Ägypten Hatz auf Journalisten und Ausländer
Mubarak-Anhänger greifen offenbar gezielt Journalisten an. Das Kräftemessen von Opposition und Regime dauert an. Martin Gehlen berichtet aus Kairo.
Die Zelte sind in Fetzen, Verwundete liegen stöhnend auf dem zertrampelten Rasen. Ein junger Doktor im weißen Kittel und mit Chirurgenhandschuhen desinfiziert vorsichtig ein blutendes Bein. Eine verschleierte Frau kühlt mit einem kleinen Wasserbeutel die geschwollene Wange eines Verletzten. "Weine nicht, weine nicht, du bist ein Held", tröstet Khaled Ghozlan seinen elfjährigen Sohn, dessen Platzwunde am Kopf mit vier Stichen genäht werden musste.
Wasserflaschen, Verbandsfetzen liegen auf einer Mauer. Zwischen Steinen, Scherben und Holzlatten haben junge Ärzte eine Art Notfall-Lazarett aufgebaut. Jeder packt an, wo er kann und bringt, was er hat, um den Verletzten zu helfen. Etwas entfernt telefonieren drei junge Frauen aufgeregt mit ihren Familien. "Zum Glück haben wir den Platz noch unter Kontrolle", sagt eine von ihnen. Noch nie zuvor haben sich in Ägypten so viele Frauen an einer Demonstration beteiligt – junge und alte, verschleierte und unverschleierte. Rund um den Tahrir-Platz sind die Platten der breiten Bürgersteige herausgerissen, liegen Glasscherben, verbrannter Müll und Metallplatten vom Bauzaun des Nile Hilton Hotels, das gerade renoviert wird.
Für diesen Aufruhr will das Regime offensichtlich keine Zeugen. Zahlreiche Journalisten wurden verletzt, ihre Laptops und Kameras gestohlen.Am Donnerstagvormittag begannen Zivilpolizisten, ausländische Journalisten auf dem Tahrir-Platz systematisch festzunehmen. Zwei italienische Fernsehjournalisten wurden von Soldaten aus den Fänger der Schläger befreit. "Die hätten uns totgeschlagen", sagten sie nach ihrer Rettung.
Andere wurden mit gezückten Messern verhaftet und an unbekannte Orte verschleppt. In Alexandria zwangen Regierungssöldner eine amerikanische Fernsehcrew sogar mit gezückter Pistole, ihre Kameras zurück ins Hotel zu bringen. "Zum ersten Mal haben wir hautnah erlebt, was Diktatur bedeutet", sagte die schockierte Korrespondentin später über den Sender, während Abertausende Ausländer in Panik zu den Flughäfen eilen, um sich aus Ägypten ausfliegen zu lassen.
"Wir hassen Amerikaner, fahrt zur Hölle", traktierten junge Schläger am Mittwoch ein amerikanisches Fernsehteam, das auf dem Tahrir-Platz Interviews machen wollte. Eine für die
New York Times
und das ZDF arbeitende Journalistin kam erst nach 20 Stunden Haft in Kairo wieder frei.
In Kairo haben sich die meisten Journalisten inzwischen in den großen Hotels Ramses Hilton sowie Semirais InterContinental verschanzt, von deren Fenstern aus man das Geschehen auf dem Tahrir-Platz beobachten kann. BBC sendet von dem weiter entfernten Novotel nahe der Kairoer Oper.
Kamerateams, die in den vergangenen Tagen noch auf Häusern am Tahrir postiert waren, haben ihre Stellungen in Panik geräumt.
Eine Moderatorin des Staatsfernsehens Nile News zog am Donnerstag ihre Konsequenzen. Sie warf hin, nachdem ihr Chefredakteur sie zum fünften Mal zwingen wollte, die Nachricht "Es ist alles ist ruhig auf den Straßen Kairos" zu verlesen. "Ich wollte einfach nicht mehr weiter lügen" sagte sie.
Gezielt geschürter Ausländerhass – so scheint es – ist inzwischen eine treibende Kraft des Mobs. Seine Schläger verprügeln jeden, der nur irgendwie wie ein Ausländer aussieht. Andere suchen gezielt nach Amerikanern, wie Demonstranten über Twitter berichten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich offenbar unter den Heerscharen Mubaraks das Gerücht, man habe israelische Münzen auf der Straße gefunden. Ausländer hätten Flugblätter gegen den Präsidenten verteilt, und die Amerikaner hätten die Anarchie im Land angezettelt, um Ägypten zu zerstören. In einem Kulturraum, der vollgesogen ist mit Verschwörungstheorien, finden solche absurden Thesen sofort Resonanz.
Gleichzeitig machen die Protestierer weiter. Nach 24 Stunden Chaos, Blutvergießen und Anarchie halten immer noch Tausende auf dem Tahrir-Platz die Stellung, dem Epizentrum des Volksaufstands gegen Hosni Mubarak. Den ganzen Tag rufen sie über Twitter zu Verstärkung und Unterstützung auf. Und die Menschen kommen tatsächlich – bis zum Nachmittag hatten sich nach Berichten der Facebook-Aktivisten wieder 70.000 eingefunden.
