Mitreisen im Flüchtlingsboot Boulevardsender im Bündnis mit den Schleusern
RTL hat Flüchtlinge auf hoher See mit der Kamera begleitet und Schlepper dafür bezahlt. Die Kooperation mit den Kriminellen stößt auf Kritik.
© Roberto Salomon/AFP/Getty Images

Auf diesem Boot kamen die Flüchtlinge am 2. März auf Lampedusa an
Husarenstück eines Reporters – oder journalistische Grenzüberschreitung? Nach Informationen von ZEIT ONLINE hat ein Fernsehteam im Auftrag des TV-Senders RTL Flüchtlinge aus Tunesien auf der Überfahrt mit einem Boot nach Italien begleitet. Der Reporter und sein Kameramann erreichten die Insel Lampedusa auf einem vollkommen überfüllten Fischkutter mit etwa 350 weiteren Flüchtlingen.
Das etwa 30 Meter lange Boot war eines der größten, das sich seit der Revolution in Tunesien auf den Weg gemacht hatte. Es war das erste, das nach einer Woche ohne Ankunft neuer Flüchtlinge in der Nacht zu Mittwoch die nahe Tunesien gelegene Insel erreichte. Der Kutter durchfuhr dabei einen schweren Sturm und brauchte mit 48 Stunden weit länger, als die Menschen an Bord erwartet hatten. Boote der italienischen Küstenwache, die sonst Flüchtlingsschiffe bereits weit draußen auf dem Meer nach Lampedusa eskortieren, blieben wegen der hohen Wellen im Hafen – "viel zu gefährlich", sagte der lokale Kommandant der Guarda di Finanzia, der kein Verständnis für den Wagemut der Journalisten zeigte: "Sie haben sich ohne Not in Lebensgefahr gebracht."
Die beiden Reporter hatten nach eigenen Angaben zuvor in Tunesien mehrere Tage recherchiert und entsprechende Kontakte geknüpft, um auf ein derartiges Boot zu gelangen. Doch gratis war der Transfer nicht zu haben. "Für die Überfahrt zahlten die beiden Journalisten wie alle Flüchtlinge auch Geld", sagte ein Sprecher von RTL. Schilderungen von Flüchtlingen, das Team habe Schleppern insgesamt 10.000 Euro für die Fahrt gegeben, wiesen die Reporter im Gespräch mit ZEIT ONLINE zurück. Sie hätten "deutlich weniger bezahlt", bestätigte RTL. Laut Informationen von geflüchteten Tunesiern und italienischen Polizisten bezahlen Mitreisende etwa 1000 Euro für eine derartige Überfahrt.
Italienische Polizeibeamte verhörten die Reporter. RTL sagte, es habe "zwei Gespräche" gegeben. Die Information, dass die Polizei ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Menschenschmuggel einleitete, wies der Sender als falsch zurück. Direkt nach der Ankunft gegen zwei Uhr in der Nacht wurden die Journalisten in einem schwarzen Mercedes an den übrigen Flüchtlingen vorbei aus dem Hafen von Lampedusa chauffiert und kurz darauf frei gelassen. Der Reporter habe der Polizei eine etwa 90 Minuten lange Zusammenfassung der rund zehn Stunden Rohmaterial zur Verfügung gestellt, sagte der RTL-Sprecher. Die Tunesier kamen in ein Aufnahmelager, das sie bis zum Weiterflug nach Sizilien nicht verlassen durften.
Der Fall wirft nun Fragen nach der Arbeitsweise des Senders auf: Haben die Journalisten durch ihre Unterstützung die Flucht auf einem derart großen Boot möglich gemacht – und damit Strukturen der organisierten Kriminalität unterstützt, die laut EU-Grenzschutzbehörde hinter diesen Fahrten stecken? Und wären die Mitarbeiter, nicht aber die übrigen Flüchtlinge, von ihrem Auftraggeber gerettet worden, wenn sie in Seenot geraten wären?
Der RTL-Sprecher sagte, der Reporter sei seit zehn Jahren fester freier Mitarbeiter des RTL-Magazins Extra und "immer wieder investigativ tätig" gewesen. Der Sender habe von den Recherchen von Anfang an gewusst, der Reporter habe die einwöchigen Vorbereitungen am Ort in enger Absprache mit der Redaktion getroffen. "Immer wieder wurden dabei auch mögliche Gefahren erörtert", sagte der Sprecher.
Reporter und Kameramann hätten sich hochseetaugliche Schwimmwesten besorgt und mit an Bord genommen. Nach einer letzten Abwägung des Risikos habe sich der Mann entschieden, die Überfahrt journalistisch zu begleiten. Die Redaktion habe "mit dem großen Vertrauen in die Erfahrung des Reporters" zugestimmt, wohl wissend, dass journalistische Recherchen "gerade in Krisenregionen immer ein gewisses Maß an Gefahr bergen". Am Montagabend soll der Beitrag im Fernsehen zu sehen sein.
Unter Journalisten stößt das Vorgehen des Senders und seines Mitarbeiters auf Kritik. "Dass von RTL Geld an illegale Schleuser gezahlt worden ist, ist hochproblematisch", sagte Thomas Leif, Vorsitzender der Journalistenorganisation Netzwerk Recherche, ZEIT ONLINE. "Wenn man sich in die Hände von Kriminellen begibt, ist eine freie Berichterstattung de facto ausgeschlossen, weil in jedem Fall die Schleuser die Spielregeln der Berichterstattung bestimmen."
Leif bezweifelt, dass die Sicherheit des Teams gewährleistet war. "Ob zwei Schwimmwesten ausreichen, damit RTL angesichts der drohenden Gefahr seiner Fürsorgepflicht erfüllt, müsste man im Einzelnen prüfen", sagte er. "Gern wird von den Sendern in solchen Fällen die alleinige Verantwortung an die freien Produktionsteams verlagert."
Der italienischen Polizei Drehmaterial zu überlassen, ist für Leif inakzeptabel. "Als Hilfspolizist zu agieren, gehört nicht zum Berufsbild des Journalisten", kritisierte er. Mit dem Vorgehen von Sender und Reporter für diese Recherche sieht er eine sensible Grenze berührt. "Die Kooperation mit kriminellen Schleusern ist eine journalistische Hochriskoentscheidung."
- Datum 04.03.2011 - 19:01 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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.für so rare Informationen aus erster Hand lohnt sich das Wagnis. Und wenn die Schlepper die 1000 € nicht von den Journalisten erhalten hätten, dann vom nächsten Flüchtling.
warum nimmt ein reporter den platz eines fluechtlings weg?
warum nimmt ein reporter den platz eines fluechtlings weg?
"Kooperation mit den Kriminellen stößt auf Kritik."
Ja hoffentlich!
das schlimme ist dass diese leute auch noch einfluss haben!
wie wiederlich!
>Reporter und Kameramann hätten sich hochseetaugliche Schwimmwesten besorgt
Was für eine Augenwischerei. Selbst mit einem eigenen EPIRB-Sender ersäuft man da draussen dann eben noch unter Bekanntgabe des Standortes. Mal ganz abgesehen davon, dass es sehr gefährlich ist, bei extremem Wellengang mit einem Schiff mal eben einen Kringel zu fahren, um Leute aufzupicken: Weshalb sollten Schleuser im Zweifel so etwas tun?
Vielleicht hätten die Journalisten Leute in Tarifa fragen sollen, die sich mit sowas auskennen - weil sie nämlich schon zahllose Flüchtlingsleichen haben antreiben sehen.
>Der italienischen Polizei Drehmaterial zu überlassen
Klar, die Schlepper finanziert man, dafür bekommt die Polizei Spitzeldienstmaterial: "investigativ" bekommt da einen ganz anderen Klang...
Und was die "raren Infos aus 1. Hand" des ersten Postings betrifft: Kotzende flüchtlinge kann man vorher interviewen oder danach. Das peinliche Versteckspielchen an Bord eines der sichersten Schiffe, die je dort unterwegs waren, ist schon sprechend: Wir trauen uns was, in der Flüchtlings-Luxusklasse.
Na, da haben die ja jetzt was zu erzählen, was sie für tolle Hechte sind.
Die Gefahren wurden vom Reporter in Kauf genommen. Es ist sein Leben und seine Entscheidung ob es das wert ist. Für mich ist das kein Ansatzpunkt für Kritik.
Dass das Geld an Schlepper geht schon eher. Allerdings bekommen die das Geld ohnehin vom nächsten. Es mag moralisch zweifelhaft sein, aber pragmatisch gesehen macht es keinen Unterschied, ob das Geld von RTL kommt oder von jemand anderen. Dem Schlepper wird's egal sein.
Und wenn dabei aus erster Hand gezeigt wird, unter welchen schrecklichen Bedingungen Menschen die Reise Richtung "Festung Europa", denke ich, dass es das wert sein könnte. Vielleicht sieht der ein oder andere die "Illegalen" und das "Gesindel" so mit etwas anderen Augen und begreift, dass es jenseits unseres gemütlichen Wohnzimmersessels viel zu vielen Mensch ziemlich dreckig geht - um es zu untertreiben.
