Szene in Tripolis © Reuters/Screenshot Zeit Online

Der Fernsehsender Al Jazeera berichtet unter Berufung auf Augenzeugen, Kampfjets hätten die Demonstranten auf mehreren Plätzen der Hauptstadt Tripolis bombardiert. Es gebe viele Tote, berichtet ein Augenzeuge. Jeder, der sich bewege, werde beschossen. Eine Bestätigung gab es dafür vorerst nicht.

Italien versetzte nach Angaben der Nachrichtenagentur ANSA sämtliche Luftstützpunkte des Landes in höchste Alarmbereitschaft. Unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Rom meldete die Agentur, zahlreiche Hubschrauber der italienischen Luftwaffe seien in den Süden des Landes geschickt worden.

Die libysche Regierung kündigte am frühen Abend an, Oppositionelle noch stärker bekämpfen zu wollen. Das Staatsfernsehen berichtete, die Sicherheitskräfte hätten einen Einsatz gegen "die Rückzugsorte der Saboteure und Terroristen" gestartet. In den Straßen von Tripolis schossen Soldaten mit Maschinengewehren und Artillerie auf Demonstranten.

Eine wütende Menge von Regimegegnern setzte das staatliche Radio- und Fernsehgebäude sowie mehrere Ministerien, Polizeistationen und die Zentrale der sogenannten Revolutionären Komitees in Brand. Auch das Parlamentsgebäude brannte nieder. Zahlreiche Banken und öffentliche Gebäude wurden geplündert, die Propagandaplakate des "Bruder Führers" zerstört.

Allein in Tripolis gab es nach Augenzeugenberichten bis zum Abend mehr als 60 Todesopfer.

Diplomaten und Regierungsfunktionäre kehrten dem Regime den Rücken. Teile des Militärs und mehrere Volksstämme sollen sich den Aufständischen angeschlossen haben. Religionsführer Aref Ali Najed sagte, die großen Volksgruppen hätten sich gegen ihn verbrüdert.

Die Führung der Regimegegner rief die Menschen in Tripolis und Umgebung zu einem Million-Menschen-Marsch zur schwer bewachten Militärbasis Bab al-Azizia auf, wo Machthaber Muammar Gadhafi sein soll. Auf dem Grünen Platz im Zentrum skandierte eine aufgebrachte Menge "Komm raus Feigling, zeig dich, wenn du ein Mann bist". Meldungen, Gadhafi sei bereits außer Landes und unterwegs nach Venezuela, dementierte das Land. Unbestätigten Meldungen nach sollen sich die Sicherheitskräfte aus mehreren Städten zurückgezogen haben. Aufständische hätten dort die Kontrolle übernommen, hieß es.

Jede Menge Plünderer seien in Tripolis auf den Straßen unterwegs, niemand aus der Familie sei am Montag zur Arbeit gegangen, schilderte ein Bewohner von Tripolis. "Wir beten, dass hier alles schnell ein Ende findet." Ein anderer sagte, dass zahlreiche Autos brennen. Von überall her seien Schüsse zu hören. "Wir brauchen kein Brot, wir haben genug davon", schilderte ein Einwohner aus der Hafenstadt Dernah die Stimmung unter den Protestierenden. "Wir wollen Demokratie essen. Wir wollen Freiheit trinken."

Zwei Jets der libyschen Streitkräfte landeten unterdessen offenbar auf Malta. Nach Al-Jazeera-Informationen desertierten die Piloten und flohen auf die Mittelmeerinsel, nachdem sie den Befehl erhalten hatten, Demonstranten in Bengasi aus der Luft anzugreifen. Sie hätten um politisches Asyl gebeten, sagte ein Sprecher der maltesischen Armee. Kurz vor der Landung der Kampfflugzeuge hatten bereits zwei zivile Helikopter aus Tripolis mit sieben Menschen an Bord den kleinsten EU-Staat erreicht.

In dem nordafrikanischen Land gibt es seit Tagen Proteste gegen Gadhafi, den zunehmend sein Führungsstab verlässt. Nach Angaben von lokalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen sind seit Mitte letzter Woche mindestens 400 Menschen gestorben, wahrscheinlich jedoch mehr. In Bengasi sagte der Chef der Intensivstation des Al-Jalae-Krankenhauses, allein am Sonntagnachmittag seien 50 Leichen mit Schusswunden eingeliefert worden. Mehr als 200 Menschen seien verletzt gewesen. Die Hälfte von ihnen schwebe noch immer in Lebensgefahr.

Die Situation in Libyen hatte sich in der Nacht zum Montag nach einer provokanten Fernsehansprache von Saif al-Islam, dem zweiten Sohn Gadhafis, verschärft. Dieser drohte den Menschen mit Gewalt und Bürgerkrieg. In scharfem Ton verurteilte er den Aufstand als eine "ausländische Verschwörung".

Das Land stehe an einem Scheideweg, rief er mit erhobenem Zeigefinger. "Wir werden Libyen nicht aufgeben. Wir werden zu den Waffen greifen und bis zur letzten Patrone kämpfen." Man werde die abtrünnigen Elemente zerstören. Libyen sei nicht Ägypten und nicht Tunesien, fügte Saif al-Islam hinzu. "Jeder hat eine Waffe. Das bedeutet Bürgerkrieg. Und wir werden uns alle gegenseitig töten."

Die Unruhen in Libyen lassen auf den Weltmärkten die Ölpreise steigen. Nach Einschätzung der EU-Kommission ist die Ölversorgung Europas aber nicht gefährdet.