Der Alltag geht weiter, trotz der Schäden, die das Erdbeben hinterließ © Koki Nagahama/Getty Images

Die Schreckensnachrichten aus der nordjapanischen Region Tohoku, die auf mehr als 400 Kilometern von der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe betroffen ist, reißen nicht ab. Hunderttausende Menschen können in den Notunterkünften kaum versorgt werden. Zugleich droht radioaktive Verseuchung. Die weithin zerstörte Infrastruktur macht es den Rettungskräften sehr schwer, zu helfen. Ständig schütteln starke Nachbeben den Norden sowie den Osten des Landes mit der Metropole Tokyo, wo sich ein Viertel der japanischen Bevölkerung drängt.

Doch wie ist die Lage in den nicht direkt betroffenen Teilen des 2000 Kilometer langen Inselreiches? Wie fühlen sich die Menschen angesichts der grausamen Fernsehbilder? Fürchten sie um ihre Sicherheit? Japaner aus Nord-, Zentral- und Südjapan berichten von ihrem Alltag nach dem schwärzesten Tag der neueren japanischen Geschichte.

Kuroishi, 320 Kilometer von Fukushima entfernt

320 Kilometer von Fukushima entfernt lebt der 71-jährige Tetsuo Mikami in Kuroishi in der nordjapanischen Präfektur Aomori. Mit der 160 Kilometer entfernten Stadt Miyako, die der Tsunami stark zerstörte, verbindet seinen Ort eine Städtepartnerschaft. „Jedes Jahr besuchen wir uns gegenseitig“, erzählt der Rentner. Jetzt schicke seine Stadt Lieferwagen mit Reis und Miso-Paste sowie Äpfeln und Apfelsaft – letztere die Spezialität der Region – an die Sanriku-Küste.

Die Sorge um die Opfer prägt die Gedanken der Menschen, doch das Geschehen im Atomkraftwerk von Fukushima „ist zur Zeit immer die erste Nachricht“, erzählt Tetsuo Mikami. Befürchtet er ein zweites Tschernobyl? „Ich habe natürlich Angst, aber ich denke nicht, dass dort etwas Ähnliches wie in der Ukraine passieren wird. Dennoch sollte man über die Nutzung der Kernenergie noch einmal neu nachdenken.“ Aller Schreckensnachrichten zum Trotz bleibt er ruhig: „Wir leben nun einmal in einem Land, in dem es viele Erdbeben gibt.“ Gegen manche Dinge könnte man einfach nichts tun - eine Haltung, für die es im Japanischen ein Wort gibt („shoganai“) und die viele seiner Landsleute teilen. Bei allem Unglück komme es nun darauf an, positiv zu denken, findet Tetsuo Mikami: „Wir Japaner sind stark, wir lassen uns davon nicht unterkriegen!“

Hikone, 470 Kilometer von Fukushima entfernt

Kahoko Konishi, verheiratet mit einem protestantischen Pfarrer und Mutter von zwei Kindern, lebt in der zentraljapanischen Stadt Hikone in der Präfektur Shiga, 470 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt. „Um ehrlich zu sein – unser tägliches Leben hier hat sich kaum verändert. Nur im Supermarkt sind Fertignudelgerichte und Klopapier ausverkauft.“ Sie selbst hamstere nicht, einen Geigerzähler oder Jod brauche sie nicht. In ihrer Kirche sei für die Opfer gebetet worden, die örtliche Eltern-Lehrer-Organisation sammele Geld. Sie fühle sich dennoch hilflos: „Am liebsten möchte ich den Leuten dort heiße Suppe geben.“

Vor einigen Tagen glaubte sie, eine andere Möglichkeit zu helfen gefunden zu haben: „Ich erhielt eine Mail mit der Bitte, Strom zu sparen, der an die Menschen in den betroffenen Gebieten weitergeleitet werden könnte.“ Mehrere Tage habe ihre Familie stromsparend gelebt – bis sie erfuhr, dass die Kettenmail eine Falschinformation enthielt. „So ein Gerücht zu verbreiten, ist ein Verbrechen.“

Wie gehen ihre Nachbarn mit den aktuellen Bedrohungen um? „Menschen, die das Beben in Kobe 1995 oder die Atombombenabwürfe erlebt haben, fürchten sich mehr als andere Japaner davor“, sagt Kahoko Konishi. Mangels Erfahrung nähmen viele das Thema nicht ernst. Was würde sie im Falle eines Super-GAUs tun? „Darüber mag ich gar nicht nachdenken. Aber falls das Gebiet hier radioaktiv verseucht würde - mit meinen Kindern in den Süden gehen!“