"Wir werden Mubarak stürzen – wie auch immer", skandieren sie. Aber auch politisch ist die "Koalition für Änderung" nicht bereit zurückzuweichen, zumal sich im ägyptischen Regime am Donnerstag erstmals tiefe Risse zeigen. Ein Ultimatum des neuen Vizepräsidenten Omar Suleiman, man werde den Dialog mit der Opposition erst aufnehmen, wenn die Proteste aufhören, beantwortete die Führung der Aktivisten mit einem kategorischen Nein und rief für Freitag nach dem Freitagsgebet erneut zu Großdemonstrationen auf.
Gegen Mittag meldete sich Premierminister Ahmed Schafik , seit fünf Tagen im Amt, mit erstaunlichen Sätzen zu Wort. Den Angriff auf die friedlichen Demonstranten nannte er einen katastrophalen Fehler. "Ich bitte um Verzeihung für alles, was gestern passiert ist. Das war eine Million Prozent falsch", fügte er hinzu und versprach, die Verantwortlichen zu ermitteln und vor Gericht zu stellen. Anschließend erklärte sich der frühere Luftwaffengeneral bereit, persönlich auf dem Tahrir-Platz zu erscheinen und mit den Demonstranten zu reden.
Sein neuer Innenminister dagegen bestritt weiter, Polizisten in Zivil seien in irgendeiner Weise an dem Blutbad beteiligt. Die Bilder der Demonstranten, die den ganzen Abend über Dutzende Polizeiausweise der Schläger in die TV-Kameras hielten, hatte er offenbar nicht gesehen.
- Datum 03.02.2011 - 17:22 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
- Kommentare 28
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ist gezielter Terror gegen das eigene Volk.
Er versucht, Unsicherheit zu schüren.
(Ausbruch von Schwestkriminellen aus Gefängnissen, Regimegegner werden ermordet).
Dafür ist ihm jedes Mittel recht.
.
Als "Kollateralschaden" wird der Tourismus einbrechen, die Haupteinnahmequelle Ägyptens.
Ägypten wird zur "no-go area".
... wenn es um die Räumungen der illegalen Siedlungen in Westbank und Ostjerusalem geht.
Da wird es noch viel mehr zum Mitfiebern, sowie den demokratischen Kräften im Volk und dem Rechtsstaat unsere volle moralische Unterstützung zu geben sein...
Sie jedenfalls sind mit "Feensucher" und " Freedomfigther" hier eine ganz tolle Nummer. Fast wie ausgedacht um die moralische Verkommenheit zu spielen und damit humanistische Ideale der übrigen zu schärfen.
Ich hoffe jedenfalls, dass Sie nur ausgedacht sind und nicht echt.
a gutt mensch
Ich kenne nur eine Marie, die wird fünf und hat ihre Pixie Bücher gerade aussortiert..
es ist natürlich schlecht für das Regime, wenn herauskommt, daß es selber die Polizei nach Hause gehen läßt, daß es der Armee Schießbefehl gibt, daß die Armee aber auf Seiten des Volkes steht, daß das Regime die Gefängnisse öffnet und damit zu Plünderungen einlädt, sei es die Bevölkerung oder die Staatsschätze in den Museen, daß die deutsche Botschaft deutsche Soldaten anfordern soll, weil keine Sicherheitskräfte zu Verfügung stehen. Die Bürger müssen sich selber schützen. Von der Regierung geschickte Schlägertrupps sollen eine fríedliche Demonstration zusammenschlagen. Das klingt alles unglaublich. Ein Regime, das nur noch das eigene Land schädigt, hat keine Daseinsberechtigung. Aber sicherlich will Israel dieses Regime halten - aber vorsichtshalber sind die Raketen schon auf Ägypten gerichtet, vorher war es Gaza.
Oder war es da Propagande und hier freie Presse?
Ich würde sagen: Propagande hier wie da. Die Auslandspresse hat sich festgelegt und stellt sich auf die eine Seite. Und damit teilt sie auch das Risiko dieser Seite (Gewalt, bis zu Mord und Todschlag).
Eine Revolution ist kein Sonntagsspaziergang und man sollte froh sein, dass die Toten noch in Dutzenden und nicht in Hunderten oder Tausenden zu zählen sind. Es ist doch vernünftigt das die Armee nicht Partei ergreift und lieber eingeschlagene Köpfe hinnimmt statt den Platz mit Gewalt zu räumen (d. h. die Leute zu erschiessen die da rumrandalieren).
Und was ein Westerwelle oder sonst ein Mensch im Ausland dazu meint, dass ist völlig ohne Bedeutung. Oder würde der deutschen Gesellschaft ein Machtwort aus Ägypten reichen um die Regierung zu wechseln?
