Organisiertes Verbrechen Roberto Saviano: "Die Mafia ist noch lange nicht besiegt"

Seit 2006 lebt der italienische Autor unter Polizeischutz, nachdem die Camorra ihm mehrfach Morddrohungen schickte. Im Video-Interview mit ZEIT ONLINE spricht Saviano über die momentane Stärke der Mafia, über Parallelen seiner Arbeit zu Wikileaks und über seine persönlichen Träume.

Roberto Saviano, der mit seinem Bestseller "Gomorrha" über die Praktiken der neapolitanischen Camorra bekannt wurde, hält die italienische Mafia weiterhin für ausgesprochen stark. Auch die Reihe polizeilicher Erfolge in jüngster Zeit ändere daran nichts: "Wir sind noch weit davon entfernt, diese kriminellen Organisationen zu bekämpfen, die immer mehr auch auf europäischer und internationaler Ebene an Bedeutung gewinnen."

Deutschland ist nach Einschätzung von Saviano neben Spanien das EU-Land mit der dichtesten Mafia-Präsenz nach Italien. Gerade in Ostdeutschland habe die Mafia seit dem Fall der Mauer erhebliche Summen in scheinbar legale Geschäftsfelder investiert. 

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Ich habe das Gefühl, dass wir ein wenig auf dem gleichen Weg sind.

Roberto Saviano über Wikileaks

Mit Blick auf Wikileaks sieht Saviano Parallelen zu seiner Arbeit als investigativer Autor.  Allerdings sei Julian Assange noch einen Schritt weitergegangen, was die Offenlegung von Machtstrukturen angehe. Das Erzählen durch Dokumente, wie es Wikileaks demonstriere, sei "wunderschön". Angst vor Wikileaks habe die Mafia derzeit zwar nicht. Dies könne sich aber ändern, wenn die Organisation, wie angekündigt, auch Transaktionen von Schweizer Banken und Daten von Steuerhinterziehern publiziere.

Roberto Saviano

Der Journalist und Autor Roberto Saviano wurde 1979 in Neapel geboren. Nach seinem Philosophiestudium arbeitete Saviano u.a. für "Il Manifesto" und "L'Espresso".  Sein erstes Buch "Gomorrha", in dem Saviano die Praktiken des organisierten Verbrechens schildert und die enge Verzahnung mit Wirtschaft und Politik beschreibt, wurde ein Bestseller und für das Kino von Regisseur Matteo Garrone verfilmt.  Bereits kurz nach der Veröffentlichung von "Gomorrha" erhielt Saviano Morddrohungen der Mafia und lebt aufgrund dessen seit Herbst 2006 an häufig wechselnden Orten unter Personenschutz. Für sein Buch "Das Gegenteil von Tod" wurde Saviano 2009 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Camorra

In Neapel und der Region Kampanien sind über 200 Familienclans der Camorra aktiv. Mit Drogen- und Waffenhandel, illegaler Müllentsorgung, Schutzgelderpressung und Aktivitäten im Bau- und Modegewerbe werden jährlich Milliardenbeträge umgesetzt. Wie die Cosa Nostra und die ’Ndrangheta operiert auch die Camorra längst nicht mehr nur in ihrem angestammten Gebiet in Süditalien, sondern wird in einer Reihe von EU-Staaten aktiv - etwa, um illegale Gelder in scheinbar legale Geschäftsfelder zu reinvestieren.

 Angesprochen auf seine persönlichen Träume für die kommenden Jahre, sieht sich Saviano in seiner Heimat Italien leben, "als freier Mensch zusammen mit meiner Familie". Im Moment sei für ihn Freiheit aber nur in einem anderen Land vorstellbar falls ihn überhaupt eines aufnehmen wolle. Er sei eine "unbequeme Persönlichkeit", schon allein aufgrund der hohen Kosten für seinen Personenschutz. Mit Blick auf Italiens umstrittenen Regierungschef Silvio Berlusconi zeigt sich Saviano überzeugt, dass dieser in einigen Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Er hoffe allerdings darauf, dass dann "nichts Schlimmeres an seine Stelle" treten werde, so Saviano weiter. 

 
Leser-Kommentare
    • Swim
    • 16.02.2011 um 12:12 Uhr

    Dieser Mann macht mit seiner Arbeit einen wichtigen Schritt.
    Die Einstellung des gewöhnlichen Bürgers zu diesem Thema ist ausschlaggebend für die Existenz der Mafia.
    Hätten die Menschen nicht Angst davor, sich gegen die Mafia zu stellen, sondern würden rigoros Menschen, die in der Verbindung mit der Mafia stehen verraten und [...], so gäbe es in meinen Augen bald keinen Grund mehr Angst vor diesen menschenverachtenden Organisationen zu haben.
    Ich hoffe dieser Mann erreicht viele Menschen, damit sich der Gedanke im Volk festsetzt, dass man sich gegen so etwas wehren kann, und, wenn man keine Gnade zeigt, solch einer Machtstruktur nicht machtlos entgegen steht, sondern sie vernichten kann.
    Bereitet diesen Parasiten endlich ein Ende und beendet ihre Existenz, damit unser Wohlstand nicht von diesen Verbrechern geraubt wird und all die ehrliche Arbeit, die verrichtet wird, auch die verdienten Früchte trägt.

    Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als das Goutieren von Gewalt verstanden werden. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leser-Empfehlung
  1. ...zu Savianos Ausführungen :

    http://www.badische-zeitu...

    http://www.spiegel.de/pan...

    http://www.kanka.de/auror...

