Es war eine wichtige Rede, eine der wichtigsten seiner Amtszeit. Denn am Dienstagabend begründete Amerikas Präsident nicht nur sein – begrenztes – Ja zum Libyen-Feldzug . Er legte überdies erstmals dar, unter welchen Bedingungen er, der Friedensnobelpreisträger, seine Soldaten künftig in den Krieg schicken würde. Aufgepasst, Kanzlerin Merkel und Außenminister Westerwelle: Die humanitäre Intervention gehört dazu!

Der Präsident, dessen Armee inzwischen in drei Ländern kämpft, präsentierte eine Strategie, die man mit Fug und Recht Obama-Doktrin nennen darf. Sie unterscheidet zwischen unabwendbaren und notwendigen Kriegen. 

Unabwendbare Kriege. Diese Kategorie ist nicht überraschend, davon hat bislang jeder US-Präsident gesprochen. In Obamas Worten heißt das: Sollte Amerikas Sicherheit oder die Sicherheit der Verbündeten unmittelbar gefährdet seien, würde man niemals zögern, sofort den Marschbefehl zu erteilen. Notfalls auch im Alleingang. Der Afghanistankrieg, entfacht nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, gehört zu dieser Kategorie.

Überraschend hingegen ist Obamas offenes Plädoyer für die humanitäre Intervention , für abwendbare, wenngleich vielleicht notwendige Kriege. Es gebe Konflikte, sagt er, die zwar nicht direkt Amerikas Interessen berührten, gleichwohl aber ein militärisches Eingreifen notwendig machten. Ein drohender Völkermord wie jetzt in Libyen zum Beispiel, aber auch eine gewaltige Naturkatastrophe oder die Gefährdung von Handelswegen.

Auch an solchen Kriegen würde sich Obama beteiligen. Allerdings nicht bedingungslos, nicht immer, nicht überall – und nicht im Alleingang. Seine Kondition: Amerika hilft hier nur, wenn auch andere mithelfen und die Vereinigten Staaten die Last nicht alleine schultern müssen. "Wahre Führung", lautet ein Schlüsselsatz der Obama-Doktrin, "schafft Bedingungen und Koalitionen, damit auch andere sich beteiligen".

Libyen stellte den Präsidenten vor eine dreifache Herausforderung. Erstens: Im Grunde scheute sich Obama, sein Land nach Irak und Afghanistan in einen dritten Krieg zu führen . Doch es drohte im libyschen Wüstensand ein Massenmord, der sich nur durch das schnelle Einschreiten der Supermacht Amerika verhindern ließ. Auch wenn Franzosen und Briten voranschritten, nur die Vereinigten Staaten verfügen über das Waffenarsenal und die Feuerkraft, um das Kampfgeschehen rasch zu wenden.

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Zweitens: Die Welt hatte den Völkermord in Ruanda vor Augen und das späte Eingeständnis des früheren Präsidenten Bill Clinton, sein damaliges Stillschweigen sei ein fataler Fehler gewesen. Es sollte in Libyen keine Wiederholung geben. Und schließlich drittens: Amerika durfte keinesfalls wie damals im Irak starrsinnig und allein handeln. Denn das würde Obamas Anliegen einer humanitären Intervention im Mittleren Osten diskreditieren. Vor allem mussten arabische Staaten mit von der Partie sein.

Der Libyen-Feldzug erfüllt diese Voraussetzungen. Die Arabische Liga bat um das Flugverbot. Der UN-Sicherheitsrat bereitete den Weg und schuf ein Mandat. Zahlreiche Europäer und zwei arabische Staaten, Katar und die Arabischen Emirate, kämpfen mit. Wenn die Nato nun das vollständige Kommando übernimmt , kann sich Amerika schrittweise ins zweite Glied zurückziehen. Denn schließlich hat Obama seinen Wählern versprochen, die Kriege allmählich zu beenden und sich mit ganzer Kraft den Arbeitslosen daheim zu widmen.

Aber was passiert, wenn Gadhafi sich in Tripolis einmauert und nicht weicht? Auf diese Fragen gibt Obama keine Antwort. Er preist die ersten Erfolge der Luftschlacht und hofft auf ein gutes Ende. Seine Berater sagen, auch damals in Bosnien und im Kosovo habe man irgendwann mit dem Bombardement begonnen, ohne von vornherein alle Eventualitäten einzuplanen.

Bereits als frisch gebackener Friedensnobelpreisträger verkündete Obama, dass sich das Grauen in der Welt mitunter nur mit einem Krieg bekämpfen lässt. Manchen Zuhörern erstarrte damals die applaudierende Hand. Einige wollten ihm am liebsten den Orden wieder aberkennen. Ein Friedenspreis für einen Kriegsbefürworter?

Am Dienstag bezog Obama hierzu erneut Stellung. Die libysche Opposition im Stich zu lassen, sagte er, sich vor der Verantwortung als Führungsmacht und vor der Verantwortung gegenüber den bedrohten Menschen zu drücken – das sei Verrat an Amerikas Werten. "Einige Nationen sind vielleicht imstande, die Augen vor den Gräueln in anderen Ländern zu schließen. Amerika ist anders." Hat Obama in diesem Augenblick an das zaudernde Deutschland gedacht?