Ich kann Ihr Argument nachvollziehen, dass das Geld vom nächsten Flüchtling gekommen wäre, wenn RTL nicht den Platz auf dem Boot besetzt hätte. Aber für mich ist es eine Frage der Berufsehre, nicht an Kriminelle zu zahlen. Objektiv berichten lässt sich nur, wenn kein anderer die Regeln bestimmt.(wie ja auch bei der Frage des embedded journalism bereits diskutiert wurde)
Man kann sich allerdings die Frage stellen ob es überhaupt eine Notwendigkeit gibt, die "schrecklichen Bedingungen aus erster Hand" zu zeigen. Oder hatten sie bislang ernsthaft angenommen, die Flüchtlinge würden mit der Queen Mary übersetzen?
"wenn RTL nicht zahlt, dann eben der nächste Flüchtling"-tolles Prinzip, klingt etwa wie: Ich steh im Bus nicht für die alte Dame auf, es wird schon jemand anders machen oder: Ich geh nicht wählen, meine Stimme zählt verglichen zur großen Masse ja eh nichts.
Und kein Mensch auf seiner Wohnzimmercouch braucht eine reißerische RTLReportage um zu erkennen, dass es Elend auf der Welt gibt.
Es geht doch nur darum etwas noch brutaleres, noch ekelerregenderes, noch schockierenderes zu finden, am besten irgendwelche Flüchtlingsleichen vor die Linse zu kriegen, weil der Durchschnittsdeutsche völlig abgehärtet ist gegenüber von Horrornews, sich aber weiterhin gruseln möchte und sich so nen Scheiß dann auch noch reinzieht.
Ich kann Ihr Argument nachvollziehen, dass das Geld vom nächsten Flüchtling gekommen wäre, wenn RTL nicht den Platz auf dem Boot besetzt hätte. Aber für mich ist es eine Frage der Berufsehre, nicht an Kriminelle zu zahlen. Objektiv berichten lässt sich nur, wenn kein anderer die Regeln bestimmt.(wie ja auch bei der Frage des embedded journalism bereits diskutiert wurde)
Man kann sich allerdings die Frage stellen ob es überhaupt eine Notwendigkeit gibt, die "schrecklichen Bedingungen aus erster Hand" zu zeigen. Oder hatten sie bislang ernsthaft angenommen, die Flüchtlinge würden mit der Queen Mary übersetzen?
"wenn RTL nicht zahlt, dann eben der nächste Flüchtling"-tolles Prinzip, klingt etwa wie: Ich steh im Bus nicht für die alte Dame auf, es wird schon jemand anders machen oder: Ich geh nicht wählen, meine Stimme zählt verglichen zur großen Masse ja eh nichts.
Und kein Mensch auf seiner Wohnzimmercouch braucht eine reißerische RTLReportage um zu erkennen, dass es Elend auf der Welt gibt.
Es geht doch nur darum etwas noch brutaleres, noch ekelerregenderes, noch schockierenderes zu finden, am besten irgendwelche Flüchtlingsleichen vor die Linse zu kriegen, weil der Durchschnittsdeutsche völlig abgehärtet ist gegenüber von Horrornews, sich aber weiterhin gruseln möchte und sich so nen Scheiß dann auch noch reinzieht.
auf die Spitze getrieben. Alles für die Quote. Ekelhaft.
Willkommen in Rom, das Volk möchte Blut sehen und zahlt dafür jeden Preis.
Das ist es, was mir zuerst eingefallen ist. Eigentlich eine bittere Wahrheit, denn eine Veröffentlichung solcher Videos impliziert ja auch ein Interesse daran, welches vom Zuschauer ausgeht...
Und dasselbe trifft ja auch auf BILD zu, es ist nur wirklich eher schlimm, wieviel Unterstützung diese Medien erst bekommen.
Das ist doch die bittere Wahrheit darüber!
Jungle Camp oder Big Brother oder Bündnis mit den Schleusern? Es ist eine Frage Niveaus. Ich habe nichts anderes erwartet.
Das paßt nicht. Gladiatorenkämpfe wurden für das Publikum veranstaltet. Die Schlepperbanden agieren nicht für Publikum. Sondern im Verborgenen.
Jungle Camp oder Big Brother oder Bündnis mit den Schleusern? Es ist eine Frage Niveaus. Ich habe nichts anderes erwartet.
Das paßt nicht. Gladiatorenkämpfe wurden für das Publikum veranstaltet. Die Schlepperbanden agieren nicht für Publikum. Sondern im Verborgenen.
Wollen sie uns an Flüchtlingsströme gewöhnen, von Leuten die mächtig Geld in der Tasche haben?
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