Libyen Wie Gadhafi seinen größten Gegner empfing
Abdul Ghoga ist Chef der Übergangsregierung der Aufständischen. Kurz vor der Revolte kam es zu einem denkwürdigen Treffen zwischen Gadhafis Gegenspieler und dem Diktator.
© Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Die Fahne der Aufständischen weht auf dem Justizpalast in Bengasi
Nur für einen Augenblick steckt Abdul Hakim Ghoga seinen Kopf aus der Tür. Der Rechtsanwalt aus Bengasi ist das neue Gesicht der Revolution und inzwischen der wichtigste Gegenspieler zu Muammar al-Gadhafi. Er steht an der Spitze des vor vier Tagen gegründeten Nationalen Übergangsrates, den die aufständischen Städte Libyens gebildet haben.
Seit den frühen Morgenstunden tagt das Gremium auch heute wieder im Justizpalast von Bengasi. Als provisorische Übergangsregierung lenkt es die Geschicke im Osten des Landes. Bis zum Abend gönnt sich der Kreis kaum eine Pause – vor allem die Angst vor militärischen Gegenangriffen des Regimes macht der neuen Führung Sorgen. Bislang lehnt ihr Sprecher Ghoga jedoch jede ausländische Intervention strikt ab. "Wir werden Tripolis und alle anderen Städte selbst befreien – mit Hilfe unserer Armee, die auf der Seite des Volkes steht", erklärte er. "Das Volk wird seine Revolution aus eigener Kraft vollenden". Und dann werde auch Tripolis mit dazugehören. "Wir denken nicht eine Minute darüber nach, unser Land in Ost und West zu teilen."
Der eloquente Rechtsanwalt hat sich während der vergangenen sechs Jahre in Bengasi einen Namen gemacht: als Vorsitzender der Anwaltskammer und als Verteidiger politischer Gefangener. Von den Machthabern ließ er sich nie den Mund verbieten, was ihm in der Stadt Ansehen und Respekt verschaffte – sogar bei lokalen Größen des Regimes. Anwaltskollegen schildern ihn als einen integren und ehrlichen Mann mit großem Charisma. Im Umgang mit Gadhafis Regime habe er sich nie kompromittiert, sagen sie. Und sie schätzen ihn als politischen Vordenker, der Perspektiven für Libyens Weg in eine demokratische Zukunft entwickeln kann.
Es ist noch gar nicht solange her, dass sich Abdul Hakim Ghoga und der Despot Gadhafi zum ersten Mal begegneten. Elf Tage vor Beginn des Aufstands, am 6. Februar, einem Sonntag, ließ der Diktator ihn abends zusammen mit drei weiteren Juristen aus Bengasi in sein Zelt in Tripolis holen. Die Flugtickets allerdings mussten alle aus eigener Tasche bezahlen. Tunesiens Ben Ali war zu diesem Zeitpunkt bereits im saudischen Exil, Ägyptens Hosni Mubarak wehrte sich noch gegen seinen Sturz, bevor er fünf Tage später aufgab.
"Die Diener reichten Kamelmilch und grünen Tee – dann erschien Gadhafi mit seiner Entourage", erinnert sich der junge Anwalt Medhi Kashbur, ebenfalls Mitglied der kleinen Delegation. Sieben Sperren musste die Gruppe auf dem Weg zu Gadhafis "Fünf-Sterne-Zelt" passieren, das zusätzlich mit Zäunen gesichert im Nasser-Wald nahe der Flughafenstraße von Tripolis liegt. Fünf offene Feuerstellen habe Gadhafis luftige Wohnstätte, überall stehen Telefone und Computer herum. Neunzig Minuten dauerte die merkwürdige Audienz bei dem Despoten, der flankiert war von seinem engsten Getreuen Abdullah Sanussi.
"Ihr seid jetzt also auch mit den Facebook-Kids zusammen", habe der Diktator herablassend das Gespräch eröffnet – und sich sofort in einen zwanzigminütigen Monolog über die Rolle der Volksräte in der "Großen Sozialistischen libysch-arabischen Volksrepublik" verloren. Ben Ali und Hosni Mubarak hätten ihr Schicksal verdient, weil sie nicht auf ihr Volk hörten und ihre Söhne als Nachfolger durchsetzen wollten. "Sagt das den Menschen, erklärt ihnen das", redete er auf seine Besucher ein.
