Die Zelte sind in Fetzen, Verwundete liegen stöhnend auf dem zertrampelten Rasen. Ein junger Doktor im weißen Kittel und mit Chirurgenhandschuhen desinfiziert vorsichtig ein blutendes Bein. Eine verschleierte Frau kühlt mit einem kleinen Wasserbeutel die geschwollene Wange eines Verletzten. "Weine nicht, weine nicht, du bist ein Held", tröstet Khaled Ghozlan seinen elfjährigen Sohn, dessen Platzwunde am Kopf mit vier Stichen genäht werden musste.

Wasserflaschen, Verbandsfetzen liegen auf einer Mauer. Zwischen Steinen, Scherben und Holzlatten haben junge Ärzte eine Art Notfall-Lazarett aufgebaut. Jeder packt an, wo er kann und bringt, was er hat, um den Verletzten zu helfen. Etwas entfernt telefonieren drei junge Frauen aufgeregt mit ihren Familien. "Zum Glück haben wir den Platz noch unter Kontrolle", sagt eine von ihnen. Noch nie zuvor haben sich in Ägypten so viele Frauen an einer Demonstration beteiligt – junge und alte, verschleierte und unverschleierte. Rund um den Tahrir-Platz sind die Platten der breiten Bürgersteige herausgerissen, liegen Glasscherben, verbrannter Müll und Metallplatten vom Bauzaun des Nile Hilton Hotels, das gerade renoviert wird.

Für diesen Aufruhr will das Regime offensichtlich keine Zeugen. Zahlreiche Journalisten wurden verletzt, ihre Laptops und Kameras gestohlen.Am Donnerstagvormittag begannen Zivilpolizisten, ausländische Journalisten auf dem Tahrir-Platz systematisch festzunehmen. Zwei italienische Fernsehjournalisten wurden von Soldaten aus den Fänger der Schläger befreit. "Die hätten uns totgeschlagen", sagten sie nach ihrer Rettung.

Andere wurden mit gezückten Messern verhaftet und an unbekannte Orte verschleppt. In Alexandria zwangen Regierungssöldner eine amerikanische Fernsehcrew sogar mit gezückter Pistole, ihre Kameras zurück ins Hotel zu bringen. "Zum ersten Mal haben wir hautnah erlebt, was Diktatur bedeutet", sagte die schockierte Korrespondentin später über den Sender, während Abertausende Ausländer in Panik zu den Flughäfen eilen, um sich aus Ägypten ausfliegen zu lassen.

"Wir hassen Amerikaner, fahrt zur Hölle", traktierten junge Schläger am Mittwoch ein amerikanisches Fernsehteam, das auf dem Tahrir-Platz Interviews machen wollte. Eine für die New York Times und das ZDF arbeitende Journalistin kam erst nach 20 Stunden Haft in Kairo wieder frei.

In Kairo haben sich die meisten Journalisten inzwischen in den großen Hotels Ramses Hilton sowie Semirais InterContinental verschanzt, von deren Fenstern aus man das Geschehen auf dem Tahrir-Platz beobachten kann. BBC sendet von dem weiter entfernten Novotel nahe der Kairoer Oper.
Kamerateams, die in den vergangenen Tagen noch auf Häusern am Tahrir postiert waren, haben ihre Stellungen in Panik geräumt.

Eine Moderatorin des Staatsfernsehens Nile News zog am Donnerstag ihre Konsequenzen. Sie warf hin, nachdem ihr Chefredakteur sie zum fünften Mal zwingen wollte, die Nachricht "Es ist alles ist ruhig auf den Straßen Kairos" zu verlesen. "Ich wollte einfach nicht mehr weiter lügen" sagte sie.

Gezielt geschürter Ausländerhass – so scheint es – ist inzwischen eine treibende Kraft des Mobs. Seine Schläger verprügeln jeden, der nur irgendwie wie ein Ausländer aussieht. Andere suchen gezielt nach Amerikanern, wie Demonstranten über Twitter berichten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich offenbar unter den Heerscharen Mubaraks das Gerücht, man habe israelische Münzen auf der Straße gefunden. Ausländer hätten Flugblätter gegen den Präsidenten verteilt, und die Amerikaner hätten die Anarchie im Land angezettelt, um Ägypten zu zerstören. In einem Kulturraum, der vollgesogen ist mit Verschwörungstheorien, finden solche absurden Thesen sofort Resonanz. 

Gleichzeitig machen die Protestierer weiter. Nach 24 Stunden Chaos, Blutvergießen und Anarchie halten immer noch Tausende auf dem Tahrir-Platz die Stellung, dem Epizentrum des Volksaufstands gegen Hosni Mubarak. Den ganzen Tag rufen sie über Twitter zu Verstärkung und Unterstützung auf. Und die Menschen kommen tatsächlich – bis zum Nachmittag hatten sich nach Berichten der Facebook-Aktivisten wieder 70.000 eingefunden.

"Wir werden Mubarak stürzen – wie auch immer", skandieren sie. Aber auch politisch ist die "Koalition für Änderung" nicht bereit zurückzuweichen, zumal sich im ägyptischen Regime am Donnerstag erstmals tiefe Risse zeigen. Ein Ultimatum des neuen Vizepräsidenten Omar Suleiman, man werde den Dialog mit der Opposition erst aufnehmen, wenn die Proteste aufhören, beantwortete die Führung der Aktivisten mit einem kategorischen Nein und rief für Freitag nach dem Freitagsgebet erneut zu Großdemonstrationen auf.

Gegen Mittag meldete sich Premierminister Ahmed Schafik , seit fünf Tagen im Amt, mit erstaunlichen Sätzen zu Wort. Den Angriff auf die friedlichen Demonstranten nannte er einen katastrophalen Fehler. "Ich bitte um Verzeihung für alles, was gestern passiert ist. Das war eine Million Prozent falsch", fügte er hinzu und versprach, die Verantwortlichen zu ermitteln und vor Gericht zu stellen. Anschließend erklärte sich der frühere Luftwaffengeneral bereit, persönlich auf dem Tahrir-Platz zu erscheinen und mit den Demonstranten zu reden.

Sein neuer Innenminister dagegen bestritt weiter, Polizisten in Zivil seien in irgendeiner Weise an dem Blutbad beteiligt. Die Bilder der Demonstranten, die den ganzen Abend über Dutzende Polizeiausweise der Schläger in die TV-Kameras hielten, hatte er offenbar nicht gesehen.