    Aktivitäten in Stuttgart:
    http://www.nerinagatti.co...

    http://www.taz.de/1/polit...

    http://www.stern.de/panor...

    http://www.malitalia.it/2010/04/germania-monaco-di-baviera-11-arrestati-presunti-affiliati-della-‘ndrangheta/

    http://www.politicamentec...

    Kalabrien-Mafia und Atomhandel:
    http://www.news.at/articl...

    http://en.wikipedia.org/w...

    http://www.noseweek.co.za...

    http://www.malitalia.it/2010/04/germania-monaco-di-baviera-11-arrestati-presunti-affiliati-della-‘ndrangheta/

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    Buchtipp:
    SWISS CONNECTION von Gian Trepp:
    „In jahrelanger Arbeit haben Gian Trepp und der italienische Journalist Paolo Fusi ... die geheimen Kanäle rekonstruiert, durch welche die Milliarden aus Korruption, Drogenhandel, Steuerhinterziehung und illegalem Geschäft durch die Schweiz abfließen.“ (Unionsverlag)
    http://www.unionsverlag.c...

  2. 3. Zensur

    Zensur

    Anti-Mafia-Autoren wie Petra Reski, Jürgen Roth und Francesco Forgione bekommen zunehmend juristische Schwierigkeiten in Deutschland und müssen ganze Passagen in ihren Büchern schwärzen. So darf Forgiones "Mafia Export" momentan nicht mehr verkauft werden, es soll eine zensierte Neuauflage erscheinen. Der interessierte Leser muß also auf fremdsprachige oder antiquarisch angebotene Exemplare ausweichen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • essilu
    • 17.02.2011 um 19:24 Uhr

    ...LuluCalla.
    Es ist die Ausweitung der "Angstzone", die einen so erschrecken lässt. Umso wichtiger ist es, kritisch zu sein und sich ernsthaft und so gründlich wie möglich zu informieren.
    Aber nicht nur das. Es ist auch immens wichtig, das "Risiko" einzugehen, zu sprechen und sich den Mund nicht zensieren zu lassen. Schon im Freundes- und Bekanntenkreis kann man damit beginnen. Man wird oft auf Abwehr stossen. Das sind die Mauern der Angst.
    Danke für Ihren Kommentar

    • essilu
    • 17.02.2011 um 19:27 Uhr

    Roberto Saviano zeigt uns, wie wichtig es ist, sich nicht "totschweigen" zu lassen.

    • essilu
    • 17.02.2011 um 19:24 Uhr

    ...LuluCalla.
    Es ist die Ausweitung der "Angstzone", die einen so erschrecken lässt. Umso wichtiger ist es, kritisch zu sein und sich ernsthaft und so gründlich wie möglich zu informieren.
    Aber nicht nur das. Es ist auch immens wichtig, das "Risiko" einzugehen, zu sprechen und sich den Mund nicht zensieren zu lassen. Schon im Freundes- und Bekanntenkreis kann man damit beginnen. Man wird oft auf Abwehr stossen. Das sind die Mauern der Angst.
    Danke für Ihren Kommentar

    • essilu
    • 17.02.2011 um 19:27 Uhr

    Roberto Saviano zeigt uns, wie wichtig es ist, sich nicht "totschweigen" zu lassen.

  3. Es bewegt mich sehr, mit welchem Mut und welcher inneren Stärke Roberto Saviano und seine Mitstreiter den Kampf führen! Ich bin so froh, dass es nicht nur diese mittelmäßigen Schweine gibt, wie sie eben Berlusconi darstellt, auch wenn es leider viel zu viele gibt, die schweigen und mit all dem nix zu tun haben möchten (weil sie sich schämen, ihn gewählt zu haben?!). Ich habe auch die Hoffnung, dass es irgendwann zu einer Wende der Werte kommt - damit sich endlich nachhaltig etwas ändern kann! @Lulu Calla: danke für die guten Tips! Die Proteste der Frauen in Italien gehen hoffentlich weiter - das ist ein guter Anfang und der nächste Prozess bringt hoffentlich mehr, als die bisherigen! Die Mafia ist brutal und ermordet Menschen jeden Tag - überall und überall wird immer noch zu oft weggesehen und genau das ist sehr, sehr gefährlich auf Dauer! Tanti saluti!

    • essilu
    • 17.02.2011 um 19:24 Uhr

    ...LuluCalla.
    Es ist die Ausweitung der "Angstzone", die einen so erschrecken lässt. Umso wichtiger ist es, kritisch zu sein und sich ernsthaft und so gründlich wie möglich zu informieren.
    Aber nicht nur das. Es ist auch immens wichtig, das "Risiko" einzugehen, zu sprechen und sich den Mund nicht zensieren zu lassen. Schon im Freundes- und Bekanntenkreis kann man damit beginnen. Man wird oft auf Abwehr stossen. Das sind die Mauern der Angst.
    Danke für Ihren Kommentar

    Antwort auf "Zensur"
    • essilu
    • 17.02.2011 um 19:27 Uhr

    Roberto Saviano zeigt uns, wie wichtig es ist, sich nicht "totschweigen" zu lassen.

    Antwort auf "Zensur"
    • Nero11
    • 03.06.2011 um 18:38 Uhr

    Mann sieht ihm aber sehr an, wie sehr er unter Druck steht und wie sehr es ihm zusetzt.

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