Erdbeben-Katastrophe : Geheimniskrämerei kann sich Japan nicht erlauben

Die japanische Regierung halte Informationen über die Atomunfälle zurück, heißt es derzeit immer wieder. Dafür gibt es keine Belege. Und es ist unwahrscheinlich. Ein Gastbeitrag
Arbeiter im Kontrollraum des Kernkraftwerks Monju, dem einzigen schnellen Brüter Japans. © JIJI PRESS/AFP/Getty Image

Japan ist ein rohstoffarmes Land und setzt deshalb trotz der besonderen Empfindlichkeit gegenüber Nukleartechnologie wegen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki auf die friedliche Nutzung der Kernenergie. Das letzte Kohlebergwerk schloss 2002, und auch davor war das Land in großem Maße von Energieimport abhängig. Alle fossilen Brennstoffe werden importiert, auch Uran für die Kernkraftwerke. Nur durch Wiederaufbereitung kann die Abhängigkeit reduziert werden.

Florian Coulmas

Florian Coulmas ist Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo.

Nach den beiden Ölkrisen 1970 und 1973 wurde der Ausbau von Atomkraftwerken verstärkt vorangetrieben. Bis vor dem Beben deckten 54 Atomreaktoren 25 Prozent des Elektrizitätsbedarfs. Bereits 1967 hatte sich Japan per Gesetz darauf festgelegt, Technologien für einen geschlossenen Brennstoffkreislauf zu entwickeln, um die Importabhängigkeit der Energieversorgung zu verringern. Das bedeutet, dass Japan im Unterschied zu anderen Ländern weiterhin Forschung für Schnelle Brüter (SBR) betreibt. Dieser Reaktortyp könnte das Land bei reibungslosem Funktionieren autark und sogar zu einem Energieexporteur machen.

Der Prototypreaktor Monju mit einer Kapazität von 280 MW nahm 1994 den Betrieb auf. Nach nur knapp fünf Monaten kam es durch ein Natriumleck im Kühlsystem zu einem Brand. Dass die zuständigen Behörden die Öffentlichkeit nicht über die näheren Umstände unterrichteten, erregte viel Argwohn und Unmut. Monju wurde stillgelegt und nahm erst 15 Jahre später 2010 den Betrieb versuchsmäßig wieder auf.

© ZEIT ONLINE

Für die Informationspolitik im Zusammenhang mit Störfällen an Kernkraftwerken war das eine Lehre. Diesbezüglich ist man heute sehr empfindlich, und die Medien sind aufmerksamer, als es in der derzeitigen Berichterstattung im Ausland den Anschein hat.

Man kann davon ausgehen, dass die Vorgänge an den Reaktoren in Fukushima auch in Japan die Diskussion über die Sicherheit von Kernkraftwerken neu beleben wird. Noch ist sie nicht in Gang gekommen, weil sich alle geistige Energie auf die Bewältigung der Katastrophe konzentriert.

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Geheimniskrämerei kann sich Japan nicht erlauben?

Es ist offensichtlich eine Frage der Perspektive.

Angesichts der selbst für Laien offenssichtlichen Ungereimtheiten muss ich mich doch sehr über diesen - gelinde gesagt - naiven Gastbeitrag wundern. Führe ich mir allein diese zweite Reaktorexplosion vor Augen, die ganz offensichtlich und optisch erkennbar anderer Natur war, als die erste – und ziehe die Information hinzu, dass in diesem Reaktor das Ultratoxische Mox-Plutoniumgemisch Verwendung fand, bedarf es keiner Phantasie viele Gründe zu finden, warum Abwiegeln, Halb-und Fehlinformation, Hinhalten und Geheimniskrämerei geradezu als Gebot der Stunde für die Verantwortlichen scheint.

Schließlich ist eine Massenpanik im Ballungsraum Tokio das letzte was man braucht. Was aber, wenn schlimmste Vermutungen wahr werden?

