Libyen Gadhafis Außenminister setzt sich nach London ab
Der libysche Außenminister Mussa Kussa ist in London gelandet und hat die britische Regierung über seinen Rücktritt informiert. Er galt als enger Gadhafi-Vertrauter.
Der libysche Außenminister Mussa Kussa hat sich nach Großbritannien abgesetzt. Der bisherige Vertraute von Machthaber Muammar al-Gadhafi sei am späten Mittwochabend auf dem Flughafen Farnborough bei London gelandet, teilte das britische Außenministerium mit. Anschließend habe Kussa mitgeteilt, dass er vom Amt des Außenministers zurücktrete, hieß es. Er sei aus eigenem Willen über Tunesien nach London gekommen und wolle nicht länger dem Regime von Gaddafi dienen.
Nach BBC-Informationen wurde Mussa Kussa nach seiner Ankunft in Großbritannien vom britischen Geheimdienst befragt. Unklar blieb zunächst, wie Kussa Libyen verlassen konnte und ob er Hilfe bei dem Flug nach London hatte. Über Libyen haben die Vereinten Nationen ein Flugverbot verhängt. Auf dem Flughafen Farnborough landen keine Linienmaschinen.
Er sei am späten Nachmittag vom Flughafen der tunesischen Insel Djerba gestartet, hatte zuvor die tunesische Agentur TAP gemeldet. Djerba liegt unweit der libyschen Grenze. Ein Sprecher der Regierung in Tripolis habe gesagt, Mussa Kussa sei auf einer "diplomatischen Reise". Er sei nicht geflüchtet.
Kussa war eine zentrale Person im Revolutionskomitee seines Landes. Bei allen wichtigen Verhandlungen der vergangenen Jahre saß der frühere libysche Geheimdienstchef mit am Tisch. Dabei ging es auch um die Verbesserung der Beziehungen Libyens mit dem Westen. Der CNN-Reporter Nic Robertson schrieb via Twitter, Kussa habe in den letzten Pressekonferenzen zunehmend unglücklich gewirkt.
Kussa hatte auch eine Schlüsselrolle bei den Gesprächen über die Freilassung mehrerer bulgarischer Krankenschwestern. Die fünf Krankenschwestern und ein Arzt hatten acht Jahre lang in libyscher Haft gesessen und waren wiederholt zum Tode verurteilt worden. Die libysche Justiz sah es als erwiesen an, dass die sechs 438 Kinder vorsätzlich mit dem Aids-Virus HI infiziert hatten. Später wurden die Strafen in letzter Instanz in lebenslange Haft umgewandelt, was den Weg für ihre Rückkehr nach Bulgarien freimachte.
Auch bei den Verhandlungen über eine Entschädigung der Angehörigen der Lockerbie-Opfer wirkte Kussa entscheidend mit. Um ihre Isolierung zu beenden, hatte die libysche Führung sich 2008 zur Zahlung von 1,5 Milliarden Dollar an die Hinterbliebenen des Flugzeugattentats über dem schottischen Lockerbie im Jahr 1988 bereit erklärt. Das Attentat, bei dem 270 Menschen ums Leben kamen, soll von Libyens Geheimdienst ausgeführt worden sein.
1980 war Kussa Botschafter seines Landes in London. Nachdem er von 1992 bis 1994 Vizeaußenminister war, leitete er von 1994 bis 2009 den libyschen Geheimdienst. Anschließend wurde er Chefdiplomat seines Landes.
Angesichts des Eingreifens der internationalen Militärkoalition in den Konflikt in Libyen hatte Kussa erst in der vergangenen Woche eine "US-französisch-britische Aggression" beklagt und eine Dringlichkeitssitzung auf UN-Ebene beantragt.
Ein hochrangiger US-Vertreter bezeichnete den Rücktritt Kussas als "sehr bedeutend"; dies zeige, dass das Umfeld Gadhafis keine Vertrauen mehr in die Stabilität der Führung in Tripolis habe.
- Datum 31.03.2011 - 06:28 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
- Kommentare 15
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Wikipedia schreibt dass mit Mussa Kussa auch eine ganze Reihe anderer libyscher Wuerdentraeger dem Regime Gadhafi den Ruecken gekehrt haben, darunter der Geheimdienstchef.
Mit dem Insider-Wissen, das jetzt zur Verfuegung stehen duerfte, wird sich bequem ein Tribunal gegen Herrn Gadhafi gestalten lassen. Ein paar Jahre Gefaengnis duerften Gadhafi jetzt schon so gut wie sicher sein.
