Alles ist still auf der Straße vor dem syrischen Parlament. Mehrere Dutzend Sicherheitsbeamte in Zivilkleidung laufen vor dem hohen, hellgelben Gebäude auf und ab. Sonst regt sich nichts. Hier sollten nach dem Freitagsgebet eigentlich Tausende von Demonstranten zusammenströmen. So hatten es Regimegegner im Internet angekündigt. Doch bis zum Nachmittag gab es nirgendwo in Syrien Anzeichen für Protest. Keine Spur von Menschenmassen, Bannern oder Plakaten.

Die Aktivisten hatten zu einem "Tag des Zorns" in mehreren Städten des Landes aufgerufen. Die Facebook-Gruppe "Syrian Revolution 2011" zum Beispiel verlangt das Ende von "Korruption und Tyrannei". Bis Freitagnachmittag fanden die Forderungen die virtuelle Zustimmung von fast 15.000 Internetnutzern. Doch die meisten von ihnen leben wohl nicht in Syrien.

"Diese Leute haben keine Ahnung von der Wirklichkeit in diesem Land", sagt der Damaszener Regimekritiker und politische Autor Yassin Haj Saleh. "Sie wollten die Proteste in Ägypten und Tunesien imitieren, doch sie wissen nicht, womit wir es hier zu tun haben." Er verbrachte 16 Jahre seines Lebens im Gefängnis, weil er sich für demokratische Veränderungen eingesetzt hatte. "Die Mauer der Angst ist in Syrien noch viel höher als in Ägypten", sagt er, "vielleicht ist sie höher als irgendwo sonst auf der Welt."

So verwundert es nicht, dass niemand in Syrien dem Aufruf der Cyber-Aktivisten folgte. Das Regime um Präsident Baschar al-Assad reagierte dennoch mit einem drastischen Schritt: Seit den frühen Morgenstunden war das Internet in Syrien vollständig abgeschaltet. Schon im Vorfeld zeigte der Staat zunehmend Zeichen der Nervosität. Immer wieder stellten Internet-Nutzer eine massive Verlangsamung des Netzes fest; ein Regimekritiker wurde noch am Freitagmorgen festgenommen.

Seit 48 Jahren herrscht in Syrien die Baath-Partei, deren Sicherheitsdienste das Land eisern unter Kontrolle halten. Zahllose Geheimpolizisten bespitzeln die Bevölkerung, immer wieder verschwinden Oppositionelle in den Gefängnissen. Trotzdem könne kein Machthaber in der arabischen Welt sich derzeit sicher fühlen, meint Peter Harling, Projektleiter der International Crisis Group in Damaskus: "Die Situation in allen Staaten der Region ist so zerbrechlich, dass ein einziger Vorfall eine Kettenreaktion auslösen kann, die schwer zu kontrollieren sein dürfte."

Bereits in den vergangenen Tagen haben die Behörden deutlich gemacht, dass auf den Straßen Syriens keine Aufstände geduldet werden: Als sich am Mittwochabend eine kleine Gruppe Aktivisten zu einer Mahnwache vor der ägyptischen Botschaft versammelte, gingen Regimeanhänger mit Schlagstöcken auf sie los. "Einer sagte: 'Baschar al-Assad ist unser Präsident, habt ihr ein Problem damit?' Dann fingen sie an, auf uns einzuschlagen", schildert die syrische Menschenrechtlerin Zuheir Atassi in einem Bericht. "Die Polizei hat zugesehen. Denn es war klar, dass das Sicherheitsbeamte waren." Stattdessen nahmen die Polizisten sie und einige andere Aktivisten vorübergehend fest.

Gleichzeitig versucht Präsident Baschar al-Assad offenbar, möglichen politischen Druck mit einer Reihe von Zugeständnissen zu zerstreuen: Die Proteste in Tunesien und Ägypten hätten eine "neue Ära" im Nahen Osten eingeleitet, sagte er dem Wall Street Journal in einem seltenen Interview. Die Staatsführer der Region würden künftig mehr tun müssen, um den Bedürfnissen ihrer Bürger entgegenzukommen. Er kündigte einige politische Reformen an, Kommunalwahlen in diesem Jahr, mehr Freiraum für Nicht-Regierungs-Organisationen und ein neues Mediengesetz. Seine Regierung hatte bereits zuvor eine Erhöhung der Subventionen von Heizöl bekannt gegeben.