcen hier gebündelt werden.
Europäische Firmen investieren lieber in die eigene Region, oder gleich nach Asien, wo die Löhne niedriger, die Sicherheitslage besser, und die Menschen gebildeter und weniger "extrovertiert" sind.
Gewonnen hat die Freiheit, welche auf der Bedürfnispyramide aber hinten ansteht. Verloren hat Europa, welches in seiner zartbesaiteten Art, hemmungslosen Naivität und Unfähigkeit zu handeln nicht im mindesten auf die Probleme vorbereitet ist.
Die anstehende Völkerwanderung dürfte auch in Europa bald einiges bewegen.
und grundsätzlich würde ich erstmal Vertrauen in die Ägypter setzen. Die haben außerdem geschätzte 5000 Jahre dokumentierte (!) Erfahrung mit wiederholt auftretenden Despoten, un den wenigsten ist es bekommen. Nach dem, was Mubarak da mit westlicher Unterstützung verbockst hat, kann es ja nur besser werden. Und Mubarak einen Pharao zu nennen, ist nun wirklich lachhaft. Jemand wie Ramses II. würde auf ihn spucken. Zu dessen Zeiten hatte nämlich jeder sein Auskommen und es gab ein gut funktionierendes Rechtssystem, vor dem man sein Recht einklagen konnte.
Wie soll Europa die Kraft und den Willen hernehmen diesen Ländern zu helfen? Und vor allem muss man bedenken dass es noch lange Zeit dauern wird bis Unglaubwürdigkeit und Mißtrauen abgebaut werden können.
Aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage in Tunesien würde ich vermuten,dass wenn dort nicht schleunigst Aufbauhilfe geleistet wird,wahrscheinlich eine reiche Oligarchie gestützt auf die alten Strukturen die Macht an sich reissen könnte.Man kann eine Bevölkerung nicht in Armut verrotten lassen und dann erwarten, dass diese brav wählen gehen (und ich meine hier wirkliche Armut kein Hartz4!).Chaos und Anarchie würden Alltag werden.Tatsächlich hat Ägypten eine viel bessere Chance auf Demokratie weil dieses Land eben geopolitisch so wichtig ist und daher unter scharfer Beobachtung steht.Jeder Versuch einer Fassade würde sofort durchschaut werden.Andererseits wird man aufpassen dass das Land nicht im Chaos versinkt.Hingegen wen würde es schon interessieren oder merken,dass Tunesien wieder repressiv werden würde (außer den Auffanglagern in den europäischen Mittelmeerländern)?.Eben.
Ich kann dem Artikel, insbesondere dem Aufruf auf der Zweiten Seite nur folgen. Hoffen wir, dass auch Obama diese Ansicht vertritt und sich seinen Friedensnobelpreis vielleicht doch noch ehrlich (durch Taten nicht nur durch Worte) verdient.
Rechte und Sicherheit wären für die Menschen in Ägypten erst einmal wichtiger, als das demokratische Gefasel.
Nur falls es noch nicht aufgefallen ist, Demokratien funktionieren nur unter bestimmten Bedingungen. Diese Bedingungen scheinen mir in Ägypten nicht gegeben zu sein.
Also, step by step. Das Land befindet sich noch in "vorindustrieller" Zeit!
Sie müssen erst einmal überlegen, was sie wollen, bevor wir denen noch einmal über den Mund fahren.
Ich bin gleicher Meinung wie Dr. Markus Loewe. Dazu bräuchte es aber unbedingt die Hilfe von der EU, um diesen Demokratieprozess zu beschleunigen. Tunesien darf nie mehr den Fehler machen und sich alleine auf Frankereich stützen. Die Geschichte hat gezeigt, dass der "große Bruder" es doch nicht so ehrlich mit den Menschrechten in Tunesien meint. Denn die Kolonialzeiten, resp. Protektorate gehören der Vergangenheit.Daher finde ich es gut, wenn Tunesien sich direkt an die Eu wendet.Ich bin mir sicher, dass Tunesien den Anschluss zur Demokratie schneller findet, als ihre Nachbarn.
ist das Deutsch? Neudeutsch vielleicht?
Ob ich wohl noch a u f eine Antwort hoffen darf?
Mit etwas Chance vielleicht?
Ob ich wohl noch a u f eine Antwort hoffen darf?
Mit etwas Chance vielleicht?
Sollte es den Tunesiern gelingen, Rechtsstaatlichkeit und Chancengleichheit durchzusetzen, Korruption einzudämmen und eine freie Gesellschaft zu schaffen, so wird dies auch zu wirtschaftlichen Fortschritten führen. Bisher zählten z.B. im Beruf familiäre Herkunft und Schmiergelder mehr als Ausbildung und Befähigung.
Wenn nun in dieser jungen Gesellschaft Kreativität und Innovation endlich eine Chance auf Entfaltung bekommen, so kann dies auch zu wirtschaftlicher Prosperität führen. Natürlich in den engen Grenzen, die eine globalisierte Wirtschaft dem kleinen Land lässt.
Hier ist auch Europa gefragt, z.B. seine Agrarpolitik mit ihren gigantischen Subventionen zu reformieren, und der ehemaligen "Kornkammer des Römischen Reiches" einen freieren Zugang zum europäischen Markt zu ermöglichen. Milliarden Euro Agrarsubventionen könnten eingespart werden, die europäischen Verbraucher von niedrigeren Preisen und größerer Vielfalt profitieren, und Tunesien bekäme Zugang zum europäischen Markt und gewänne damit an ökonomischer Stabilität und die erhoffte weitere Annäherung an Europa.
Für die europäischen Landwirte ließen sich Lösungen finden, u.a. evtl durch eine Abkehr von Massentierhaltung und Monokulturen und dagegen eine Konzentration auf Biologische Landwirtschaft, artgerechte Tierhaltung etc.
Alles Maßnahmen, für die in der europäischen Bevölkerung nicht lange geworben werden muss. Viele Probleme ließen sich lösen und parallel würde die tunesische Wirtschaft massiv gefördert.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren