Husarenstück eines Reporters – oder journalistische Grenzüberschreitung? Nach Informationen von ZEIT ONLINE hat ein Fernsehteam im Auftrag des TV-Senders RTL Flüchtlinge aus Tunesien auf der Überfahrt mit einem Boot nach Italien begleitet. Der Reporter und sein Kameramann erreichten die Insel Lampedusa auf einem vollkommen überfüllten Fischkutter mit etwa 350 weiteren Flüchtlingen.

Das etwa 30 Meter lange Boot war eines der größten, das sich seit der Revolution in Tunesien auf den Weg gemacht hatte. Es war das erste, das nach einer Woche ohne Ankunft neuer Flüchtlinge in der Nacht zu Mittwoch die nahe Tunesien gelegene Insel erreichte. Der Kutter durchfuhr dabei einen schweren Sturm und brauchte mit 48 Stunden weit länger, als die Menschen an Bord erwartet hatten. Boote der italienischen Küstenwache, die sonst Flüchtlingsschiffe bereits weit draußen auf dem Meer nach Lampedusa eskortieren, blieben wegen der hohen Wellen im Hafen – "viel zu gefährlich", sagte der lokale Kommandant der Guarda di Finanzia, der kein Verständnis für den Wagemut der Journalisten zeigte: "Sie haben sich ohne Not in Lebensgefahr gebracht."

Die beiden Reporter hatten nach eigenen Angaben zuvor in Tunesien mehrere Tage recherchiert und entsprechende Kontakte geknüpft, um auf ein derartiges Boot zu gelangen. Doch gratis war der Transfer nicht zu haben. "Für die Überfahrt zahlten die beiden Journalisten wie alle Flüchtlinge auch Geld", sagte ein Sprecher von RTL. Schilderungen von Flüchtlingen, das Team habe  Schleppern insgesamt 10.000 Euro für die Fahrt gegeben, wiesen die Reporter im Gespräch mit ZEIT ONLINE zurück. Sie hätten "deutlich weniger bezahlt", bestätigte RTL. Laut Informationen von geflüchteten Tunesiern und italienischen Polizisten bezahlen Mitreisende etwa 1000 Euro für eine derartige Überfahrt. 

Italienische Polizeibeamte verhörten die Reporter. RTL sagte, es habe "zwei Gespräche" gegeben. Die Information, dass die Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Menschenschmuggel einleitete, wies der Sender als falsch zurück. Direkt nach der Ankunft gegen zwei Uhr in der Nacht wurden die Journalisten in einem schwarzen Mercedes an den übrigen Flüchtlingen vorbei aus dem Hafen von Lampedusa chauffiert und kurz darauf frei gelassen. Der Reporter habe der Polizei eine etwa 90 Minuten lange Zusammenfassung der rund zehn Stunden Rohmaterial zur Verfügung gestellt, sagte der RTL-Sprecher. Die Tunesier kamen in ein Aufnahmelager, das sie bis zum Weiterflug nach Sizilien nicht verlassen durften.

Der Fall wirft nun Fragen nach der Arbeitsweise des Senders auf: Haben die Journalisten durch ihre Unterstützung die Flucht auf einem derart großen Boot möglich gemacht – und damit Strukturen der organisierten Kriminalität unterstützt, die laut EU-Grenzschutzbehörde hinter diesen Fahrten stecken? Und wären die Mitarbeiter, nicht aber die übrigen Flüchtlinge, von ihrem Auftraggeber gerettet worden, wenn sie in Seenot geraten wären?

Der RTL-Sprecher sagte, der Reporter sei seit zehn Jahren fester freier Mitarbeiter des RTL-Magazins Extra und "immer wieder investigativ tätig" gewesen. Der Sender habe von den Recherchen von Anfang an gewusst, der Reporter habe die einwöchigen Vorbereitungen am Ort in enger Absprache mit der Redaktion getroffen. "Immer wieder wurden dabei auch mögliche Gefahren erörtert", sagte der Sprecher.