Es ist doch wirklich faszinierend welche Glaubwürdigkeit youtube und co bzw. die anonymen Einsteller doch geniessen.
Kann jemand die Bilder verifizieren? Könnten da nicht mit Photoshop, Laserdrucker und Laminiergerät mal schnell neue Ausweise produziert worden sein?
Nein, die Frage stellt sich natürlich nicht. Man glaubt ja, dass die einen die Guten sind, die anderen die Bösen.
.. Menschen, die ich für glaubwürdig und des Arabischen mächtig - z. T. Muttersprachler - halte, haben die Echtheit bestätigt und auch den Text der Ausweise übersetzt, ohne dass dies von irgendwem angezweifelt worden wäre.
.. Menschen, die ich für glaubwürdig und des Arabischen mächtig - z. T. Muttersprachler - halte, haben die Echtheit bestätigt und auch den Text der Ausweise übersetzt, ohne dass dies von irgendwem angezweifelt worden wäre.
Warum erschallt auf einmal der westliche Chor und singet das Lied der Demokratie und Freiheit wieder?
Ist es nicht verständlich, das Jagd auf Ausländer gemacht wird, wenn ein ägyptischer Patriotismus par excellence lanciert wird? Das ist doch der Kitt, der das Land zusammenhält, der die immer wieder genannten, zutiefst gefürchteten, nur am Rande erwähnten "Islamisten" von der Macht entfernt hält. Vielleicht ist es am Schluss dieser Nationalismus, der das Regime an der Macht halten wird, der Stabilität in dieses Land bringt, der diesen Unruhen ein Ende setzt.
Jetzt wollen alle auf einmal Demokratie, allen voran die Politiker von außen. völliger Blödsinn. Das interessiert in Ägypten keine Sau, höchsten ruft es Regimebefürworter auf die Barrikaden, die hierin - und hier stimme ich mitein - eine unberechtigte Einmischung in die Angelegenheiten eines souveränen Staates sehen.
Bei der Lektüre der Kommentare und der Artikel dieser Zeitung fällt immer wieder diese leicht arrogante Belehrsamkeit und Allwissenheit auf, mit denen sich ein jeder zu der Situation äußert. "Demokratie und dann wird alles gut, und viel Glück und viel Erfolg dabei!" im Sinne von: wir winken von der anderen Seite des Flusses, welchen wir schon vor 70 Jahren durchqerten und uns seit dem wohlverdient in der Sonne bräunen. Macht ihr da unten mal, und wir sehen dann weiter.... achso... und demokratisch bitte, gä???!!!
Und immer wieder die Frage: Wer sind wir eigentlich?
"Jetzt wollen alle auf einmal Demokratie, allen voran die Politiker von außen. völliger Blödsinn. Das interessiert in Ägypten keine Sau"
Das ist die zentrale Forderung der Demonstranten, und jeder, der ein wenig die Berichterstattung über die Ereignisse in Ägypten verfolgt, sieht dies klar und deutlich.
Zum zigsten mal: http://english.aljazeera....
"Jetzt wollen alle auf einmal Demokratie, allen voran die Politiker von außen. völliger Blödsinn. Das interessiert in Ägypten keine Sau"
Das ist die zentrale Forderung der Demonstranten, und jeder, der ein wenig die Berichterstattung über die Ereignisse in Ägypten verfolgt, sieht dies klar und deutlich.
Zum zigsten mal: http://english.aljazeera....
da tritt auf einmal ein jeder als Repräsentant eines vereinten, freien Europas auf, und meine, er könne hier seinen Senf dazugeben und noch ein wenig auf die eigenen Politiker hauen.
Diese große Entfernung, und die anscheinende Zugehörigkeit Ägyptens zu einem "Kulturraum, der vollgesogen ist mit Verschwörungstheorien" machen die Sache komplizierter, um sie zumindest ansatzweise in ihrer komplexität zu fassen.
aber dann sind wir doch wieder alle Menschen und wollen frei sein. Anscheinend muss sich bei solchen Berichten immer auch die Frage nach der eigenen Identität in den Vordergrund schieben, reflektiert, oder aber, und das ist meine Meinung: unreflektiert. Die grundlegendste Frage wäre doch:
Was geht mich das an, was geht uns das an?
und weiter: Gibt es nicht genügend andere Medien, die besser berichten können als Zeit, Spiegel und was sonst noch an Wahrheitsstiftungsarmee hier rumrennt. Wieso bestimmen überwiegend ausländische Nachrichten über das anscheinend korrekte VOrgehen der Ereignisse in Ägypten?
Also, würde sowas hier in Deutschland stattfinden, und ich würde mich auf France 1 erzählen lassen müssen, dass mein Land "Scheisse" ist, ich wüsste nicht wie lange da meine Geduldsleine wäre.
Die Frage lautet also: Was maße ich mir eigentlich an, mich hier zu äußern? Und das bitte als kategorischen Imperativ.
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