Im Nordwesten Tunesiens hat die Polizei auf eine aufgebrachte Menge geschossen und dabei nach Angaben des Innenministeriums zwei Menschen getötet und 17 weitere verletzt. Ein Lokaljournalist und Gewerkschaftsvertreter berichteten, dass zwei weitere Menschen auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben seien. Offiziell bestätigt wurde dies allerdings nicht.

Wie die tunesische Nachrichtenagentur Tap berichtete, gingen am gestrigen Abend mehrere Hundert Menschen in der Stadt Kef auf die Straße und forderten die Entlassung des dortigen Polizeichefs Khaled Ghazouani. Augenzeugen sagten dem staatlichen tunesischen Fernsehen, Auslöser der Unruhen sei eine Ohrfeige gewesen, die der Polizeichef einer Frau verpasst habe. Als Einwohner der Stadt daraufhin Jagd auf Ghazouani machten, zog dieser nach Angaben eines Gewerkschaftsvertreters seine Waffe und schoss auf seine Verfolger. Zwei Menschen seien sofort gestorben, zwei weitere später ihren Verletzungen erlegen.

Nach Angaben des Ministerium warf die Menschenmenge Steine und kleine Brandbomben auf die Polizeiwache. Weiterhin setzten die Protestierenden demnach zwei Fahrzeuge in Brand, darunter ein Polizeiauto. Die Beamten hätten zunächst Tränengas eingesetzt und Warnschüsse abgegeben, um die Menge zu zerstreuen. Erst dann sei auf die Menschen geschossen worden, hieß es in der Mitteilung des Ministeriums.

Einen weiteren Toten gab es in der Stadt Kébili. Laut Tap hatte ein Gruppe Jugendlicher versucht, eine örtliche Polizeistation sowie den Gouverneurspalast niederzubrennen. Ein Demonstrant wurde dabei durch eine Tränengasgranate der Polizei am Kopf getroffen und starb, vier weitere wurden verletzt.

Bei dem Volksaufstand in dem nordafrikanischen Land im Januar waren nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 147 Menschen getötet und 510 verletzt worden. Präsident Sein al-Abidin Ben Ali war nach den Protesten geflohen. Tunesien ist Vorbild für andere Anti-Regierungs-Proteste, insbesondere in Ägypten.

Die Übergangsregierung unter Interimspremier Mohamed Ghannouchi leitete nach Bekanntwerden der neuen Krawalle erste Schritte zur Auflösung der RCD-Partei des gestürzten Ben Ali in die Wege. Das Innenministerium gab die Schließung aller RCD-Büros bekannt. Versammlungen von deren Mitgliedern sind künftig verboten. Das Ministerium begründete den Schritt mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.

Bereits Mitte dieser Woche hatte Ghannouchi die Bevölkerung zur Rückkehr an die Arbeitsplätze aufgerufen. Damit soll ein Zusammenbruch der Wirtschaft verhindert werden. Viele Tunesier waren zuletzt aus Angst vor Gewalt oder Übergriffen zu Hause geblieben.