Nicht einmal zwei Monate ist es her, dass Millionen Ägypter über den verhassten Präsidenten Hosni Mubarak triumphierten . Einen bedeutenden Beitrag zum Sturz des Regimes leistete damals die beim Volk sehr populäre Armee. Während Polizei und Geheimdienste mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten vorgingen, signalisierten die Streitkräfte früh, dass sie keine Gewalt anwenden würden. Nach dem Sturz übernahm sie die Regierungs- und Polizeigewalt – vorübergehend und um den Übergang sicherzustellen.

Zahlreiche Berichte aus Kairo stellen allerdings die idealisierte Rolle der Armee infrage. Die Streitkräfte scheinen "die Nase voll von Unruhe" zu haben, schreibt die New York Times . Das Blatt berichtet von einer Protestveranstaltung auf dem Tahrir-Platz am 9. März, bei der Hunderte gegen eine von der Übergangsverwaltung vorgeschlagene Verfassungsänderung demonstrierten.

Die Armee nahm 190 Demonstranten fest. In den vergangenen Wochen war bekannt geworden, dass Schlägertrupps viele Protestler unter den Augen der Armee brutal verprügelt hätten. Dutzende Festgenommene hätten anschließend tagelang auf Militärprozesse gewartet, ohne das Recht auf einen eigenen Anwalt, berichtet CNN . Die Armee hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.

Nun wandten sich auch 19 der verhafteten Frauen mit schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit. Die New York Times gibt die Aussage der 20-jährige Friseurin Salwa al-Hussini Gouda wieder: Vor dem Nationalmuseum seien Demonstrantinnen an Metallstäbe gefesselt, geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt worden. Danach hätten Soldaten sie in einem Militärgefängnis einem "Jungfräulichkeitstest" unterzogen. Den unverheirateten Demonstrantinnen sei eine Anklage wegen Prostitution angedroht worden. Alle Frauen seien einige Tage nach dieser Folter wieder freigelassen worden, einige erhielten Haftstrafen auf Bewährung, berichtet Amnesty International. 

Das scheint kein Einzelfall zu sein. Viele Aktivisten säßen noch immer in Haft, zitiert die New York Times die Menschenrechtsanwältin Ragia Omran. Sie schätzt die Zahl derer, die noch immer in Militärgefängnissen sitzen, auf etwa 1.000. Einige seien bereits in Schnellprozessen vor Militärtribunalen ohne frei gewählten Anwalt zu fünfjährigen Haftstrafen verurteilt worden. "Die Armee hat ein Interesse an einem stabilen Übergang", sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour. "Aber sie kann nicht der Garant der Demokratie sein."

Neun ägyptische Menschenrechtsgruppen haben kürzlich einen Appell veröffentlicht. "Das Verbrechen geht weiter", schrieben sie. "Die Militärregierung schuldet der ägyptischen Bevölkerung eine Entschuldigung." Die aber scheint öffentliche Meinungsäußerungen weiter als gefährlichen Unruheherd zu betrachten. Vor wenigen Tagen beschloss die Regierung ein Gesetz , nach dem Demonstrationsteilnehmern eine Geld- oder Gefängnisstrafe droht, wenn die Proteste das Funktionieren von öffentlichen Institutionen oder privaten Unternehmen beeinträchtigen – eine weit auslegbare Variable.

Justizminister al-Gendy begründete das partielle Demonstrationsverbot mit wirtschaftlichen Argumenten. Touristen und Investoren blieben aus, wenn es keine Sicherheit auf den Straßen gebe. Die Protestbewegung reagierte harsch: Die Entscheidung sei ein weiterer Beleg dafür, dass es eine politische Bewegung gebe, die jeder wirklichen Demokratie gegenüberstünde.