Japan muß auch an die Zukunft denken u. auf Atomkraft verzichten

Windstrom und PV können die Atomtechnik ausgleichen.
Zu Zeiten von zuviel Windstrom u. PV-Strom muß dieser in Methan gespeichert werden.
Mittels Strom wird dazu zuerst Wasserstoff/H2 erzeugt das dann mit CO2 zu Erdgas=Methan umgewandelt wird. Auch Japan hat wie Dtl dafür genügend Speicher.

Stimmen diese Zahlen wirklich???

Wenn 54 Atomkraftwerke nur 25 % der benötigten Energie in Japan liefern, dann scheint mir das ein unverhältnismäßiges Risiko für einen so kleinen Anteil des Bedarfs.

25% sollte doch ein Wert sein, der sich in einem so hoch entwickelten Land auch schlicht "einsparen" ließe, indem alle Einwohner die Kühlschränke und Klimaanlagen ein paar Grad herunterdrehen, ihre Handies mit kleinen Sonnenkollektoren aufladen und in weniger durchelektrisierten Wohnungen leben.

Japanische AKWs und Windkraftwerke

Für Japan wurde spezielle WKA entwickelt: Es gibt dafür die J (Japanese)-Class Wind Turbine“-Richtlinie.

Leider wird die Windkraft in Japan politisch behindert. Dafür dient die 60m Höhenbeschränkung.

Etwas höhere Kosten entstehn durch die schwierige Infrastruktur im Gebirge. Im Vergleich zum GAU ist das aber wirklich zu vernachlässigen.

Also tun Sie nicht so großspurig, welche "Freude" die Japaner mit ihren AKWs haben sieht man ja jetzt wieder einmal.

Widersinnig

"Was letztere betrifft, kann es sich die Regierung noch aus einem weiteren Grund nicht leisten, nicht alle Karten auf den Tisch zu legen"

Genauso könnte man andersherum argumentieren, dass doch gerade deswegen mögliche Ausmaße unterschlagen werden.
Daher sehe ich das als wenig stichhaltig an.

Denken und Glauben.

Mag sein, dass Sie das denken. Wenn Sie sich aber mal die Mühe machen, eine der entsprechenden Pressekonferenzen der Regierung zu verfolgen (und nicht nur in englischer Übersetzung, wo sich immer wieder haarsträubende Fehler einschleichen), kämen Sie vielleicht zu wissensbasierten Erkenntnissen. Ich habe jedenfalls noch nicht bemerkt, dass die japanische Regierung das wahre Ausmaß herunterspielt. Man muss auch mal so fair sein zu akzeptieren, dass im Falle einer solchen Katastrophe auch die Nachrichtenflüsse nicht so laufen wie gewohnt.

Na ja, ich höre mir

Herrn Edano im Original an, und er hat z.B. gestern oder vorgestern nicht davon gesprochen, welche weiteren Reaktoren außer 1 und 3 noch betroffen sind. Plötzlich steht auf NHK-Online jedoch, Reaktor Nr. 2 ist wohl vollständig trockengefallen ist und die Brennstäbe überhaupt nicht mehr gekühlt werden.
TEPCO hat leider die Regierung schon einmal nach Strich und Faden hintergangen und Herr Coulmas (bitte den Autor wenigstens richtig schreiben) gibt mir eigentlich wenig konkrete Gründe, warum die früher üblichen Verschleierungen jetzt nunmehr aufgehört haben sollen. Außerdem, warum sind den TEPCO-Bulletins denn dann weiter im blumigen Stil "Wir können die Möglichkeit einer Kernschmelze nicht ausschliessen"
oder Explosionen als "Freisetzung weißen Rauchs" überschrieben?
Wir sollten da ganz realistisch unterscheiden zwischen vorsichtiger Sprachwahl, die eine öffentliche Panik völlig zu Recht vermeiden will und den leider sehr üblichen Beschönigungen und Verheimlichungen, durch die sich die japanische Nuklearindsutrie bisher auszeichnete.
Im Augenblick dürfen wir wohl in erster Linie auf die Gesetze der Physik hoffen, dass sich die Nachzerfallswärme eines Reaktors auf jeden Fall innerhalb einiger Tage und Wochen abbaut. Ist halt die Frage, ob sich ein bis ein paar dutzend ungekühlte Megawatt doch durch das Contaiment fressen.