Scharfschützen feuern auf Demonstranten, die Herrscherclique um Machthaber Muammar al-Gadhafi droht mit weiterer Gewalt, im Osten des Landes sollen Regimegegner die Kontrolle über einige Städte übernommen haben: Die Unruhen in Libyen weiten sich aus – und machen auch vor dem Eigentum ausländischer Unternehmen nicht halt. Dies beunruhigt Regierungen und Firmen gleichermaßen, die ihre Staatsbürger und Mitarbeiter aus dem Land holen wollen.

So schickt die Lufthansa eine Sondermaschine nach Libyen, um Deutsche zurückzutransportieren. Der Airbus A340-600 könne rund 300 Passagiere mit nach Frankfurt bringen, sagte Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow. Die Maschine, die am 11.35 Uhr nach Tripolis starten sollte, wird gegen 19.15 Uhr in Frankfurt zurückerwartet. Normalerweise setzt die Lufthansa auf der Strecke einen A 320 ein, der nur rund 180 Passagieren Platz bietet.

Bereits am Samstag hatte das Ergas- und Erdöltochterunternehmen des deutschen Energiekonzerns RWE, Dea, etwa 40 internationale Mitarbeiter und deren Angehörige aus Libyen abgezogen, darunter auch einige deutsche. Nur noch ein kleines Kernteam sei in Tripolis, sagte ein Sprecher des Unternehmens ZEIT ONLINE.

Die Mitarbeiter sollten die Förderung von Erdöl- und Erdgas im libyschen Sirte-Becken vorbereiten, die das Unternehmen mit dem libyschen Staatsunternehmen National Oil Corporation seit 2003 vorantreibt. Nach den ursprünglichen Plänen sollte die Produktion 2014 oder 2015 beginnen. "Wir gehen davon aus, dass wir unser Geschäft weiter betreiben können", sagte der Sprecher.

Frankreich schickte drei Militärflugzeuge nach Tripolis, um seine Staatsbürger auszufliegen. Nach Angaben des französischen Außenministerium sind derzeit noch 500 bis 550 Franzosen in in dem nordafrikanischen Land.

Auch die Türkei will ihre rund 25.000 Staatsbürger nach Hause holen – allerdings mit Schiffen. Behörden zufolge lasse die prekäre Sicherheitslage die Entsendung von Flugzeugen nicht zu. Deshalb sollen nun zwei Passagierschiffe und zwei Tragflügel-Schnellfähren im Pendelverkehr eingesetzt werden. Erst am Montag hatte eine nach Libyen entsandte Maschine der Fluggesellschaft Turkish Airlines nicht in Bengasi landen können und musste ohne Passagiere in die Türkei zurückkehren.

Die Zahl der türkischen Staatsbürger in Libyen ist wegen des Engagements von rund 200 türkischen Unternehmen in dem Land relativ hoch. Insbesondere türkische Baufirmen haben erhebliche Summen in Libyen investiert und errichten dort Wohnhäuser, Einkaufszentren und Hotels. Bislang seien knapp 1100 Türken aus Libyen zurückgekehrt, sagte Regierungssprecher Cemil Cicek.

Ägypten richtete eine Luftbrücke ein, um Landsleute in die Heimat zu holen. Vom Flughafen Kairo aus startete eine erste zivile Maschine nach Tripolis. Fünf weitere Maschinen der staatlichen Gesellschaft EgyptAir sowie zwei Militärflugzeuge sollten folgen. Vor Beginn der Unruhen waren etwa 1,5 Millionen Ägypter in Libyen, die meisten sind Gastarbeiter. Ägypten hatte auch geplant, ein Flugzeug nach Bengasi zu schicken. Doch auf dem Flughafen, wo auch zahlreiche weitere Ausländer festsitzen, können keine Maschinen mehr landen. Der ägyptische Außenminister Ahmed Abul Gheit sagte nach Angaben des Nachrichtensenders Al-Arabija, die Landebahn sei stark beschädigt. Unklar blieb, wer die Landebahn zerstört hat – die libysche Armee oder Aufständische, die den Truppen dadurch die Nachschubwege abschneiden wollen.

Auch Griechenland reagierte: Ein Frachter aus dem Land lief in den kleinen libyschen Hafen von Ras Lanuf ein, um von dort griechische Bürger abzuholen.

Seit Beginn der Unruhen sind nach Schätzungen der Opposition mehr als 560 Menschen getötet worden. Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete, etwa 1400 Menschen würden noch vermisst.

Zur Lage in der Hauptstadt Tripolis gab es unterschiedliche Angaben. In der Nacht und am Morgen hatten Augenzeugen von Schüssen und Kampfflugzeugen berichtet. Viele Menschen sollen jedoch auch wegen des derzeit heftigen Regens zu Hause geblieben sein. "Ich befinde mich im Osten von Tripolis und kann keine Zusammenstöße erkennen", sagte ein Bewohner der Hauptstadt. Zuvor gab es allerdings schwere Zusammenstöße zwischen Anhängern der Opposition auf der einen sowie Sicherheitskräften und Söldnern auf der anderen Seite.

UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay forderte angesichts der Brutalität der Sicherheitskräfte eine Untersuchung durch eine internationale Kommission. Die libysche Führung könnte angesichts der "systematischen Angriffe auf die Bevölkerung" wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden. Sie rief die libyschen Sicherheitskräfte dazu auf, nicht mit Maschinengewehren, Scharfschützen und Kampfflugzeugen gegen Demonstranten vorzugehen. "Das libysche Volk ist die Korruption, das Zugutekommen des Reichtums nur an Wenige, die Arbeitslosigkeit und die Missachtung ihrer Rechte leid." Die Demonstranten seien deshalb auch nicht zum Schweigen zu bringen.

Ein Ingenieur schilderte der türkischen Tageszeitung Radikal unterdessen die dramatische Lage von etwa 3500 Türken, die in einem Sportstadion in der libyschen Stadt Bengasi auf Rettung warten. Die Türken seien unter Kontrolle einer Miliz der Aufständischen, sagte der Mann in einem Telefongespräch.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) drohte der libyschen Staatsführung mit Sanktionen, falls die Gewalt gegen Demonstranten nicht sofort beendet wird. Nach Angaben aus Regierungskreisen in Berlin wird unter anderem an ein Einreiseverbot für Mitglieder der Familie Gadhafis sowie an das Einfrieren von Vermögenswerten der libyschen Regierung im Ausland gedacht. Westerwelle empfahl allen Deutschen, die noch in Libyen sind, die sofortige Ausreise. Dazu seien eine Sondermaschine der Lufthansa sowie zwei Transall-Militärtransporter der Bundeswehr nach Tripolis unterwegs.