Doch die ließen sich nicht ablenken. Sie forderten in ihrer Gegenrede Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine Verfassung. Die junge Generation wolle stärker einbezogen werden in die Entwicklung ihres Landes. Sie brauche Wohnungen, eine gute Ausbildung und Arbeitsplätze. Gadhafi habe verwundert reagiert. Anders als sonst üblich habe er nicht ständig arrogant in die Luft gestarrt, sondern intensiv zugehört. Trotzdem wischte er ihre Forderungen am Ende vom Tisch. "Alles, was das Volk braucht, ist Essen und Trinken", sagte er. Niemand in Libyen sei scharf auf derartigen Freiheiten, solche intellektuellen Diskussionen seien nicht gefragt.
Auch als Abdul Hakim Ghoga als Sprecher der Gruppe nachsetzte und erklärte, das Volk in den Straßen Libyens koche vor Wut, gab sich Gadhafi unbeeindruckt. In Libyen herrsche allein das Volk – alles andere führe zu Tod und Verderben, sagte er. "Er hat uns nicht gedroht, zeigte aber auch keinerlei Reaktion – weder verbal noch in der Körpersprache", berichtet der 31-jährige Medhi Kashbur. Stattdessen habe sich Gadhafi entspannt und aufgeräumt gegeben, bisweilen auch breit gegrinst.
Nach anderthalb Stunden schließlich entließ der selbst ernannte "Bruder Führer" das Quartett aus Bengasi mit leeren Händen. Schweigend ließen sie sich von einem der Fahrer ins Stadtzentrum kutschieren und an einem kleinen Restaurant absetzen. "Dort haben wir beschlossen, den 17. Februar zum 'Tag des Zorns' auszurufen" – den fünften Jahrestag des Massakers von Bengasi im Jahre 2006.
- Datum 02.03.2011 - 19:51 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 17
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Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen und konstruktiven Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag
Ob er sein Verhalten in diesem denkwürdigen Meeting inzwischen reflektiert hat?
Und zum Schluß gekommen ist , sich mehr als dumm angestellt zu haben?
??
"Was braucht das Volk schon außer Brot und Wasser..."
:-OO
Eine Antwort:
Es braucht die Befreiung von einem Despoten..
Ist doch ganz einfach...
Als ob er nicht selber darauf kommen könnte...
:-OO
Gruß Max Stockhaus
Ich werde angesichts des Medienhypes immer skeptischer. Ghadafi war für mich immer ein verrückter Narr. Ich habe allerdings in den letzten Jahrzehnten so viele offensichtlich gesteuerte Medienkampagnen erlebt, daß ich solche mittlerweile erkenne. Manches, was in den Medien steht, paßt einfach nicht zusammen. So auch der Inhalt dieses Artikels. Da lädt ein zugegeben völlig närrischer Autokrat kurz vor der Revolte einen Oppositionsführer zum Meinungsaustausch ein und läßt ihn anschließend nicht nur entkommen, nein er gestattet sogar, daß der Oppositionsführer per Dienstkraftwagen wieder in der Stadt abgesetzt wird.? Derselbe Mann der seine Feinde in Betonkellern schlachtet ?. Da werden Berichte über Opferzahlen kolportiert die man glauben kann oder auch nicht ? Bloß kann ich mich anläßlich der Revolution in Rumänien 1989 an in unseren Medien genannten Opferzahlen erinnern, die in die Zehntausende gingen und die sich dann später als reine Phantastereien entpuppten. Desgleichen übrigens im Jugoslawienkrieg.
Ich werde angesichts des Medienhypes immer skeptischer. Ghadafi war für mich immer ein verrückter Narr. Ich habe allerdings in den letzten Jahrzehnten so viele offensichtlich gesteuerte Medienkampagnen erlebt, daß ich solche mittlerweile erkenne. Manches, was in den Medien steht, paßt einfach nicht zusammen. So auch der Inhalt dieses Artikels. Da lädt ein zugegeben völlig närrischer Autokrat kurz vor der Revolte einen Oppositionsführer zum Meinungsaustausch ein und läßt ihn anschließend nicht nur entkommen, nein er gestattet sogar, daß der Oppositionsführer per Dienstkraftwagen wieder in der Stadt abgesetzt wird.? Derselbe Mann der seine Feinde in Betonkellern schlachtet ?. Da werden Berichte über Opferzahlen kolportiert die man glauben kann oder auch nicht ? Bloß kann ich mich anläßlich der Revolution in Rumänien 1989 an in unseren Medien genannten Opferzahlen erinnern, die in die Zehntausende gingen und die sich dann später als reine Phantastereien entpuppten. Desgleichen übrigens im Jugoslawienkrieg.
tatsächlich so stattgefunden hat und Gadhafi womöglich einiges völlig anders gesagt hat? Natürlich wird die Berichterstattung von einem Gadhafi-Gegner zu seinem Vorteil ausgelegt. Und die alle glauben brav was er berichtet....
