Seit Tagen schaut die Welt gebannt nach Ägypten. Und sie nutzt dafür vor allem eine Informationsquelle: Al Jazeera English . Der Fernsehsender versorgt nicht nur Internetnutzer rund um die Uhr mit den neuesten Informationen über die Protestbewegung aus Ägypten, er ist auch für die Konkurrenz zu der wesentlichen Referenz geworden: Kein Nachrichtenmedium, das derzeit aus der Region berichtet, kommt ohne Al Jazeera aus; der Sender dürfte in diesen Tagen der meistzitierte der Welt sein.

Auch deshalb wurde dem arabischen Nachrichtensender und seinem englischen Schwesterkanal Al Jazeera English (AJE) vor einer Woche von den ägyptischen Behörden die Sendelizenz entzogen und die Akkreditierung seiner Mitarbeiter zurückgenommen. Bei den Straßenschlachten zwischen den Regime-Gegnern und Mubarak-Unterstützern wurde unter dem Schlachtruf "al-Jazeera!" gezielt Jagd auf alle Journalisten gemacht.

Das Signal des Senders vom staatlich betriebenen Satelliten NileSat wird immer wieder gezielt gestört. Das ägyptische Staatsfernsehen setzte nach einer kurzen Überraschungsphase zur Gegenpropaganda an. Al Jazeera und AJE aber haben sich nicht zuletzt durch diese Angriffe bewusst zum Sprachrohr der Reformbewegung in Ägypten entwickelt.

Die emotionale Verbrüderung mit Opfern einer als ungerecht empfundenen Politik ist für den arabisch-sprachigen Kanal nicht neu – der westliche Enthusiasmus darüber schon. Dabei hat sich der Sender seit seiner Gründung 1996 zum Schrecken nahezu aller autoritären Herrscher der Region entwickelt.

Während Al Jazeera im Westen vor allem wegen der Ausstrahlung von Bin-Laden-Videos nach dem 11. September 2001 bekannt wurde und wegen seiner Irak-Berichterstattung als vermeintlich anti-amerikanisch berüchtigt ist, spielt er in den arabischen Ländern vornehmlich die Rolle des Korrektivs einer von den Regimes domestizierten Medienlandschaft. Es gibt fast kein arabisches Land, in dem der Sender nicht schon einmal verboten wurde.

In Saudi-Arabien durfte noch nie ein Büro eröffnet werden, in Irak wurden die Reporter mehrfach ausgewiesen. Das Büro in Marokko wurde im Oktober 2010 geschlossen nachdem der Sender über den dort offiziell nicht existierenden Konflikt in der Westsahara berichtet hatte.2008 hat die Arabische Liga auf Betreiben Ägyptens und Saudi-Arabiens sogar eine Charta auf den Weg gebracht, die Sanktionen gegen Satellitensender erlauben soll, die Staatschefs beleidigen und die öffentliche Ordnung gefährden. Al Jazeera war das Hauptziel.

Dem arabischen Publikum wurde der Sender durch die 2000 beginnende zweite Intifada in den palästinensischen Gebieten bekannt. In den Jahren vor der Intifada hatte sich Al Jazeera (dt. Die Insel)durch seine Reporter in der Westbank und Gaza als ein quasi-lokales Medium etabliert. Andere arabische Korrespondenten vor Ort gab es nicht, und die palästinensischen Medien gehörten im Wesentlichen zur Autonomiebehörde.

Al Jazeera hatte dagegen regelmäßig Korruptionsfälle in der Behörde aufgedeckt und scheute weder die Auseinandersetzung mit den Autoritäten noch den Konfliktparteien von Hamas und Fatah. Es erwarb somit eine Glaubwürdigkeit, die anderen Medien fehlte. Dies führte dazu, dass Zwischenfälle, Ausgangssperren oder Meldungen über neue Checkpoints von der Bevölkerung an das Senderbüro gemeldet und als Breaking News ausgestrahlt wurden. So erfuhr auch der Rest der arabischen Welt davon.

Eine ähnliche Symbiose zwischen Sender und Publikum gibt es jetzt in Ägypten. Über Al Jazeera haben die Ägypter die tunesische Revolution miterleben können, über Al Jazeera konnten die Demonstranten ihre Proteste koordinieren und popularisieren, als Internet und Mobiltelefone längst abgeschaltet waren.