Die Zahl der Getreuen des libyschen Staatschefs Muammar al-Gadhafi schrumpft offenbar mit jedem Tag. Am Samstag kontrollierten seine Truppen nur noch wenige größere Städte. Neben der Hauptstadt Tripolis waren dies unter anderem Gadames, Sebha und Gadhafis Heimatstadt Sirte. Al Jazeera berichtet, dass Regimegegner auch bereits Teile der Hauptstadt besetzt haben. Außerdem sollen sich immer mehr Soldaten den Protesten anschließen. In einem Video ist zu sehen, wie Demonstranten in der Stadt Zawiya desertierte Soldaten auf den Schultern tragen.  

Nach der Gewalt und dem Blutvergießen vom Freitag herrscht in der libyschen Hauptstadt Tripolis angespannte Ruhe. Geschäfte und Banken blieben auch am Samstag geschlossen. Auch in den Schulen fiel entgegen einer offiziellen Ankündigung der Unterricht aus.

Gadhafis Sicherheitskräfte müssen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mit internationaler Strafverfolgung rechnen. Die Kommandeure und Mitglieder der libyschen Sicherheitskräfte sowie alle ausländischen Kämpfer könnten nach internationalem Recht wegen des ungesetzlichen Einsatzes von Gewalt und Schusswaffen bestraft werden, sagte die Organisation Human Rights Watch. Demnach müssen nicht nur diejenigen, die Verbrechen begangen haben, mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen, sondern auch die Befehlsgeber.

Jeder Polizist, Soldat und ausländischer Kämpfer sollte gewarnt sein, heißt es. "Es gibt keine Immunität, selbst wenn Ihr auf Befehl handelt. Ihr habt die Pflicht, ungesetzlichen Befehlen den Gehorsam zu verweigern", appelliert die Menschenrechtsorganisation an Gadhafis Einheiten. Der Guardian berichtet, dass Großbritannien offenbar ranghohe Gefolgsleute Gadhafis direkt kontaktierten, um sie zum Desertieren zu bewegen.

In der Stadt Sawija, die auf dem Weg zur Grenze liegt, hätten regierungstreue Soldaten ein Blutbad und Chaos angerichtet, berichtete Human Rights Watch. Demnach feuerten Sicherheitskräfte auf Demonstranten. Darüber hinaus terrorisierten Milizen ägyptische Gastarbeiter. Hunderte versuchten, zu fliehen und sich in Tunesien in Sicherheit zu bringen. Regimetreue Sicherheitskräfte die Bevölkerung ein. Ein Ägypter berichtete, dass Soldaten von Haus zu Haus gegangen seien und auf Eingangstüren gefeuert hätten, damit die Menschen ihre Häuser nicht verließen. Viele Bewohner hätten keine Lebensmittelvorräte mehr.

Die vielen Fotobeweise für das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten wollen Gadhafis Sicherheitskräfte offenbar vernichten. Tausende Ausreisewillige müssen an der Grenze zu Tunesien ihre Mobiltelefone sowie die Speicherkarten von Fotoapparaten abgeben, sagte ein Augenzeuge der Nachrichtenagentur dpa. Die Grenze werde durch libysche Sicherheitskräfte sowie "afrikanische Söldner" gesichert. Auf der 250 Kilometer langen Strecke von Tripolis bis zur tunesischen Grenze gibt es nach Berichten von Augenzeugen inzwischen rund 30 Kontrollpunkte.

Beobachter in Tripolis halten es für möglich, dass sich der Gadhafi-Clan in der Hauptstadt verbarrikadiert. Der Staatschef kann in erster Linie auf die ihm treu ergebene, knapp 3000 Mann starke Präsidentengarde zählen, die mit modernsten Waffen ausgerüstet und bestens ausgebildet ist. Das übrige Militär in Libyen gilt nach amerikanischer Einschätzung als schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Im Vergleich zum Waffenarsenal sei die Zahl der Soldaten relativ klein. Darüber hinaus fehle es an ausreichend Personal, um moderne Waffensysteme zu bedienen. Ein Großteil der Waffenbestände sei außerdem schlecht gewartet, heißt es in einem Bericht der Forschungsstelle des US-Kongresses.

Die Streitkräfte bestehen den Angaben zufolge aus 119.000 Mann; darunter 50.000 Soldaten in der regulären Armee und etwa 3000 Mann in Spezialeinheiten. Das Verhältnis zwischen Waffen und Militärpersonal sei militärisch absurd. Die Waffenkäufe in der Vergangenheit seien chaotisch erfolgt. Es habe auch kein klares Konzept für eine Militärstrategie gegeben.