Ich kann mir nicht vorstellen das dieser Mann wichtige Aussagen macht. Dann ist er ja selbst dran. Wenn nicht dann muß man die Ziele der fragwürdigen Koalition der USA, Frankreich und Groß Brittanien noch mehr in Frage stellen.
Versuchen Sie mal einen verschanzten Mörder, der eine komplette Armee auf seine Seite hat, einfach so ins Gefängnis zu stecken, egal wie viele Gründe man dafür hat. Der wird sich einfach nicht festnehmen lassen wollen.
Ich kann mir nicht vorstellen das dieser Mann wichtige Aussagen macht. Dann ist er ja selbst dran. Wenn nicht dann muß man die Ziele der fragwürdigen Koalition der USA, Frankreich und Groß Brittanien noch mehr in Frage stellen.
Versuchen Sie mal einen verschanzten Mörder, der eine komplette Armee auf seine Seite hat, einfach so ins Gefängnis zu stecken, egal wie viele Gründe man dafür hat. Der wird sich einfach nicht festnehmen lassen wollen.
Schon die Art, wie er die letzte Verlautbarung abgelesen hat, ließ so etwas vermuten.
Ist auch geschickt, das jetzt zu veranstalten, wenn die Gaddafi-Truppen vorübergehend auf dem Vormarsch sind. Wahrscheinlich wird er noch gebraucht.
Ich kann mir nicht vorstellen das dieser Mann wichtige Aussagen macht. Dann ist er ja selbst dran. Wenn nicht dann muß man die Ziele der fragwürdigen Koalition der USA, Frankreich und Groß Brittanien noch mehr in Frage stellen.
... auf den britischen Geheimdienst. Nicht das wieder ein Dossier auftaucht und die nächste Invasion legitimiert, so wie seinerzeit beim Irak
:-)
Ab jetzt wird es wieder spannend. Wie reagiert man darauf?
Ich kann mir hier keine klare Linie vorstellen. Nehme ich die Wortspiele der westlichen Führungspolitiker allein des letzten Jahres, dann kann man den Geflohenen vom Helden bis zum Todfeind stilisieren. Ähnlich ergeht es einer Bewertung seiner Absetzbewertung. Und natürlich weiß ich, als normaler Bürger, überhaupt nicht, was ich von dieser Person halten soll, denn mich erreichen nur gefilterte Informationen, aber es könnte auch sein, dass Mussa Kussa einfach nur ein typisch "guter" Politiker war.
Ich fürchte, das Meiste wird wieder "diplomatisch" erfolgen. Im Verborgenen, Verschwiegenen. Das ist ja das Perverse an der Kritik an wikileaks gewesen, dass man die Auswüchse der Dipliomatie damit rechtfertigte, dass niemand sie offenlegen durfte. Anders gesagt, auch hier kann man nur wieder in diesem Sinne spielen, weil man selbst sonst nur in Erklärungsnöte käme.
Das könnte sich erst ändern, wenn das gesamte libyische Regime gestürzt wurde. Aber auch dann bliebe es eben ein Spiel opportunistischer Diplomaten ohne Moral. Eine mögliche Be-(Ver-)urteilung ergäbe sich allein aufgrund des Umstandes, dass diese dann folgenlos durchführbar wäre.
Ist schon interessant genug, dass sich der Kerl nach Groß-Britanien absetzte.
wenn der deutsche Außenminister sich anschließen würde ;-)
... unterstützt die NATO durch völlige Untätigkeit nun faktisch den weiteren Machterhalt des schwer angeschlagenen Gaddafi-Regimes.
Seit der Kommandoübergabe (von der militärisch aktiven Allianz der Willigen auf die NATO-Allianz der offensichtlich mehrheitlich höchst Unwilligen) haben Gaddafis Truppen wieder jede Menge Nachschub und freie Bahn nach Bengasi. Die NATO greift bereits den dritten Tag in Folge nicht militärisch ein, um die nach wie vor akut von Gaddafis Soldateska bedrohte libysche Zivilbevölkerung weiterhin effektiv zu schützen, wie dies zuvor erfolgreich die von Frankreich, Großbritannien und den USA angeführte Allianz der Willigen getan hatte.
Es ist eine Schande für die NATO, dass sie faktisch NICHTS für Lybiens Bevölkerung zu tun gewillt ist, während es sogar schon im innersten Führungszirkel des Gaddafi-Regimes Absetzbewegungen gibt!
Doppelposting. Die Redaktion/wg
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