Erstmals seit Beginn der Unruhen in seinem Land hat sich Libyens Machthaber Muammar al-Gadhafi an sein Volk gewandt. In einem wirren TV-Auftritt, der nach Angaben des staatlichen Senders "live" aus dessen Residenz gesendet wurde, machte er deutlich, dass er noch in Tripolis und nicht in Venezuela sei. Damit trat er Spekulationen entgegen, wonach er das Land bereits verlassen haben soll.

Darüber hinaus sagte Gadhafi nicht viel. Er trug während der nur 22 Sekunden langen Aufnahme einen Regenschirm in der Hand. Er saß dabei in einem alten Auto und murmelte leise vor sich hin. Schließlich stieg er ganz ins Auto ein, um nach eigenen Angaben "die Jugend auf dem Grünen Platz" zu besuchen. 

Auf dem zentralen Platz in Tripolis sollen wie auf vielen anderen Plätzen und Straßen der Hauptstadt erneut Menschen gegen das Regime des selbsternannten Revolutionsführers protestiert haben. Die Sicherheitskräfte gingen dabei mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Dem arabischen Sender Al Jazeera zufolge hätten Soldaten aus Maschinengewehren das Feuer auf die Menge eröffnet. Dabei sollen allein am Montag mehr als 150 Menschen getötet worden sein.

Die Berichte von Augenzeugen, wonach Kampfflugzeuge mehrere Orte in Tripolis bombardiert und Demonstranten angegriffen hätten, wies Gadhafis Sohn zurück. Die Streitkräfte hätten Munitionslager bombardiert, die weit außerhalb bewohnter Stadtgebiete lägen, zitierte das staatliche Fernsehen aus einer Erklärung von Saif al-Islam Gadhafi.

"Ich wollte mit den jungen Leuten auf dem Grünen Platz reden und mit ihnen die Nacht verbringen, doch dann kam der gute Regen. Hiermit zeige ich: Ich bin in Tripolis und nicht in Venezuela. Hört nicht auf die Ansagen der streunenden Hunde!"
Gadhafis Erklärung im Wortlaut

Allerdings sind im Herrschaftsapparat Gadhafis, der das nordafrikanische Land seit gut 42 Jahren regiert, erste Absetzbewegungen zu beobachten. Zunächst hatten libysche UN-Diplomaten in New York an die Armee appelliert, den "Tyrannen" zu stürzen. Nun soll nach Angaben des Senders Al Arabija eine Gruppe von Offizieren alle Armeeangehörigen aufgefordert haben, sich "dem Volk anzuschließen" und Gadhafi zu entmachten. Zudem trat der Justizminister aus Protest gegen die "exzessive Anwendung von Gewalt" von seinem Amt zurück.

Offenbar sind die Versuche, die Proteste blutig niederzuschlagen, gescheitert: Die Unruhen weiteten sich weiter aus. Mehrere Städte vor allem im Osten des Landes sollen inzwischen unter Kontrolle der Regierungsgegner stehen. In der zweitgrößten Stadt Bengasi sollen ganze Militäreinheiten desertiert sein, wie die in Paris ansässige Internationale Menschenrechtsföderation berichtet. 

Die Propagandamaschine des Regimes allerdings funktioniert weiterhin reibungslos. So strahlte das Staatsfernsehen in der Nacht "Geständnisse" von zwei Tunesiern aus, die angeblich die Demonstranten in Libyen aufgewiegelt hatten. Einer der Männer sagte, er habe dafür Geld erhalten, der andere erklärte, er habe den Organisatoren der Proteste umsonst geholfen.

Im Ausland nimmt die Empörung über die zügellose Gewalt gegen die Demonstranten weiter zu. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief den Sicherheitsrat zu einer Krisensitzung zusammen. Er habe selbst 40 Minuten lang am Telefon mit Gadhafi gesprochen, sagte Ban. Dabei habe er den Machthaber aufgefordert, die Gewalt zu beenden sowie die Rechte der Demonstranten zu respektieren. Ban zeigte sich "schockiert" über Berichte über die Gewalt gegen die Opposition. Sollten die Informationen zutreffen, stellten derartige Angriffe eine "ernste Verletzung der internationalen Menschenrechte" dar. 

Auch US-Außenministerin Hillary Clinton forderte die libysche Führung auf, das "nicht hinnehmbare Blutvergießen" sofort zu beenden. "Die Welt beobachtet beunruhigt die Lage in Libyen." Die Regierung Gadhafis müsse die Rechte des Volks respektieren, "Rede- und Versammlungsfreiheit eingeschlossen". Washington arbeite "intensiv mit seinen Partnern weltweit daran, diese Botschaft der libyschen Regierung klarzumachen."

Fast alle EU-Staaten raten ihren Bürgern inzwischen von Reisen nach Libyen ab. Mehr und mehr Länder planen zudem die Evakuierung von Staatsbürgern aus dem nordafrikanischen Land. Ausländische Unternehmen ziehen bereits Personal aus Libyen ab.