5000 Tunesier sind auf der italienischen Felseninsel Lampedusa eingetroffen . Nun fürchtet Italiens Innenminister Roberto Maroni einen "biblischen Exodus". Sogleich setzt hierzulande das politische Helfersyndrom ein: Einige Grüne und Sozialdemokraten fordern, Deutschland möge nordafrikanische Flüchtlinge aufnehmen. Die Bundesregierung wehrt routiniert ab. In Europa sei nun mal jeder für die Flüchtlinge zuständig, die bei ihm zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Dabei solle es bleiben.

Ein Skandal! Nur: Was genau ist eigentlich so skandalös? 

5000 Menschen sind kein Exodus, ein hoch entwickeltes Land wie Italien kann sie ohne Schwierigkeiten versorgen. Deshalb ist es richtig, in diesem Fall nicht auf die italienische Hysterie einzugehen. Europa und auch Deutschland sollte sich nicht von einer rechten, von innenpolitischen Motiven getriebenen Regierung in Rom als Geisel nehmen lassen (ebenso wenig übrigens wie von Griechenland, dessen Flüchtlingslager in solch katastrophalem Zustand sind, dass deutsche Gerichte Abschiebungen dorthin verboten haben). Vielmehr muss die EU in allen ihren Mitgliedsländern einen menschenwürdigen Umgang mit jedem Flüchtling einfordern. Dazu gehört auch, sie nicht am Strand schlafen zu lassen, wenn es ein funktionsfähiges Flüchtlingslager gibt. Immerhin gilt auch für Italien die europäische Charta der Grundrechte.

Skandalös aber ist, dass die EU nun schon seit 15 Jahren einem beispiellosen Drama im Mittelmeer (und auch im Atlantik vor den Kanarischen Inseln) zusieht, das nach Zählungen von Nichtregierungsorganisationen inzwischen bis zu 16.000 Menschen das Leben gekostet hat. Tausende afrikanische Flüchtlinge versuchen täglich, in oft seeuntauglichen Booten europäisches Festland zu erreichen, viele ertrinken, und Europa reagiert mit Abschreckung. Die Grenzagentur Frontex fängt Flüchtlinge ab und schickt sie zurück in Länder wie Libyen, wo sie menschenunwürdigen Zuständen bis hin zu Folter und Vergewaltigung ausgesetzt sind.

Längst weiß man in Brüssel, Paris, Berlin, Madrid und Rom, was zu tun wäre. Es gilt, die wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern vorantreiben, damit die Menschen dort die Perspektive auf ein auskömmliches Leben haben. Jetzt besteht die Chance, in Tunesien ein Exempel zu statuieren. Längst liegen Vorschläge auf dem Tisch: Die EU könnte Handelshemmnisse für Agrarprodukte aus dem Maghreb aufheben. Staatliche Exportkreditgarantien könnten Anreize für europäische Unternehmen geben, in Tunesien zu investieren.

Noch leichter wäre es, die Visa-Regeln zu erleichtern. Viele derer, die nun auf Lampedusa festsitzen, sind jung und gut ausgebildet. Warum sollten sie nicht zeitweise hierzulande arbeiten, zumal uns zunehmend Fachkräfte fehlen? Warum sollte Europa sie nicht fortbilden, damit sie weitere ökonomische und rechtsstaatliche Kenntnisse in den Aufbau ihres Landes einbringen können?

Der Umsturz in Nordafrika und der arabischen Welt fordert von Europa eine aktive, gestaltende Politik. Abschottung und Abschreckung aber sind genau die falschen Signale.