Und wer garantiert Ihnen, dass Sie existieren?
Na, diese Frage wäre noch zu nahe an der Realität für jemanden, der es nicht einmal hinbekommt, sich zu der einfachen kognitiven Leistung durchzuringen, anzuerkennen, dass in einem Staat Menschen von der amtierenden Regierung niedergeschossen werden, weil sie ihre fundamentalen Menschenrechte einfordern.
Das ist menschlich arm... sorry...
[zensiert das, wenn es euch nicht passt - ich liebe euch trotzdem]
Entfernt. Bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
Und wer garantiert Ihnen, dass Sie existieren?
Na, diese Frage wäre noch zu nahe an der Realität für jemanden, der es nicht einmal hinbekommt, sich zu der einfachen kognitiven Leistung durchzuringen, anzuerkennen, dass in einem Staat Menschen von der amtierenden Regierung niedergeschossen werden, weil sie ihre fundamentalen Menschenrechte einfordern.
Das ist menschlich arm... sorry...
[zensiert das, wenn es euch nicht passt - ich liebe euch trotzdem]
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Ich habe auch mit Olof Palme 1984 in Stralsund geredet.
Komme ich jetzt auch in die Zeitung "Die Zeit"?
Bitte!!
Danke
Wolfram Weiß
"...Sie forderten in ihrer Gegenrede Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine Verfassung. Die junge Generation wolle stärker einbezogen werden in die Entwicklung ihres Landes. Sie brauche Wohnungen, eine gute Ausbildung und Arbeitsplätze." Ich meine, das dieses Fieber, die Freiheit, nicht wirklich aufgehalten werden kann. In ihr ist nichts böses, Gaddafi hat nichts ebenbürtiges und im Gegensatz zu 1977 schaut heute der ganze Globus in Echtzeit zu, und ziemlich viele Araber . Gaddafi ist zu alt, um den jungen ein Idol zu sein, wie überall auf dem Globus führt nicht er sie in die Welt in dem Bildschirm sondern sie ihn. Sie können hineingehen, er nicht. Es sind andere, neue Werte, er muss das akzeptieren, sonst isoliert er die Jugend seines Landes und verhindert ihre Zukunft. Sie MUSS frei sein! Er soll aus dem Weg gehen oder will er ihnen die Italiener sein?
Keine Ahnung, wie authentisch diese Geschichte ist, doch von anderen Medien, wie gestern im Spiegel hörte ich auch schon von diesem Anwalt, aber dort nur über seine Rolle in Bengasi...
Ich bin froh, dass wir hier auch solch recht frische Nachrichten bekommen, und nicht nur noch von den Abgängen von Medienlieblingen bombardiert werden - und ausser recht frischen, aber deswegen wohl auch etwas unsicheren Berichten und Analysen von neuen Kontaktmännern werden wir wohl aus dem bis vor kurzem so verammelten land wohl nichts bekommen! Ich zumindest, konnte bisher recht wenig aus der Ecke dort mitbekommen, drum danke an die Reporter, die nun von dort berichten!
in ein kritisches Licht rücken dürfen.
in ein kritisches Licht rücken dürfen.
Wie wäre es eigentlich mit einer Quellenangebe zu diesen Informationen? Ihr wusstet das ja bisher nicht. Und vor Wochen wurde ja mal angedeutet, Die Zeit würde über alle Dokumente verfügen. Wo sind denn die ganzen Artikel? Ich bin gespannt auf die Geschichte, wann eine Merkel oder ein Hinterhofer vom umfassenden Betrug wussten. Nämlich ganz zu beginn.
Und wer garantiert Ihnen, dass Sie existieren?
Na, diese Frage wäre noch zu nahe an der Realität für jemanden, der es nicht einmal hinbekommt, sich zu der einfachen kognitiven Leistung durchzuringen, anzuerkennen, dass in einem Staat Menschen von der amtierenden Regierung niedergeschossen werden, weil sie ihre fundamentalen Menschenrechte einfordern.
Das ist menschlich arm... sorry...
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